Eline Kersten, While the Fire Burns, 2024, Three-channel video installation, HD, 10:24 Min, Stereo
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Die Natur, der Schmerz und seine Folgen

Peccia im Sommer 2024; Unwetter im Schweizer Kanton Tessin. Im oberen Maggiatal stürzen Brücken ein, Straßen werden überflutet, Häuser beschädigt. Es gibt Tote und Verletzte. Im Sommer 2026 beschäftigt sich die 1994 im niederländischen Maastricht geborene Eline Kersten in der Ausstellung „Forme di Ssolastalgia“ (Formen von Solastalgie) im dortigen „Centro Internazionale di Scultura (CIS)“ mit den Folgen des Klimawandels.

Solastalgie beschreibt einen psychischen Schmerz, in Eline Kerstens Fall eher eine Art Umwelttrauer. Ein Gefühl, das Menschen empfinden, wenn sich ihre vertraute Heimat oder Umwelt direkt vor ihren Augen verändert; heimwehkrank heißt dies im Volksmund.

Eline Kersten klagt nicht an, sie belehrt nicht. Fordern oder moralisieren liegt ihr fern. Kersten recherchiert; gemeinsam mit Geolog:innen, Botaniker:innen, Meteorolog:innen, Mineralog:innen, Gletscherforscher:innenn und Anthrakolog:innen – Forscher:innen, die sich mit Pflanzenkohleresten in der Archäologie beschäftigen. Sie arbeitet mit Feuerwehrleuten zusammen und thematisiert, verdeutlicht und formuliert; auf den Punkt. Kersten vermeidet Sentimentalität oder Resignation und agiert immer aus jenem Zusammenhang heraus, in dem die Menschen leben. Sie zeigt Probleme auf, die alle betreffen; Umweltzerstörung und Klimawandel.

Eline Kersten interessiert sich für die Verflechtungen zwischen Menschen und Natur, verdeutlicht in ihren Arbeiten das, was ist, und fordert die Betrachter auf, die vordergründig sichtbare Realität zu hinterfragen. Ökologie und der Umgang mit dem Klimawandel sind die zentralen Themen. Von Aktionismus gibt es keine Spur; weder Plakate noch Slogans oder platte Forderungen. Kerstens Ansatz ist ein anderer, ein sanfterer, jedoch nicht weniger eindringlicher. Sie schafft mit verschiedenen Medien – bewegten Bildern, Installationen und Grafiken – Räume, die zum Nachdenken auffordern.

Eline Kersten, While the fFire Burns, 2026, Dreikanal-Videoinstallation, HD, 10:24 Min. Stereo
Eline Kersten, While the Fire Burns, 2024, Dreikanal-Videoinstallation, HD, 10:24 Min. Stereo
In Peccia zeigt sie auf sechs Bildschirmen und in verschiedenen Perspektiven eine immersive Videoinstallation, die die zerstörerische, aber auch regenerative Kraft von Feuer für Ökosysteme deutlich macht. In unterschiedliche Blickwinkel richtet sie den Blick auf Wald- und Flurbrände in den Schweizer Alpen. Mit Bildmaterial, das unter anderem mit Wärmebildkameras aufgenommen wurde, zeigt sie, was nach einem Waldbrand – neben der Pioniervegetation – noch übrigbleibt: geschwärzter Boden, verkohltes Holz und verbrannte Erde. Daneben gruppiert sie eine Reihe handgeblasener Kapseln aus Borosilikatglas auf einem Podest. In den an in chemischen Laboren gebräuchliche Reagenzgläser erinnernden Gefäßen befindet sich durch Eiskernbohrungen gewonnenes Wasser aus den Gletschern der Antarktis und Grönlands; zum Teil über 100.000 Jahre alte Wasserlachen, in denen sich das Gedächtnis der Erde wiederfindet. Davor hängt sie in einer Art Mobile (Alexander Calder lässt grüßen) teilweise angebrannte, in verkohlten Waldflächen gefundene Objekte und Kohlenstücke. 

Eline Kersten, Timekeepers, 2024-2025
Eline Kersten, Timekeepers, 2024-2025
In Eline Kerstens Arbeiten verändern sich Landschaften. Sie macht deren Geschichte(n) sicht- und erlebbar. Fragt danach, was passiert, wenn sie verschwinden. Sie interessiert sich für die ökologische, historische und persönliche Bedeutung dieser (oft) von Menschen missbrauchten Regionen. Sie beleuchtet die Verbindungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt sowie ihre Beziehung zu Leben und Tod.

Eline Kersten hat Bildende Kunst an der Kunstakademie in Maastricht und Kuratorik am Goldsmiths College in London studiert. Ihr ästhetischer Anspruch ist offensichtlich; eine moralische Konnotation jedoch nicht zu sehen. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger. Kersten zeigt Phänomene und Perspektiven auf, rückt Bekanntes in ein neues Licht und bezieht die Betrachter:innen direkt mit ein. Kunst braucht schließlich nicht nur jemanden, der sie betrachtet, sondern Menschen, die über das Gesehene hinausdenken.

Eline Kersten, Life, by any other name, 2025
Eline Kersten, Life, by any other name, 2025. Kinetische Skulptur aus Metall, Holzhohle, verkohltem Holz und Samenkapseln von Pyrophyten
In Peccia, einem kleinen Ort im Schweizer Kanton Tessin, in dem die Folgen der Katastrophe von 2024 noch immer sicht- und spürbar sind, setzt sich Eline Kersten mit ihrem Konzept der ökologischen Trauer gleichzeitig mit einem lokalen Kontext und dem globalen Klimawandel auseinander.

Noch bis zum 31. Oktober 2026 ist die Ausstellung „Forme di Solastalgia“ (Formen von Solastalgie) im „Centro Internazionale di Scultura (CIS)“ in Peccia zu sehen. Ab dem 30. Oktober werden Kerstens Arbeiten im Rahmen der Ausstellung „Weltbilder im Wandel. Landschaften von Arkadien bis Anthropozän“ im Landesmuseum Oldenburg gezeigt. Im Oldenburger Schloss treffen ihre und Installationen von Viktor Brim, Dorota Gawęda + Eglė Kulbokaitė, Till Langschied und anderen auf Gemälde und Zeichnungen von J. H. W. Tischbein, Erich Heckel oder Gerhard Richter.

 

Dieser Artikel wurde von Willy Hafner auf Deutsch verfasst.

Über den Autor/ die Autorin

Willy Hafner

Willy Hafner ist Münchner Kunsthistoriker und organisierte 2019 zusammen mit Eva Wolf und Angelika Hein das erste und zweite Sculpture Network Lab. Seitdem berichtet er für uns von spannenden Skulptur-Projekten in Deutschland und darüber hinaus. Er ist Mitglied des Patronatskomitees des Centro Internazionale di Scultura und hilft, die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung des Projektes zu unterstreichen.

Übersetzung

Elka Parveva-Kern

Elka Parveva-Kern unterstützt Sculpture Network seit 2024 als Übersetzerin - eine wunderbare Gelegenheit, ihr langjähriges Interesse an Sprachen und Kunst zu verbinden.

Galerie

Eline Kersten, While the Fire Burns, 2024, Three-channel video installation, HD, 10:24 Min, Stereo
Eline Kersten, While the Fire Burns, 2024, Three-channel video installation, HD, 10:24 Min, Stereo

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