n.b.k. and Schinkel Pavilion
Berlin
Deutschland
Projektionen auf den Osten
10. September 2026 â 20. Dezember 2026 (Schinkel Pavillon)
10. September 2026 â 8. November 2026 (n.b.k.)
Eröffnung: 9. September, 18 Uhr, im Rahmen der Berlin Art Week
Anca Benera & Arnold EstefĂĄn, Pavel BrÄila, Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Maksym Khodak, KwieKulik, Helmar Lerski, Maria (Masha) Lisogorskaya, Shlomo Pozner, Xavier Robles de Medina, Maya Schweizer, Andrzej Steinbach, Gabriele Stötzer, Hito Steyerl, Mikhail Tolmachev, Jasmin Werner, Anastasiya Yarovenko
Ausgehend von der Beobachtung, dass der âOstenâ verstĂ€rkt als kulturelle, Ă€sthetische und politische ProjektionsflĂ€che dient, thematisiert das mehrteilige Ausstellungs-, Diskurs- und Publikationsprojekt Projektionen auf den Osten die ideologischen Zuschreibungen, die sich an die Begriffe âOstâ und âWestâ knĂŒpfen.
Internationale KĂŒnstler*innen, Wissenschaftler*innen und Autor*innen setzen sich mit historischen und gegenwĂ€rtigen Konfliktlinien auseinander â von der DDR-Erinnerungspolitik ĂŒber Antisemitismus und postsozialistische Transformationen bis hin zu aktuellen geopolitischen Spannungen. Im Zentrum steht die Frage, wie die Dichotomie von âOstâ und âWestâ unsere Gegenwart strukturiert.
Der âOstenâ ist nicht nur eine geografische Bezeichnung. Er nimmt als Chiffre auch die Rolle einer kulturellen und politischen ProjektionsflĂ€che ein, auf die sich sehr unterschiedliche Vorstellungen richten: Er gilt als Gegenbild zum âWestenâ oder als Ort einer vermeintlich ursprĂŒnglicheren und unverstellten IdentitĂ€t. Zugleich ist er Schauplatz realer historischer und gegenwĂ€rtiger Konflikte. Projektionen auf den Osten nimmt dieses VerhĂ€ltnis aus Zuschreibungen und RealitĂ€ten zum Ausgangspunkt und thematisiert einen idealisierten âOstenâ als kulturellen Gegenentwurf zu einem hegemonialen âWestenâ.
âProjektionen auf den Ostenâ bezeichnen kulturelle Identifikationen mit allem, was als Gegenbild zum âWestenâ erscheint. Sie richten sich gegen eine als komplex, plural und modern wahrgenommene Gegenwart und verbinden sich mit Vorstellungen von UrsprĂŒnglichkeit, Gemeinschaft, SpiritualitĂ€t oder moralischer Ăberlegenheit. Im deutschen Kontext hat das zwiespĂ€ltige VerhĂ€ltnis von âOstâ und âWestâ kulturhistorisch immer wieder zu groĂen IdentitĂ€tskrisen gefĂŒhrt. Aber auch global dient der âOstenâ zunehmend als gegenkulturelle ProjektionsflĂ€che. Traditionelle Kulturvorstellungen, nationale SouverĂ€nitĂ€t und autoritĂ€re Staatsformen werden liberalen Demokratien als vermeintlich stĂ€rkere und authentischere Alternativen entgegengesetzt.
So wird der âOstenâ zu einer kulturellen Konstruktion. Auf ihn werden Ideologien, SehnsĂŒchte und Utopien projiziert, die hĂ€ufig mehr ĂŒber diejenigen erzĂ€hlen, die sie hervorbringen, als ĂŒber den âOstenâ selbst. Solche Projektionen ĂŒberlagern oft die tatsĂ€chlichen Konflikte, die sie eigentlich sichtbar machen könnten. Wer sich etwa auf autoritĂ€re gesellschaftliche Ordnungen beruft, in denen WidersprĂŒche nicht öffentlich verhandelt werden, verwechselt leicht die Abwesenheit von Debatte mit der Abwesenheit von Konflikt. Besonders deutlich wird dies an konkurrierenden Vorstellungen von Freiheit: WĂ€hrend die einen im âOstenâ eine Alternative zu einer als zu tolerant und offen empfundenen âwestlichenâ Ordnung suchen, gilt anderen der âWestenâ selbst als eigentlicher Hort der Unfreiheit. In beiden FĂ€llen entsteht ein idealisiertes Bild, das den âOstenâ weniger beschreibt denn erfindet.
Die Ausstellungen im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) und im Schinkel Pavillon untersuchen, wie sich diese Projektionen in Bilder, Sprache und Ă€sthetische Formen einschreiben und welche politischen Folgen sie entfalten können. Im realpolitischen Raum materialisieren sie sich in MachtverhĂ€ltnissen, territorialen AnsprĂŒchen und gewaltsamen Konflikten. Gerade Kriege und geopolitische Krisen zeigen, wie starre Vorstellungen die Wahrnehmung bestimmen sowie politische Wirklichkeit hervorbringen und legitimieren.
Der n.b.k. und der Schinkel Pavillon prĂ€sentieren historische und zeitgenössische Kunstwerke sowie eigens fĂŒr das Projekt entwickelte Neuproduktionen. Internationale KĂŒnstler*innen, Wissenschaftler*innen und Autor*innen setzen sich mit historischen und gegenwĂ€rtigen Konfliktlinien auseinander â von der Erinnerungspolitik der DDR ĂŒber Antisemitismus und postsozialistische Transformationen bis hin zu aktuellen geopolitischen Spannungen. Die beteiligten KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler befragen den âOstenâ als eine Projektionsfigur, in der sich IdentitĂ€t, Geschichte und politische Ordnung verdichten. Ihre Arbeiten untersuchen auf unterschiedliche Weise, wie Bilder, Sprache und Ăsthetik an der Konstruktion von âOstâ und âWestâ mitwirken. Im Zentrum steht die Frage, wie diese Dichotomie unsere Gegenwart bis heute strukturiert.
Nicht zuletzt richten die Ausstellungen den Blick auf die Kunst selbst: Auch sie ist nicht frei von Projektionen und Idealisierungen. Wo verlĂ€uft die Grenze zwischen Kritik und Sehnsucht, zwischen Widerstand und Romantisierung? Und was wird sichtbar, wenn wir nicht nur auf den âOstenâ blicken, sondern die Projektionen selbst zum Gegenstand machen?