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Collectors’ Talk: Vom Sammeln zur Gründung eines Museums

Mit der neuen Veranstaltungsreihe „Collectors‘ Talk“ widmet sich Sculpture Network der Welt des Kunstsammelns und den vielfältigen Perspektiven, die sie eröffnet – von Leidenschaft über Vermächtnis bis hin zu Verantwortung und öffentlichem Engagement.

Die erste Ausgabe der Reihe trägt den Titel Vom Sammeln zur Gründung eines Museums und stellt eines der inspirierendsten Beispiele dafür vor, wie sich eine Privatsammlung zu einem der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in Deutschland entwickeln kann. Die Rede ist vom Sprengel Museum, das in den 1970er Jahren vom Kunstsammler Bernhard Sprengel gegründet wurde. Es beherbergt eine einzigartige Sammlung expressionistischer Kunst sowie abstrakter Kunst aus der Nachkriegszeit und ist inzwischen eine führende Institution für moderne und zeitgenössische Kunst.

An der Diskussion nahmen Tilman Kriesel unabhängiger Kunstberater und Enkel des Museumsgründers, sowie Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museums, teil. Die Moderation übernahm Natasha Bergmann, Kunstberaterin und Mitglied des Kuratoriums von Sculpture Network

Foto Herling Herling Werner Sprengel Museum Hannover (2)
Sprengel Museum Hannover. Photo Herling Werner

Zunächst stellte Natasha Bergmann das Sprengel Museum vor. Im Jahr 1969 vermachten Bernhard und Margrit Sprengel der Stadt Hannover ihre umfangreiche Sammlung moderner Kunst. Diese Schenkung war der Impuls für den Bau des Museums, das zehn Jahre später, im Jahr 1979, eröffnet wurde.

Collectors Talk1 Margrit and Bernhard Sprengel in their living room,  private archive Tilman Kriesel
Margrit and Bernhard Sprengel in their living room, private archive Tilman Kriesel

Dann ging Tilman auf die Gründe ein, die Bernhard und Margrit Sprengel dazu bewogen hatten, mit dem Kunstsammeln zu beginnen. Er erinnerte sich an die Besuche in der Wohnung seiner Großeltern, bei denen er stets von Musik und Kunst umgeben war. Er merkte an, dass Leidenschaft und Qualität für seine Familie schon immer von zentraler Bedeutung waren. Nach dem Besuch der Nazipropaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ in München hatte das Ehepaar begonnen, Kunst zu sammeln. Dieser Besuch inspirierte ihn später, zeitgenössische Kunst lebender Künstler seiner Generation zu sammeln.

Anschließend erläuterte Reinhard die Geschichte des Sprengel Museums näher. Nachdem das Ehepaar Sprengel über mehrere Jahre hinweg eine Kunstsammlung aufgebaut hatte, wollte es diese einem breiteren Publikum zugänglich machen. Das Ergebnis war eine Ausstellung in der Kestner Gesellschaft in Hannover, die von der Öffentlichkeit positiv aufgenommen wurde. Daraufhin beschloss das Ehepaar Sprengel, seine Sammlung der Stadt Hannover zu übergeben und den Bau eines neuen Museums mit zusätzlichen 250 Millionen DM zu unterstützen. So entstand das Sprengel Museum. Reinhard fügte hinzu, dass die großzügige Spende des Ehepaars nicht daran gekoppelt war, dass sie selbst in die Ausrichtung des Museums eingebunden waren. Dadurch konnte sich die Institution zu dem Museum entwickeln, das es heute ist.

Auf Natashas Frage, wie aus Privatsammlungen öffentliche Museen entstehen können, antwortete Reinhard, dass dies in erster Linie von der Qualität der Kunstwerke abhängt. Es muss ein sehr großes öffentliches Interesse bestehen, damit ein Museum aus öffentlichen Mitteln gefördert wird. Zudem ist es sehr selten, dass ein öffentliches Museum nur auf der Basis einer einzigen Sammlung entsteht, da bei dessen Gründung in der Regel verschiedene Sammlungen zusammengelegt werden. Zwar stellte das Ehepaar Sprengel die Gründungssammlung des Sprengel Museums zur Verfügung, doch die heutige Museumssammlung enthält auch Werke aus staatlichen, städtischen und privaten Sammlungen. In vielerlei Hinsicht ist eine Sammlung eher ein Katalysator für die Entstehung eines Museums als dass sie selbst ein Museum wird.

Tilman unterstützte diese Ansicht. Er ist der Meinung, dass Kunst öffentlich sein sollte, und spendet deshalb die meisten der von ihm erworbenen Kunstwerke. Außerdem ist er der Auffassung, dass Kunstsammlungen nicht von Egos geprägt sein sollten. Wenn eine Sammlung einem Museum überlassen wird, können die Kunstwerke so auf demokratischere Weise als Teil des öffentlichen Lebens weiterleben. Für ihn ist dies ein wichtiger Aspekt des Vermächtnisses seiner Großeltern, die ihre Sammlung der Stadt Hannover ohne jegliche Erwartungen überlassen haben und ihr damit ein echtes Geschenk machten, anstatt die Sammlung als Weiterführung ihres Selbstbildes oder ihres Erbes zu betrachten.

Collectors Talk 1 Cover of the Book by Angela Kriesel, Bernhard Sprengel with Calder model
Cover of the Book by Angela Kriesel, Bernhard Sprengel with Calder model

Reinhard betonte, dass wirklich wertvolle Sammlungen der künstlerischen Exzellenz Vorrang geben. Viele Sammlungen sind oft ein erweitertes Selbstbild des Sammlers bzw. der Sammlerin, und in solchen Fällen ist es besser, wenn die Sammlungen privat bleiben. Wenn jedoch ein Kunstsammler oder eine Kunstsammlerin wirklich passioniert ist und künstlerische Spitzenleistungen unterstützt, dann können solche Sammlungen von unglaublichem Wert für die Öffentlichkeit sein und in ein Museum übergehen.

Er führte weiter aus, dass es wichtig ist, die Intentionen hinter einer Sammlung nicht außer Acht zu lassen. Wenn die Sammlung eine besondere Qualität aufweist oder durch ein spezifisches thematisches Interesse entstanden ist, ist es wichtig, die Kunstwerke zusammenzuhalten. Sollte die Sammlung jedoch etwas breiter aufgestellt sein, könnte man sie aufteilen und mehreren Institutionen überlassen. Dabei sollte man sich auch überlegen, welchen bereits existierenden Museen man seine Sammlung überlassen würde und wie sich damit ein Mehrwert nicht nur für das Museum selbst, sondern auch für die umliegende Region schaffen ließe. Es ist ebenfalls wichtig, die Auswirkungen auf die Öffentlichkeit im Blick zu haben.

Zum Abschluss stellte Natasha die Frage nach der Zukunft privater Kunstsammlungen. Sie wies darauf hin, dass vor allem in Europa immer mehr Privatsammlungen in öffentliche Museen überführt werden, und bat Reinhard und Tilman um ihre Einschätzung zur künftigen Entwicklung privater Kunstsammlungen.

Tilman stimmt zu, dass es nützlich und relevant ist, private Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er fragt sich jedoch, ob dafür neue Museen unbedingt notwendig sind, da es bereits viele bestehende Institutionen gibt, die diese privaten Sammlungen übernehmen und betreuen könnten.

Reinhard stimmt Tilmans Ansatz zu, Kunst bewusst zu sammeln und einer Institution als Schenkung zu überlassen. Er betont, dass es für Sammler:innen wichtig sein sollte, Qualität über Quantität zu stellen. Wirklich wertvolle Sammlungen enthalten Kunstwerke, die unsere Welt kritisch hinterfragen. Für Sammler:innen ist es daher essenziell, dies im längerfristigen Rahmen zu berücksichtigen und beim Sammeln nicht nur Kunstwerken von Blue-Chip-Künstler:innen den Vorzug zu geben. Beide sind sich einig, dass Kunst dazu dienen sollte, Neugier zu wecken und den Blick für die Welt zu öffnen – und dass Sammler:innen diesen Austausch fördern können, indem sie ihre Sammlungen öffentlich zugänglich machen.

Myfanwy Halton hat diesen Artikel auf Englisch verfasst.

 

Über den Autor/ die Autorin

Myfanwy Halton

Myfanwy Halton ist Autorin und Produzentin aus Australien und lebt in München.

Übersetzung

Elka Parveva-Kern

Elka Parveva-Kern unterstützt Sculpture Network seit 2024 als Übersetzerin - eine wunderbare Gelegenheit, ihr langjähriges Interesse an Sprachen und Kunst zu verbinden.

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