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Anish Kapoor macht das Unsichtbare sichtbar – und fordert unsere Wahrnehmung heraus

Seit mehr als fünf Jahrzehnten prägt Anish Kapoor die zeitgenössische Kunst mit einer unverwechselbaren Formensprache, die seinen Skulpturen eine universelle Anziehungskraft verleiht. Durch die Verwendung loser Pigmente verschwimmen bei Kapoor die Grenzen zwischen Skulptur und Malerei, wodurch Werke entstehen, die zugleich stofflich wie auch flüchtig wirken.

Anish Kapoors Werk fasziniert durch Gegensätze: Außen und Innen, Dunkelheit und Licht, Materielles und Immaterielles, Körper und Seele. Im Jahr 2025 wurde ihm für sein wegweisendes Werk der Wilhelm-Lehmbruck-Preis verliehen. Mit einer umfassenden Ausstellung, die 16 Werke aus fünf Jahrzehnten seines künstlerischen Schaffens zeigt, wird dieses Werk nun gewürdigt. Ein Muss für alle Liebhaber:innen der Bildhauerei.

Seit Ende der 1980er Jahre beschäftigt sich Kapoor mit dem Wechselspiel zwischen Innen und Außen sowie zwischen Leere und Dichte und setzt dabei eine enorme Vielfalt an Materialien ein, darunter Stein, Edelstahl, Harz, Pigmente, Wachs, Lack, Metall, Holz, Glasfaser, Alabaster und Onyx. Seine hochglanzpolierten Spiegelskulpturen sind weltweit bekannt. Im Rahmen der Ausstellung im Lehmbruck-Museum ist eine riesige Spiegelinstallation zu sehen, die einen ganzen Saal ausfüllt. Es handelt sich um die Double S-Curve aus dem Jahr 2019, die die Körper der Betrachter:innen und die umgebenden Objekte transformiert und auf spektakuläre Weise im Raum reflektiert.

Anish Kapoor, Double S-Curve, 2019, Foto Gerrit Jan Hoogland
Anish Kapoor, Double S-Curve, 2019, Edelstahl. Bonn 2026. Foto: Gerrit Jan Hoogland

Illusionen auf Papier 

Kapoors Objekte verzerren die Umgebung, stellen die Wahrnehmung in Frage und lassen die Grenzen des physischen Raums verschwimmen, was in dieser Ausstellung deutlich zum Ausdruck kommt. Die Schau umfasst zudem eine umfangreiche Sammlung an Zeichnungen und Gouachen, in denen Farbe, Körperlichkeit und Dunkelheit zusammenfließen. Zu sehen ist eine Serie von Papierarbeiten mit dem Titel Non-Object Black, deren pechschwarze Pigmente (Vantablack) den Blick förmlich in sich hineinziehen. Anish Kapoor ist ein Meister darin, Situationen zu erschaffen, in denen das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung auf die Probe gestellt wird. Gewohnte Sichtweisen lösen sich auf, und in der entstandenen Leere findet sich Raum für neue Erfahrungen und unbekannte Betrachtungsweisen. Das Konzept von der „Leere“ ist zentral für Kapoors künstlerisches Denken und nimmt in seinem Werk vielfältige Formen an. Ein perfektes Beispiel für diese Art seiner Arbeit ist Descent into Limbo, entstanden 1922 (Der Abstieg in die Vorhölle), bestehend aus einem schwarzen Kreis mit einem Durchmesser von etwa sechzig Zentimetern, in der Mitte des Bodens eines Schranks, der sich im Museum De Pont in Tilburg, Niederlande, befindet. Auf den ersten Blick scheint es sich um eine ebene Fläche zu handeln, doch bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass es tatsächlich eine Vertiefung ist. Der Schrankinnenraum ist mit dunkelblauem Pigment bedeckt, das sämtliches Licht absorbiert und wodurch jegliche räumliche Wahrnehmung verloren geht.

Anish Kapoor, Mother as a Mountain, 1985 1992, Foto Gerrit Jan Hoogland
Anish Kapoor, Mother as a Mountain, 1985, Mischtechnik und Pigment. Bonn 2026. Foto: Gerrit Jan Hoogland

Wie lässt sich das Immaterielle, das Unsichtbare darstellen – das, was doch das Wesen des Menschseins ausmacht?

Die Verkörperung der Weiblichkeit

In dieser Ausstellung sind Kapoors faszinierende Werke im Einklang mit der Architektur des Museumsgebäudes, das durch reichlich Stahl und Glas sowie einige offene Räume geprägt ist. Während wir durch die Ausstellung gehen, begegnen uns Werke, die auf andere Dimensionen als die irdischen verweisen – manchmal auf geheimnisvolle, vieldeutige oder sanft provokative Weise. Nehmen wir zum Beispiel das Werk Mother as a Mountain (Mutter als Berg), das vollständig aus Pigmenten besteht. In diesem Werk steht die Verbindung zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen im Mittelpunkt. Für Söke Dinkla, eine der Essayist:innen, die Beiträge zum Ausstellungskatalog verfasst haben, „erinnert die Form auf abstrakte Weise an eine Vulva, die sich zum Inneren eines Körpers öffnet.“ Arne Groh, ein weiterer Essayist, schreibt dazu: „Kapoor nutzt die Form und den Titel dieses Werks, um Assoziationen zu Fruchtbarkeit, Leben, Ursprung, Fürsorge, Körperlichkeit und Vergänglichkeit zu wecken. In vielen spirituellen Traditionen gilt der Berg als Verkörperung der Weiblichkeit und als Mutter der Welt, die uns beschützt und nährt.“ 

Das Wesen der menschlichen Existenz

Mit einer unendlichen Vielfalt an Formen setzt sich Anish Kapoor mit den grundlegenden Bedingungen der menschlichen Existenz auseinander. In seinen Werken geht es um das Geheimnis von Leben und Tod, um die gegensätzlichen Kräfte, die unsere Existenz bestimmen. In einem Interview, das Kapoor 2022 mit Ai Weiwei in der Sendung Studio B des Senders Al Jazeera führte, erklärte Kapoor: „Ich fühle mich vom urzeitlichen Opferritual angezogen; der Tod und sein Ursprung sind mit gewissen rituellen Urpraktiken verbunden. Damit beschäftige ich mich seit 40 Jahren. Natürlich gibt es Dinge, die durchgehend präsent sind: die Farbe Rot, die Vorstellung, dass sich die zweidimensionale und die dreidimensionale Welt miteinander vermischen. Das ist die Entdeckungsreise, auf der ich mich befinde.“

„Was ich zu tun versuche, ist, ein Abbild des Inneren zu schaffen, meines Inneren.“

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Kapoors Skulpturen sind keine statischen Objekte, sondern experimentelle Räume, die sich bewegen, die verwundern und die sich verwandeln. In der Ausstellung im Lehmbruck-Museum treffen die Besucher:innen auf einem kleinen Zwischengeschoss auf das monumentale Werk Past, Present, Future (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft). Eine 9 Meter hohe Halbkugel aus hochpigmentiertem Rot, die aus der sie umgebenden Architektur herauszuwachsen scheint. Die Halbkugel wird durch eine schwere metallene Form in ständiger Bewegung gehalten. Sie schiebt das Material langsam von rechts nach links, drückt es an die Wand, zieht es zurück und schleift es mit sich. Das Material erinnert an Blut und an das Innere eines Körpers. Diese viszerale Qualität zieht sich durch Kapoors gesamtes Werk und wird durch den häufigen Einsatz der Farbe Rot besonders deutlich und verständlich gemacht. Für dieses erstaunliche Objekt im Zwischengeschoss verwendete Kapoor Stahl und Wachs. Er bezieht sich hier auf den Lebenszyklus: Geburt, Wandlung, Zerfall und Erneuerung.

Anish Kapoor, Past, Present, Future, 2006, Foto Gerrit Jan Hoogland
Anish Kapoor, Past, Present, Future, 2006, Wachs, Stahl, mechanischer Arm, Ă–lfarbe. Foto: Etienne Boileau

In der Nähe des Eingangs trifft man auf einen riesigen Korridor aus drei gewaltigen, offenen Formen, die vollständig aus Harz gefertigt sind und den Titel 1st body 2013 tragen; mit dieser Arbeit soll unsere körperliche und materielle Verbindung zur Erde hervorgehoben werden. Auf mich wirkte die Installation eher schwerfällig und erdrückend, sodass ich keinen richtigen Zugang dazu finden konnte. In einem weiteren offenen Saal des Lehmbruck-Museums liegen vier massive Skulpturen aus rosa Onyx. Die Körperlichkeit der Werke ist offensichtlich, und die in den Stein gehauenen ovalen Öffnungen, Einschnitte und Vertiefungen sind typisch für Kapoors Schaffen. Sie lassen an Körperöffnungen denken und erinnern an „die Leere“, ein wiederkehrendes Thema bei Kapoor. Für mich hatten diese Arbeiten aus rosa Onyx zunächst vor allem ästhetischen Charakter. Die tiefere Bedeutungsebene und der Verweis auf Körperöffnungen wurden mir erst später bewusst.

„Schalte den Teil von dir aus, der Gefahr laufen könnte, an etwas teilzuhaben, das andere als kontrovers empfinden könnten.“

Anish Kapoor, Spire, 2014, Foto Gerrit Jan Hoogland
Anish Kapoor, Spire, 2014, Edelstahl. Bonn 2026. Foto: Gerrit Jan Hoogland

Poetische oder politische Kunst?

Als Ai Weiwei im Rahmen des Interviews des Senders Al Jazeera Kapoor die Frage stellte, ob seine Arbeit in irgendeiner Weise politisch sei, antwortete Kapoor: „Menschen, die sich mit Kultur beschäftigen, müssen eine politische Stimme haben, aber meine Kunst ist in keiner offensichtlichen Weise politisch – ich hoffe jedoch, dass sie es auf allerlei versteckte Weise ist. Wir leben im Zeitalter des Post-Wissens. Meine Aufgabe als Künstler besteht darin, mich selbst zu „entbilden“ und einen Weg zu etwas zu finden, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe, was es ist. Poetische und visuelle Kultur sind jedoch für Regierungen von Bedeutung. Sie fürchten sich davor, was Künstler denken und wie sie dieses Denken in die Welt hinaus tragen. Der poetische Akt besitzt eine derart machtvolle Kraft, dass er Hunderttausende von Menschen zu bestimmten Schlussfolgerungen über den Zustand ihres Daseins bewegen kann. Kunst kann politisch sein, aber auch philosophisch – gerade in dem, was nicht gesagt oder nur angedeutet wird. In vielen Teilen der Welt wird die Meinungsfreiheit heutzutage nicht toleriert. Unsere größte Angst muss die Selbstzensur sein. Selbstzensur bedeutet, den Teil von dir auszuschalten, der Gefahr laufen könnte, an etwas teilzuhaben, das andere als kontrovers empfinden könnten.“

Der Katalog mit dem Titel „Anish Kapoor“ ist kürzlich erschienen.

Buchhandlung Walther König, Köln

Anish Kapoor. Preisträger des Wilhelm-Lehmbruck-Preises der Stadt Duisburg und des Landesrats Rheinland

Lehmbruck-Museum, Duisburg

1. April – 18. Oktober 2026

www.lehmbruckmuseum.de

 

Der Artikel wurde von Etienne Boileau auf Englisch verfasst.

Ăśber den Autor/ die Autorin

Etienne Boileau

Etienne Boileau ist ein in Rotterdam lebender Journalist und Autor.

Ăśbersetzung

Sybille Hayek

Sybille Hayek ist Lektorin und Ăśbersetzerin. Seit 2022 unterstĂĽtzt sie unser Team ehrenamtlich mit ihrem geschulten Blick fĂĽrs Detail und einer groĂźen Liebe zur Sprache.

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