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Berühr mich!

Verboten! Skulpturen dürfen in Museen nicht angefasst werden. Im Sprengel Museum Hannover ist das zurzeit (bedingt) erwünscht. Noch bis zum 4. Mai 2025 ermöglichen dort Plastiken von Tony Cragg, Richard Deacon und Barbara Hepworth haptische (Kunst-) Erfahrungen. Anfassen ist (mit Einschränkungen) erlaubt.

1 Tastelement
Ein Tastmodell soll den Besuchern die Möglichkeit bieten, die verschiedenen Oberflächen von Plastiken zu erfassen.

Finger weg, heißt es in vielen Museen. Das Berühren der Kunst ist nicht vorgesehen. Die Konservatoren wollen es so. Schützen und Konservieren stehen für sie im Vordergrund. Die Arbeiten für künftige Generationen zu bewahren, ist ihr Auftrag.

Skulpturen und Plastiken üben jedoch den Reiz aus, näher an sie heranzutreten, sie anzufassen, sie zu berühren und das Material mit den Händen zu spüren. Unterschiedliche Materialien bieten verschiedene Oberflächen, Strukturen und Erlebnisse, die sich am besten mit bloßen Händen erfühlen lassen. Bereits Henry Moore war überzeugt, dass Skulpturen (nur) mit den Händen im wahrsten Sinne des Wortes zu (be-) greifen sind. Seine Bildhauer-Kollegin Barbara Hepworth, in der Nachkriegszeit eine wichtige Repräsentantin der englischen Bildhauerei, war überzeugt, dass Skulpturen erst durch Berührung zu verstehen sind: „Ich denke, jede Skulptur muss berührt werden. Man kann eine Skulptur nicht betrachten, wenn man stocksteif dasteht und sie anstarrt“, meinte sie.

Eine Ausstellung im Fokusraum des Sprengel Museums will den Besucher:innen ermöglichen, die Oberflächen von drei unterschiedlichen Arbeiten zu ertasten, ihre Konturen zu erspüren und ihre Formen nachzuzeichnen; nicht mit bloßen Händen – im Rahmen von „sensorischen Führungen“ jedoch mit Handschuhen. Ein Leitsystem aus Noppenfeldern führt die Besucher:innen durch die Ausstellung. Zu jeder Arbeit gibt es eine Audiodeskription.

Barbara Hepworth – Epidaoros II

2 Barbara Hepworth
Barbara Hepworth, Epidauros II, Bronze, 1961

Die erste Station ist ein Tastmodell zur Bronzeplastik Epidauros II von Barbara Hepworth. Das Modell soll die Möglichkeit bieten, die verschiedenen Oberflächen dieser Plastik beispielhaft mit den Händen zu ertasten. Die danebenstehende Plastik selbst darf – wie die beiden anderen Arbeiten im Raum – nicht berührt werden.

Richard Deacon – Another Kind of Blue

Richard Deacon, Another Kind of Blue, glazed ceramic, 2005
Richard Deacon, Another Kind of Blue, Keramik, 2010

Weiter führt der Weg zur Arbeit Another Kind of Blue von Richard Deacon. Die großformatige Keramik wirkt eher beiläufig platziert; geschlossen in der Form, doch entrückt. Auf ihrer Oberfläche entspinne sich ein feines Spiel von Reflexionen und Spiegelungen, kleine Fehlstellen irritierten.

Tony Cragg – The Box

Tony Cragg
Tony Cragg, The Box, Bronze, 1949

Weiter führt der Weg zur Arbeit Another Kind of Blue von Richard Deacon. Die großformatige Keramik wirkt eher beiläufig platziert; geschlossen in der Form, doch entrückt. Auf ihrer Oberfläche entspinne sich ein feines Spiel von Reflexionen und Spiegelungen, kleine Fehlstellen irritierten.

Erfassen von Skulpturen wörtlich nehmen

Die Plastiken von Barbara Hepworth, Richard Deacon und Tony Cragg erforschen Formen, Oberflächen, Strukturen, Schichten und Zwischenräume. Alle Arbeiten sind gezeichnet durch die intensive Beschäftigung mit dem jeweiligen Werkstoff. Fragen nach dessen Form und Formbarkeit, nach dem Zusammenspiel von Material und Farbe, von Objekt und Raum begleiteten ihre Entstehung.

Bildhauerei ist keine Abbildung der Realität, sondern das Ausloten von Materialfähigkeit. Skulpturen aus Holz und Stein oder Plastiken aus Keramik, Bronze, Glas und Stahl können von Menschen erfühlt werden. Thermik, Konturen und Texturen können nachgespürt und nicht bloß über den Sehsinn erschlossen werden. Das Erfühlen, Berühren und die körperliche Begegnung war und ist ein zentrales, formbestimmendes Moment in der Bildhauerei und ermöglicht eine intensive körperliche Erfahrung mit den Werken.

Die Ausstellungspraxis hat sich jedoch bisher vor allem auf die visuelle Erfassung von Kunstwerken konzentriert. Das Sprengel Museum Hannover will sich in dieser Ausstellung für eine „erlebnisorientierte Museumserfahrungen“ öffnen. Dieser Perspektivenwechsel, bei der auch die haptische Komponente der ausgestellten Arbeiten nachempfunden werden kann, ist begrüßenswert. Gerade in Zeiten eines bildschirmdominierten Lebens vieler Menschen ist vor allem auch die haptische Erfahrung von Kunst relevant. Neu ist das nicht. In Hannover wurde – wieder einmal – ein Versuch gewagt.

 

Willy Hafner verfasste diesen Artikel auf Deutsch.

 

Die Ausstellung Skulpturen Erfassen läuft noch bis zum 4. Mai 2025. Weitere Informationen hier.

Noch nicht genug von berührbarer Kunst? Unsere Autorin Sophie Fendel hat sich letztes Jahr mit der Faszination der Berührung von Bronze-Plastiken im öffentlichen Raum beschäftigt: hier Aretikel lesen.

Über den Autor/ die Autorin

Willy Hafner

Willy Hafner ist Münchner Kunsthistoriker und organisierte 2019 zusammen mit Eva Wolf und Angelika Hein das erste und zweite Sculpture Network Lab. Seitdem berichtet er für uns von spannenden Skulptur-Projekten in Deutschland und darüber hinaus. Er ist Mitglied des Patronatskomitees des Centro Internazionale di Scultura und hilft, die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung des Projektes zu unterstreichen.

Übersetzung

Elka Parveva-Kern

Elka Parveva-Kern unterstützt Sculpture Network seit 2024 als Übersetzerin - eine wunderbare Gelegenheit, ihr langjähriges Interesse an Sprachen und Kunst zu verbinden.

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