Keine Kirche ist nur eine Kirche
René Magritte malte 1929 eine Pfeife und behauptete trotzig: Das ist keine Pfeife. (Ceci n'est pas une pipe.). Er hatte Recht. Es war nur ein Bild von einer Pfeife. Ähnliches passiert noch bis zum 04. Oktober im Ruhrgebiet. Vor zwölf mehr oder weniger verwaisten Kirchen in Duisburg, Gelsenkirchen, Essen und Bochum hängt ein Plakat, auf dem steht: „Das ist keine Kirche“. Es bleiben Fragen: Wann und warum hört eine Kirche auf, eine Kirche zu sein? Wie sind diese Räume in Zukunft zu nutzen? Und: Kann Kunst etwas bewirken? Die „Manifesta 16 Ruhr“ versucht sich an Antworten.
Um eine Antwort vorwegzunehmen: Als museale White Cubes taugen Kirchen nicht! Dafür können sie anderes umso besser. Kommen wir jedoch zunächst zu den Stärken dieser von einem generationenübergreifenden, internationalen Team aus sogenannten Creative Mediators und Experten kuratierten „Manifesta“. Spannend wird die 1996 in Rotterdam gegründete 16. Kunstbiennale immer dann, wenn sich die gestalterischen Interventionen mit den historischen, kulturellen, geografischen und demografischen Gegebenheiten der sie beherbergenden Räume auseinandersetzen, das räumliche Potenzial des Bestandes nutzen und das tun, was diese Gebäude angeblich nicht mehr können: für eine (Glaubens-) Idee zu stehen und die Menschen zusammenzubringen. Wir sind beim Thema dieser nomadisch (alle zwei Jahre an einem anderen Ort) stattfindenden experimentellen Plattform für zeitgenössische Kunst und Social Design.
Wie kann es im 21. Jahrhundert gelingen, die „Kirche im Dorf“ zu lassen? Was tun mit etwa 20.000 (damit wird in den kommenden zehn Jahren deutschlandweit gerechnet) leerstehenden oder ungenutzten Kirchen? Rückläufige Steuereinnahmen sowie immer weniger praktizierende Gläubige bedeuten immer weniger Geld in den Kassen und damit immer mehr überflüssige, sanierungsbedürftige oder verfallende Gebäude.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung im wirtschaftlich prosperierenden Ruhrgebiet stetig an. Kirchen wurden gebraucht und sie wurden gebaut. Pantoffelkirchen, hieß das damals. Sie waren von den Gemeindemitgliedern leicht zu Fuß zu erreichen und oft das Zentrum einer Gemeinde. Noch heute begeistert die progressive Ästhetik dieser Kirchen. Menschlicher Maßstab, klare Geometrien und experimentelle Lichtinszenierungen lassen in diesen von bekannten Architekten wie Gottfried Böhm, Rudolf Schwarz, Hans Scharoun, Hans Schilling oder Otto Bartning entwickelten Räumen vieles vorstellbar werden und genau darum ging es dem katalanischen Architekten und Stadtplaner Josep Bohigas als Urban Creative Mediator dieser „Manifesta“. Wie können leerstehende Gotteshäuser heute gemeinwohlorientiert umgenutzt werden? Können aus den ehemaligen Zentren des Glaubens neue Zentren der Gemeinschaft werden? Können hier nachbarschaftliche Treffpunkte und inklusive Identifikationsorte entstehen?
Turnhalle, Wellness-Oase oder Aussichtsturm
In die Bochumer St. Ludgerus Kirche kommen seit Juli 2026 wieder viele Menschen; vorwiegend junge aus der Nachbarschaft. Dem katalanischen Musiker- und Kunstkollektiv CaboSanRoque sei Dank: „Fail Louder“ heißt dort eine raumgreifende Installation, die eine musikalische Mischung aus Basket-, Fuß- und Handball oder Riesen-Croquet ist. Die Besucher:innen können sich Bälle greifen und auf Basketballkörbe oder eine Reihe schmaler Tore werfen oder schießen. In die Zielbretter der Körbe ist die Innenmechanik eines Klaviers eingebaut. Trifft ein Ball diese, erklingen die Saiten unangenehm laut. Die Rahmen der Tore sind mit einer Sensorik verbunden. Wenn man einen Pfostenschuss macht, wird die Mechanik der Orgel auf der Empore in Gang gesetzt. Kaum erwähnt werden muss, dass der von dem Architekten Hans Joachim Lohmeyer in dem den 1960er Jahren entworfenen Kirchenraum hinter Fangnetzen verschwinden muss.
In der erst im Mai 2026 entweihten Markuskirche in Essen-Frohnhausen (Kaufpreis 100.000 € – ohne Turm, versteht sich) verwandelt Augustas Serapinas die ehemaligen Kirchenbänke in eine skulpturale Installation. Dazu räumt er die Kirche komplett leer. Aus den nicht mehr gebrauchten Kirchenbänken lässt er eine Art begehbaren Aussichtsturm bauen. Ziel seiner Intervention ist, dass die Besucher:innen auf die Plattform steigen und in Kontakt mit der bis zu 13 Meter hohen, holzverkleideten Decke der Kirche kommen. Dort ist die Soundinstallation „Rhythm looks for two“ von Lilli Lake zu hören, die das Knarzen der maroden Holzdecke verstärken soll.
Erinnerungen, Zwiegespräche und Wärme
Andere Wege gehen Pinar Öğrenci, Ayşe Erkmen, Nasan Tur oder Miroslaw Balka. Sie arbeiten mit der statt gegen die Identität der (Kirchen-)Räume. Pinar Öğrenci macht sich in der, im sachlichen Expressionismus der 1920er Jahre erbauten Bochumer St. Anna Kirche auf die Spuren der ersten Generation von Gastarbeitern, die als Bergleute ins Ruhrgebiet kamen. Ihren 44-minütigen Film „Glück auf in Deutschland“ projiziert sie auf das Retabel hinter dem Altar. Darin vereint sie Fotografien und dokumentarische Montagen, um das industrielle Leben im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit aus der Perspektive jener zu erzählen, die in offiziellen Erzählungen kaum vorkommen.
In der ehemaligen Stadtkirche St. Gertrud in Essen verleiht Ayşe Erkmen mit ihrer Installation „Confessional“ traditionellen Beichtstühlen eine zeitgemäße Nutzung mit einer digitalen Schnittstelle. Anstatt mit einem Priester zu sprechen, begegnen die Menschen einer Software, die auf Fragen oder Anliegen KI-generiert reagiert. Ayşe Erkmen verbindet frühere und heutige Wege; traditionelle Rituale und technikbasierte Interaktionen. Beide suggerieren Privatsphäre, unterscheiden sich jedoch darin, wie persönliche Beziehungen, Vertrauen und Verbindlichkeit entstehen.
Ebenfalls in St. Gertrud, einer im Zweiten Weltkrieg zerstörten, ursprünglich im neoromanischen Stil erbauten und in den 1950er Jahren von dem Architekten Emil Jung wiederaufgebauten Kirche, die heute die private Hochschule der bildenden Künste Essen (HBK) beherbergt, stellt Nasan Tur Kirchenbänke, in die Menschen ihre Gedanken, Erinnerungen, Sorgen oder Hoffnungen einritzen konnten, vertikal auf. Diese Bänke dienen nicht mehr als Sitzgelegenheiten, sondern als (Botschafts-) Träger.
Im Schiff der Gethsemane-Kirche in Bochum, einer am Ende der 1940er Jahre von dem Architekten Otto Bartning geplanten, aus Trümmerziegeln in Modulbauweise errichteten Notkirche, hängen knallgelbe Neonschriftzüge, in denen das Wort HEIMAT in verschiedenen Sprachen zu lesen ist. Miroslaw Balkas Schriftzüge vermitteln damit ein Gefühl von Nähe, Geborgenheit und Wärme. Gleichzeitig erinnern die gelben Neonlichter an Kanarienvögel, die die Begleiter der Bergleute unter Tage waren und im Käfig in die Schächte vorgeschickt wurden, um zu sehen, ob Giftgas austritt.
Räume für Menschen schaffen
Ihre besten Momente hat diese „Manifesta“ immer dann, wenn die leeren (Raum-)Hüllen nicht nur als architektonisches Erbe betrachtet und mit Kunst gefüllt, sondern als spirituelle und soziale Räume sichtbar gemacht werden. Die von vielen als obsolet angesehenen Kirchen mit ihren oft beeindruckenden Räumen können in Zukunft viel dazu beitragen, mehr Nähe und Zusammenhalt in den Nachbarschaften zu erzeugen. Sie machen sichtbar, dass etwas Wichtiges fehlt – wenn Gebäude, die einer ganz bestimmten Ikonografie und Botschaft folgen, leerstehen. Ob dies mit Kunst oder Social Engineering geschieht, ist egal. Entscheidend ist, dass tragfähige Formen von Gemeinschaft entstehen.
Diesen Artikel hat Willy Hafner auf Deutsch verfasst.
Â
Â