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Public Arp – Eine Erforschung von Raum und Werk

Alle im Band Public Arp. Hans Arp - Architekturbezogene Arbeiten versammelten Texte befassen sich ausführlich mit den Beziehungen von Architektur und öffentlichen Raum und den dafür explizit gearbeiteten Werken Arps. Die Kunstwerke sind ausführlich und bildhaft beschrieben und in einen größeren Kontext gestellt. Das reich bebilderte und umfangreich recherchierte Buch macht Freude zu lesen und gibt den öffentlichen Werken von Hans Arp eine neue Dimension.

Überblick

Martinoli, Simona; Scotti, Roland: Public Arp. Hans Arp - Architekturbezogene Arbeiten. Scheidegger & Spiess AG, Zürich. 2019. 978-3-85881-652-8. 38 €/39 SFR.
www.scheidegger-spiess.ch


Das vorgestellte Buch Public Arp. Hans Arp - Architekturbezogene Arbeiten wurde anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Appenzell von Simona Martinoli und Roland Scotti und dem Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, herausgegeben. Für dieses Projekt bestand eine Zusammenarbeit mit der Fondazione Marguerite Arp, Locarno und dem Kunstmuseum Appenzell. Das Geleitwort hat Roland Scotti verfasst, weitere Beiträge sind von Simon Baur, Fabrizio Brentini, Rudolf Koella, Walburga Krupp, Simona Martinoli, Stefanie Poley und Maike Steinkamp. Die zugehörige Ausstellung im Kunstmuseum Appenzell ist noch bis 3. November 2019 zu sehen.

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Buchcover mit Abbildung von S. 111 (identisch)

 

In seinem Geleitwort schreibt Roland Scotti kurz über die Entstehung des Projektes Public Arp und die Idee von Simona Martinoli, die Arbeiten von Hans Arp in ihren räumlichen Zusammenhängen und den Beziehungen zwischen Architektur und Kunstwerk im öffentlichen Raum zu erforschen. Hierbei sind Werke gemeint, die im Zuge von Neuerrichtungen von Gebäuden als „Kunst am Bau“ in Auftrag gegeben wurden.

Simona Martinoli gibt in ihrem Text Der Beitrag von Hans Arp zur Synthese der Künste einen umfangreichen und allgemeinen Überblick über das Verhältnis von öffentlichem Kunstwerk und Architektur. Angesprochen wird auch die Bestrebung Arps und anderer KünstlerInnen eine Verbindung einzelner Kunstgattungen (Malerei, Bildhauerei) und der Architektur zu einem gemeinsamen Ganzen zu erreichen. Als Beispiele werden verschiedene Arbeiten von Arp genannt die ausschließlich im direkten Dialog mit den Architekten der Bauten entstanden, die einzelnen Treffen oder Briefwechsel der Beteiligten beschrieben. Weiters führt die Autorin kurz die Lebenssituation des Künstlers aus.

Der Beitrag Arps Wandbild für die Pestalozzischule in Zürich von Rudolf Koella beschäftigt sich mit dem Leben von Arp in Zürich, den Entwicklungen an der genannten Schule und dem Bauherrn und Mäzen Han Coray, der überdies auch andere KünstlerInnen förderte. Koella schreibt, dass Coray zwei Wandbilder, die dem Zweck der Schule und der musischen Erziehung dienen sollten, von Otto van Rees und Hans Arp fertigen ließ und beschreibt diese als sich ähnelnd, da beide Künstler „miteinander“ arbeiteten. Desweiteren führt er aus, dass nach der Freilegung der übermalten Fresken die beiden Werke, die als Beginn des „Dada“ in Zürich zu sehen sind, seit 1976 wieder im ursprünglichen Zustand betrachtet werden können.

Die Verschwisterung irrationaler Sphären von Maike Steinkamp spricht die Verbindung von Architektur und Kunst als „Gesamtkunstwerk“ an. Dies wurde von Walter Gropius schon am Bauhaus als Ziel zur „visuellen und emotionalen Schulung“ angestrebt. Für das große Projekt „Harvard Graduate Center“ wurden verschiedene KünstlerInnen neben Hans Arp angefragt. Dieser skizzierte vor Ort und passte das Kunstwerk an die architektonische Situation an, es wurde jedoch nochmals verändert und an einen anderen Platz verbracht. Die Arbeit von Arp wird von der Autorin ausführlich besprochen, die Formensprache diskutiert und in einen größeren Zusammenhang gestellt. Die wichtige Beziehung zwischen Kunst und Architektur bzw. öffentlichem Raum wurde von ihr ausdrücklich thematisiert.

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Allgemeine Gewerbeschule Basel, Architekt: Hermann Baur, 1956-1961 Hans Arp, Bausteinsäule, 1961 © Foto Roberto Pellegrini

Der Beitrag von Walburga Krupp mit Die Arbeiten von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp in der Ciudad Univeristaria de Caracas bezieht sich auch auf die von Arp gewünschte Synthese der Künste. Ebenfalls erwähnt wird die enge Zusammenarbeit des Architekten mit dem Künstler im Zusammenhang mit dem Gebäudekomplex. Dies wird mit vielen Beispielen herausgestellt. Die Autorin nennt ausführlich die Raumsituation zwischen Architektur und zugehörigem Kunstwerk. Weitere Beschreibung der Werke selbst, den Veränderungen an diesen damit sie zur architektonischen Gesamtsituation passten und eine Einordnung in den Kontext findet statt. Zudem eine kurze Beschreibung der Umgestaltung des Gebäudes Aubette von Sophie Taeuber-Arp, Hans Arp und Theo van Doesburg in Straßburg.

 

Stefanie Poley schreibt in ihrem Beitrag Arps weisse weisse Wolken u. a. über die Lebenssituation des Künstlers und die Beziehung zum Architekten der Technischen Universität Braunschweig. Sie beschreibt das Werk und setzt dieses in den Kontext des Gesamtwerks von Arp, stellt Naturbeobachtung und Malerei mit vielen Beispielen gegenüber. Die symbolische Bedeutung wird ausgelotet und die Namensgebung der Arbeiten angesprochen. Auch eine Darstellung der späteren Veränderung des Werkes wurde beschrieben (nachfolgend wurden zwei weitere Gebäude zum schon Bestehenden in anderer Form errichtet). Diese Veränderung des Gebäudes und des Kunstwerks wurde durchgeführt um eine Einheitlichkeit der Gebäudekomplexe zu erreichen.

Fabrizio Brentini spricht in seinem Artikel Hans Arp und seine Arbeiten für sakrale Räume die allgemeine Situation von kirchlicher Kunst, der Veränderung und der Aufhebung von Einschränkungen für künstlerische Werke an. Als Beispiele werden die Allerheiligenkirche in Basel und die Kirche St. Peter und Paul in Oberwil genannt. An beiden Orten befinden sich Arbeiten von Hans Arp. Der Autor geht in seinem Text davon aus, dass bei „Unkenntnis der Liturgie, die einzelnen Objekte wie Taufstein, Altar, Tabernakel“, ... auch als „Teile einer Installation“ gelten könnten. Für beide Kirchen gibt der Autor Objektbeschreibungen der Werke und ihre Wirkung im Raum an, die Beziehungen der Arbeiten untereinander werden thematisiert. Die Schwierigkeiten bei der Erstellung von Kunstwerken, die auch einem bestimmten Zweck dienen müssen, werden herausgestellt. Brentini spricht dem Taufstein von Arp in der Allerheiligenkirche eine eindeutig bildhauerische Leistung zu, während seiner Ansicht nach die Kunstwerke im Chorraum der Kirche in Oberwil „zwischen Funktion und Freiplastik“ eingeschlossen sind.

Im Text Mass und Stille von Simon Baur werden die Lebensumstände von Hans Arp und den Architekten Herman Baur/Hans Peter Baur und die Verbindungen zwischen ihnen thematisiert. Der Autor beschreibt die sakralen Werke Arps und die jeweilige Raumsituation, symbolische Bezüge werden genannt. Bei den Werken für die Gewerbeschule in Basel nennt Baur die Architektur als Maß für das Kunstwerk von Arp. In der Kirche von Oberwil konnte Arp infolge einer Krankheit nicht mehr alle sakralen Objekte selbst ausführen, diese wurden in seinem Sinne fertiggestellt. Baur schreibt, dass der Raum „trotzdem ein harmonisches Ganzes“ ist.

Alle acht in dieser Publikation versammelten Texte befassen sich ausführlich mit der Situation von Architektur und öffentlichem Raum und den dafür explizit gearbeiteten Werken Arps. Beispielhaft wird die von den KünstlerInnen damals gewollte Einheit der Künste, des Bauwerks mit skulpturaler, reliefartiger oder malerischer Intervention, dargestellt. Das Leben von Hans Arp und seine Beziehungen zu den jeweiligen Architekten der Gebäude und die Entstehung der Werke werden thematisiert. Die Kunstwerke sind ausführlich und bildhaft beschrieben und in einen größeren Kontext gestellt.

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Universitätsstadt Caracas, Architekt: Carlos Raùl Villanueva, 1944-1970 Hans Arp, Wolkenhirt, 1953 © Foto Vincent Ko

 

Das vorgestellte Buch hat den Anspruch, sich als bisher Einziges mit dem Thema des öffentlichen Raumes und der architektonischen Zusammenhänge zwischen Kunstwerk und der damit einhergehenden Veränderung des Umgebenden durch das Werk von Hans Arp auseinanderzusetzen.

Bislang gab es natürlicherweise zu den temporär ausgestellten Werken Arps Ausstellungskataloge/Monografien der jeweiligen Museen oder Galerien, die die Beziehungen der Werke untereinander betrachteten. Desweiteren wurden Ausstellungskataloge zu bestimmten Themen, wie unter anderem zum Konstruktivismus oder zur Abstraktion, bei Gruppenausstellungen mehrerer KünstlerInnen herausgegeben. Allen diesen Katalogen ist zu eigen, dass verständlicherweise immer nur ein Ausschnitt des Oeuvre der verschiedenen KünstlerInnen zu sehen ist.

Anders ist dies bei Werkverzeichnissen zu einem einzelnen Künstler/einer einzelnen Künstlerin. Hier wird zwar das gesamte Schaffen aufgelistet, jedoch unterbleibt eine Bezugsetzung der einzelnen Werke untereinander oder die thematische Aufteilung; eine Einteilung in Werkgruppen ist evtl. möglich. Auffällig ist, dass bei Arp die Bearbeitung einer Gesamtübersicht der Werke ein schwieriges Unterfangen darstellt. Das neueste Werkverzeichnis Hans Arp. Skulpturen. Eine Bestandsaufnahme, herausgegeben 2012 von Arie Hartog beispielsweise, ist ein Verzeichnis, dass das Werk Arps u. a. nach vom Künstler nicht autorisierten Werken untersucht.

Bisher gab es noch keine Forschung zu den öffentlichen Arbeiten Arps und ihrer Wirkung im und auf den Raum, bzw. die Wirkung auch des Raumes auf den Entstehungsprozess der Kunstwerke Arps. Über diese Publikation ist zu sagen, dass sie dieses Vorhaben durchwegs erfüllt. Für die im Buch gezeigten und beschriebenen Kunstwerke von Arp ist durch die angeführten Aufzeichnungen belegt, dass sie für eine bestimmte Raumsituation/Architektursituation gedacht und ausgeführt wurden. Zwar ist bei den angeführten Beispielen der jeweilige Ortsbezug des Kunstwerkes zur Architektur explizit herausgearbeitet, bei einigen wenigen Werken, die nach der Fertigstellung oder Aufstellung vom Architekten oder auch vom Künstler Arp selbst an einen anderen geeigneter erscheinenden Ort (des gleichen Bauwerks) verbracht oder in sonstiger Hinsicht verändert wurden, ist die ursprüngliche Verbindung des Kunstwerkes zur Architektur oder zum öffentlichen Umraum etwas aufgelöster. Auf diesen Aspekt weisen die Texte jedoch in vollem Umfang hin.

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Universität Sankt Gallen, Architekten: Walter Förderer, Frei Otto, Hans Zwimpfer, 1963 Hans Arp, Schalenbaum, 1960 © Foto Hanspeter Schiess

 

Sicher gibt es noch weitere Werke von Arp die ortsbezogen gearbeitet wurden und demnach den Raum beeinflussen bzw. von der umgebenden Architektur in ihrer Entstehung selbst beeinflusst wurden oder die auf die Architektur ausgerichtet waren. Dies ist am wahrscheinlichsten bei Werken, die direkt auf oder an der Architektur selbst angebracht oder aufgebracht wurden, wie z. B. bei seinen Wandmalereien oder Reliefs. Allerdings sind, wie in der Publikation ausgeführt, nicht bei allen weiteren dieser Werke Dokumentationen erhalten, die belegen, dass sie speziell für diesen Ort, für diese Architektur gearbeitet wurden. Nichtsdestotrotz wäre es wünschenswert, auch andere, öffentlichkeitsbezogene Werke von Arp in Beziehung zu ihrem architektonischen Umraum zu setzen.

So wäre beispielsweise die Umgestaltung des historischen Gebäudes Aubette in einen Vergnügungspark zu nennen. Sophie Taeuber erarbeitete die Innenausstattung, Hans Arp und Theo van Doesburg die weitere Gestaltung. Ein Text dazu erschien in Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit (4/1929); auch die Publikation L'Aubette: Ou la couleur dans l'architecture herausgegeben von Isabelle Ewig, Mariël Polman und Evert Van Straaten (2008) beschäftigt sich mit der Architektur und Umgestaltung des Gebäudes. Dieser Aspekt hätte in einer sonst sehr gut und ausführlich recherchierten Publikation mit einer sehr ansprechenden Gestaltung noch größere Erwähnung finden können.

Das reich bebilderte und inhaltlich umfangreiche Buch macht Freude zu lesen und gibt den öffentlichen Werken von Hans Arp eine neue, räumliche Dimension.

Autorin: Dr. Eva Daxl

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Eva Daxl absolvierte ein Kunststudium mit plastischem Schwerpunkt. In ihrer PhD-Arbeit schrieb sie über das Thema keramische Materialien in der Kunstkritik. Sie ist daher mit dreidimensionalen Kunstwerken in Theorie und Praxis vertraut.

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