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Das digitale Erbe der kleinen Meerjungfrau

Die Kunstszene in Dänemark befindet sich im Aufbruch: Digitales, Virtuelles, Interaktives – nicht länger gibt man sich mit der bloßen Materialität von dreidimensionaler Kunst zufrieden. Ein Blick auf die aktuellen Strömungen in Dänemarks kleiner, aber feiner Skulpturszene.

Wer kennt sie nicht, die kleine Meerjungfrau, die im Kopenhagener Hafenbecken sitzt und sehnsüchtig aufs Wasser hinausblickt? Das Tribut an Hans Christian Andersens tragisches Märchen der unglücklich verliebten Meeresprinzessin ist sicher eine der ikonischsten Plastiken Dänemarks und lockt jährlich Millionen von Schaulustigen an. Dabei ist sie mit ihren nur etwa 1,25 m Höhe ein eher unscheinbares Wahrzeichen und geht im Blitzlichtgewitter bisweilen beinahe unter. Was also macht ihren Zauber aus? Ist es eine romantisierte Vorstellung der „dänischen Seele“ – voll heiterer Schwermut und Sehnsucht nach dem Meer? Ist es ihre physische Anmut, inspiriert von der Ballerina Ellen Price, die der Bildhauer Edvard Eriksen sehr verehrte? Vielleicht ist es diese Rätselhaftigkeit, die die Bronzestatue – im Übrigen eine Kopie des heute nicht mehr öffentlich zugänglichen Originals – umgibt, die eine solch gewaltige Anziehungskraft ausübt und seit über 100 Jahren Reisende an die Kopenhagener Uferpromenade lockt.

Die kleine Meerjungfrau ist nicht der Anfang der dänischen Skulptur und wahrscheinlich nicht einmal ihr Höhepunkt: Bis weit zurück in die Eisenzeit reichen Funde prachtvoll verzierter Kunstobjekte wie der ikonischen, bedauerlicherweise mittlerweile zerstörten Goldhörner von Gallehus, und im Mittelalter beeindruckt die romanische Steinskulptur in Kirchen mit kuriosen Fratzen, wilden Tieren und rätselhaften Szenen. Im 18. Jahrhundert wurde der Neoklassizismus mit starken französischen Einflüssen insbesondere unter Bertel Thorvaldsen groß und löste eine regelrechte Welle von naturalistischen Großplastiken im öffentlichen Raum aus. Eins war vielen dieser Werke gemein: Nationalromantik und Königsmacht waren die am stärksten vorherrschenden Themen. 

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Edvard Eriksen: Den lille havfrue (Kopie) (1913), Foto: Avda, Creative Commons Credit: Avda, Statue von Edvard Eriksen (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Copenhagen_-_the_little_mermaid_statue_-_2013.jpg), „Copenhagen - the little mermaid statue - 2013“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode

 

Heute hat sich das Gesicht der dreidimensionalen Kunst in Dänemark gewandelt, ist – trotz der verhältnismäßig kleinen Kunstszene – vielfältiger geworden, internationaler, und hat ein Bewusstsein für Umwelt und Soziales entwickelt. Nicht zuletzt spielen digitale Themen eine bedeutende Rolle – ein Spiegelbild der grundsätzlichen Affinität Dänemarks zu Digitalisierung und Technologie? Immerhin landete die kleine Nation im Norden 2021 im Digital Economy and Society Index (DESI) auf Platz 1 im gesamteuropäischen Vergleich. Es ist also wenig verwunderlich, dass Begriffe wie Virtual Reality, Crypto Art und NFTs in der dänischen Kunst keine Randphänomene mehr sind.

Wer jetzt beim Lesen verwundert die Stirn runzelt, lebt möglicherweise nicht in Dänemark, dem gelobten Land der Digitalisierung, und fragt sich, was wohl ein NFT sein mag. Dabei ist das Phänomen mittlerweile weltweit bekannt und hat hitzige Diskussionen ausgelöst. Vereinfacht gesprochen, geht es bei einem NFT (non-fungible token, d. h. nicht austauschbare „Wertmarke“) darum, einem digitalen Kunstwerk per Blockchain-Technologie eine gewisse Einzigartigkeit und Authentizität zu verleihen. Im Zeitalter der tausendsten Kopie und des unbegrenzten Speicherplatzes verliert der Wert des Originals zunehmend an Bedeutung und Kunstschaffende die Kontrolle über die Verbreitung ihres Werks – eine Entwicklung, der die digitale Kunstwelt (oder zumindest ein Teil von ihr) durch NFTs entgegenwirken möchte. Warum dieses an sich lobenswerte Konzept nicht nur Positives mit sich bringt, erklärte einer der Köpfe hinter der Idee, Anil Dash, jüngst in einem Kommentar in The Atlantic.

Wie auch immer man jedoch zu NFTs steht, sie sind aus der modernen digitalen Kunstwelt nicht mehr wegzudenken. Eines der jungen Gesichter dieser neuen Art, mit Kunst umzugehen, ist die dänische Künstlerin Ditte Ejlerskov, deren aktuelle Ausstellung The Cult of Oxytocin bis zum 8. Mai 2022 in der Nikolaj Kunsthal in Kopenhagen zu sehen war. Die 1982 in Frederikshavn geborene Künstlerin lässt sich mit Fug und Recht als Pionierin der digitalen Kunst in Dänemark bezeichnen, denn sie zählte zu den ersten Kunstschaffenden dort, die Crypto Art ernsthaft in ihre Arbeit integrierten. Ihr Werk dreht sich seit Beginn ihrer Karriere um Interaktionen mit dem Internet und popkulturelle Phänomene, die sie mit einem scharfen Blick seziert und in neue Formen gießt. So hat sie sich in der Vergangenheit etwa mit der Außenwirkung von Popstars wie Rihanna oder Nicki Minaj beschäftigt und einen Austausch mit einem Internet-Betrüger zu ihrer Serie My Bajan Letters verarbeitet. 

Ditte Ejlerskov: The Cult of Oxytocin 5 in Nikolaj Kunsthal (2022), Foto: Jan Søndergaard, Im Bild: The Wrestlers (2021)        Ditte Ejlerskov: The Cult of Oxytocin 6 in Nikolaj Kunsthal (2022), Foto: Jan Søndergaard, Im Bild: Video-Installation The Gateway (2022)

Links: Ditte Ejlerskov: The Cult of Oxytocin 5 in Nikolaj Kunsthal (2022), Foto: Jan Søndergaard, Im Bild: The Wrestlers (2021)
Rechts: Ditte Ejlerskov: The Cult of Oxytocin 6 in Nikolaj Kunsthal (2022), Foto: Jan Søndergaard, Im Bild: Video-Installation The Gateway (2022)

In The Cult of Oxytocin ist Ditte Ejlerskov wieder einmal am Puls der Zeit: Mit ihrem Plädoyer, mehr Freude im Alltag zuzulassen (um in ihrer Bildsprache zu bleiben: mehr Oxytocin als Adrenalin zu produzieren), verarbeitet sie vor allem die allgegenwärtige Sorge und den Leistungsdruck, den die Coronapandemie stärker denn je zum Vorschein gebracht hat. Die Ausstellung, die als Gesamtinstallation konzipiert ist, regt durch meditative und interaktive Elemente zu einer direkten Auseinandersetzung mit der Kunst an – sowohl im physischen als auch im virtuellen Raum. Denn Ejlerskov macht massiv Gebrauch von den Möglichkeiten der digitalen Kunst: virtuelle Skulpturen, Videoinstallationen, NFTs zum Mitnehmen … ihre Ausstellung will eine Botschaft auf allen Kanälen senden und die Idee der öffentlichen Skulptur auf die Spitze treiben.

Das Herzstück der Ausstellung und ein sich stetig wiederholendes Element ist die digitale Skulptur Bryderne/The Wrestlers, eine Reimagination von der berühmten römisch-antiken Marmorskulptur zweier ringender Männer aus der Galerie der Uffizien. Ejlerskov denkt das Motiv neu, mit zwei kämpfenden Frauen, die die widerstreitenden Hormone Oxytocin (stellvertretend für Glück und Entspannung) und Adrenalin (stellvertretend für Leistungsdruck und Anspannung) repräsentieren – übrigens eines der ersten digitalen Kunstwerke, das in Dänemark von einem Museum für die permanente Sammlung gekauft wurde, virtuell hier zu bewundern. Am Ende der Ausstellung gewinnt das Oxytocin in der meditativen Videoinstallation The Gateway die Oberhand, die Teilnehmende vor Ort mit einem individuellen NFT-Code belohnt. Eine einzigartige digitale Repräsentation der persönlichen Erfahrung, die zugleich mit anderen verbinden kann. Das begeistert nicht nur das Publikum, sondern auch die Kritik: Ejlerskovs Solo-Ausstellung wurde jüngst vom Statens Kunstfond, der staatlichen Stiftung zur Förderung dänischer Kunst, prämiert. 

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Lea Guldditte Hestelund: At give/To offer (2022) in Kunsten Museum of Modern Art Aalborg, Foto: Niels Fabæk

 

Mit ihrem Rückgriff auf die Antike stellt Ejlerskov unter Beweis, dass die „neue“ Kunst die „alte“ weder ersetzen noch verdrängen muss – oder will. Der Gedanke der Vereinigung von Tradition und Innovation spiegelt sich auch in anderen aktuellen Ausstellungen in Dänemark wider: Eine Hommage an die Vergangenheit und einen Blick in die Zukunft verbindet etwa die Ausstellung MARMOR im Kunsten Museum of Modern Art in Aalborg. Noch bis zum 21. August 2022 sind hier klassische Größen der dänischen (und internationalen) Marmorskulptur wie Bertel Thorvaldsen Seit an Seit mit Newcomern wie Lea Guldditte Hestelund zu bewundern, die sich auf ihre ganz eigene Art mit Körperlichkeit und Materialität auseinandersetzt. Mit At give/To offer hinterfragt sie traditionelle (Ideal-)Vorstellungen von Form und Körper und schafft so einen Gegenpol zur klassischen Marmorstatue.

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Ida Kvetny: DEMOS (2021). ©Ida Kvetny, ARoS Public, Foto: Mikkel Kaldal

Abseits solcher Projekte scheint jedoch die digitale Kunst die dänische Kunstszene fest im Griff zu haben. Es wird experimentiert, das Mögliche ausgelotet und das Unmögliche versucht. Die Zukunft hält eine Reihe von Ausstellungen bereit, die mit digitalen Themen spielen: Die einen tun das voller Faszination für eine neue Ästhetik, wie etwa in der kommenden Gruppenausstellung CryptoPong der Initiative Radar Contemporary, die maßgeblich von Ida Kvetnys Ideen einer Multidimensionalität der Kunst geprägt ist. Die anderen mit einem kritischen Blick auf die Implikationen des digitalen Zeitalters für Mensch und Umwelt, wie Honey Biba Beckerlee. Es bleibt spannend in der dänischen Skulpturszene, und einmal mehr zeigt es sich, dass der Blick nach Norden lohnt. 

Autorin: Sophie Fendel

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Sophie hat ihre Leidenschaft für Dreidimensionale Kunst im sculpture network Büro in München neu entdeckt. Nun arbeitet sie an ihrer Promotion und als freie Lektorin – kleine gedankliche Ausflüge in Form von Essays über die Skulptur sind da eine willkommene Abwechslung.

 

 

 

 

Veröffentlicht im Mai 2022

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