The Alternative Limb Project. Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025 mit den Armprothesen „Materialise” und „VINE 2.0”. Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025, Photographer: Norbert Miguletz ©Frankfurter Kunstverein, Courtesy: The Alternative Limb Project
Magazin

Du bewohnst ein atmendes Wunder.

Was bedeutet es heute, einen Körper zu haben – und zugleich darüber hinauszudenken? "Anatomie der Fragilität – Körperbilder in Kunst und Wissenschaft" ist der lange, dennoch treffende Titel der aktuellen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein. Sie schlägt eine mutig kuratierte Brücke zwischen den oft getrennt gedachten Perspektiven von Wissenschaft und Kunst und lässt die Besucher:innen unweigerlich in eine Welt eintauchen, in der Körperbilder sich verschieben, überlagern und neu entstehen.

Ich erreiche den Kunstverein an einem frostigen Sonntagnachmittag. Vor allem auch angezogen von einer der Headliner:innen, der Künstlerin Agnes Questionmark, deren Arbeiten ich schon längere Zeit in den sozialen Medien verfolge. Gemeinsam mit einem Freund trete ich durch die Türen, den Atem noch sichtbar in der Luft.

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Kroisos-Kouros (Kopie des Kroisos-Kouros, Original datiert auf 530 v. Chr.). Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025, Fotograf: Norbert Miguletz ©Frankfurter Kunstverein, Courtesy: Antikensammlung und Skulpturensaal der Goethe-Universität Frankfurt

Am Eingang empfängt uns, untypisch für einen zeitgenössischen Kunstverein, ein Kroisos-Kouros – eine exakte Kopie der um 530 v. Chr. datierten Männerskulptur. Die Leihgabe aus der Antikensammlung der Goethe-Universität Frankfurt macht sofort klar: Diese Ausstellung ist anders. Sie beginnt nicht mit der Gegenwart, sondern mit einem normierten Ideal aus der Antike, einem Bild des schönen, freien, männlichen Körpers als Maß aller Dinge.

Auf der Suche nach einem Schließfach für unsere winterliche Kleidung streifen wir durch einen kleineren Raum im Keller, in dem Filmszenen über eine Anatomin in Italien laufen. Zu neugierig auf die eigentliche Schau lassen wir diesen Raum jedoch vorerst hinter uns und begeben uns den großzügigen Treppengang hinauf.

 

The Alternative Limb Project. Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025 mit den Armprothesen „Materialise” und „VINE 2.0”. Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025, Photographer: Norbert Miguletz ©Frankfurter Kunstverein, Courtesy: The Alternative Limb Project
The Alternative Limb Project. Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025 mit den Armprothesen „Materialise” und „VINE 2.0”. Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025, Fotograf: Norbert Miguletz ©Frankfurter Kunstverein, Courtesy: The Alternative Limb Project

Kaum im ersten Stock angekommen, stoßen wir auf eine der, wie sich bald herausstellt, stärksten Positionen der Ausstellung: The Alternative Limb Project von Sophie de Oliveira Barata. Hier offenbaren Fotografien, Videosequenzen und zwei bemerkenswert gestaltete Armprothesen, wie Kunst, Handwerk und Technologie eine neue Erzählung über Körperentwürfe schaffen.

 

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The Alternative Limb Project, Materialise arm for Kelly Knox 2015, Fotograf: Simon Clemenger ©Frankfurter Kunstverein Courtesy: The Alternative Limb Project

Baratas „wearable art pieces“ – futuristisch, humorvoll und ernst zugleich – verwandeln, was oft als Defizit verstanden wird, in eine kraftvolle Sprache von Identität und Selbstbestimmung. Prothesen, die nicht nur kompensieren, sondern erweitern: ein Tentakel als Arm, eine Kuckucksuhr im Oberschenkel und ein Fuß mit integrierter Bong, aus der man rauchen kann, führen uns vor Augen, wie fragil und doch ideenreich körperliche Existenz sein kann. Und feiern gleichzeitig Diversität auf einem neuen Niveau.

In den folgenden Räumen erleben wir ein spannendes Wechselspiel zwischen historischen, wissenschaftlichen und zeitgenössischen Werken. Anatomische Wachsfiguren werden mutig großen Videoprojektionen und einer VR-Installation gegenübergestellt. Unter den anatomischen Arbeiten finden sich auch Modelle der Augenmuskulatur von Anna Morandi Manzolini (1714 – 1774), jener Anatomin, der der Film im Untergeschoss gewidmet ist. Ihrer Zeit weit voraus übernahm sie nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1755 dessen Werkstatt für Wachsfiguren. Neben außerordentlichem bildhauerischem Geschick verfügte sie über ein bemerkenswertes anatomisches Fachwissen. So spannt die Ausstellung eine erstaunliche kuratorische Brücke zu den Arbeiten von The Alternative Limb Project knapp 300 Jahre später. 

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Agnes Questionmark. Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025 mit den Skulpturen "Incertae Sedis (Birth at Sea)", "Incertae Sedis (Turn Male to Mate)" und "Incertae Sedis (Female Adulthood)" sowie den Wandarbeit "Partial liver resection using BiClamp®️ knife 220" und " Multivisceral abdominal resection with BiClamp®️ knife 220" 2025, produziert vom Frankfurter Kunstverein mit freundlicher Unterstützung der Zabludowicz Collection, Fotograf: Norbert Miguletz ©Frankfurter Kunstverein, Courtesy: Agnes Questionmark

Im zweiten Stock schließlich finde ich den Raum für jene Künstlerin, die mich hergeführt hat: Agnes Questionmark. Ihre großformatigen Bilder, die Soundinstallation und lebensgroßen Hybridwesen sind faszinierend und irritierend zugleich. Trotz der eindrucksvollen Präsenz und des klanglichen Ambientes wirken die Werke in ihrem eigenen, großen Raum allerdings fast schon verloren: Vielleicht hätte auch hier, wie in den meisten anderen Räumen, ein Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft gutgetan?

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Marshmallow Laser Feast Evolver 2024, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2025, Fotograf: Norbert Miguletz ©Frankfurter Kunstverein, Courtesy: Marshmallow Laser Feast

Am Ende unseres Besuchs wartet ein besonderes Erlebnis: der gebuchte Slot für die Evolver-Meditation und VR-Reise des Kollektivs Marshmallow Laser Feast. Die Besucher:innen erleben eine klangliche und virtuelle Reise durch den eigenen Körper, die eigene Atmung. Ein würdiger Schlussakkord dieser Ausstellung, die mehr ist als eine Instagram-taugliche Kunstshow, wie wir auf dem Heimweg feststellen. Sie ist eine Einladung, unseren eigenen Körper als ein atmendes, verletzliches, dynamisches System neu kennenzulernen.

Ich verlasse den Frankfurter Kunstverein in Demut und Dankbarkeit: für diesen lebendigen, oft so selbstverständlichen Körper, der mich durch den Winter trägt und dessen Zerbrechlichkeit und Stärke hier auf so eindrückliche Weise verhandelt wurden. Ich bewohne ein atmendes Wunder.

Randnotiz:

In der Zusammensetzung der zeitgenössischen künstlerischen Positionen fällt auf, dass Männer deutlich in der Unterzahl sind – ein Umstand, der erfrischenderweise nicht explizit thematisiert wird.

Anatomie der Fragilität – Körperbilder in Kunst und Wissenschaft ist noch bis zum 1. März 2026 im Frankfurter Kunstverein zu sehen

Dieser Text wurde von der Elisabeth Pilhofer auf Deutsch verfasst.

 

Über den Autor/ die Autorin

Elisabeth Pilhofer

Elisabeth Pilhofer ist freischaffende Redakteurin und Kulturmanagerin. Sie lebt und arbeitet in Mainz.

Übersetzung

Sybille Hayek

Sybille Hayek ist Lektorin und Übersetzerin. Seit 2022 unterstützt sie unser Team ehrenamtlich mit ihrem geschulten Blick fürs Detail und einer großen Liebe zur Sprache.

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