The Touching Performance

Entwickelt von der Tänzerin Zrinka Šimičić Mihanović und der Künstlerin und sculpture network Koordinatorin Marina Bauer fand im vergangenen Sommer eine besondere Aktion statt: The Touching Performance, die Skulptur, Tanz, Bewegung und Berührung zu einem gemeinsamen Erlebnis verband. Die performative Installation entstand aus der Überzeugung, dass Betrachtende und Betrachtete(s) Teile einer gemeinsamen Erfahrung sind, beide zugleich Teilnehmer*innen und Zeug*innen des Geschehens, und beide verantwortlich für das Erlebte und Gesehene. Wir wollten mehr über das spannende Projekt erfahren und haben mit den beiden Initiatorinnen gesprochen:
Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?
ZRINKA: The Touching Performance ist Teil eines laufenden Projekts mit dem Titel What comes about? das wiederum Fortsetzung einer früheren Arbeit namens Disappearances ist. Beide Projekte basieren auf meiner langfristige Untersuchung, Forschung und Praxis zum Soma – dem lebendigen, sich bewegenden, haptischen, mit anderen in Beziehung stehenden und sich ständig verändernden Körper. Ich bin auch sehr an der unterschiedlichen Wahrnehmung des Tanzes durch die Tanzenden selbst und durch Zuschauende interessiert. Diese Erfahrung des Performers und des Publikums erforsche ich in meiner choreografischen Arbeit. In Disappearances bot ich zu Beginn der Show sowohl für das Publikum als auch die Tänzer*innen eine erlebnisorientierte Einführung an, die Grundlage für das weitere Zuschauen und Tanzen war.
 
In dem Projekt What comes about? war es mein Wunsch, die Interaktion zwischen Darsteller*innen und Zuschauer*innen weiterzuführen. Ich wollte diese Rollen anders angehen. Zumeist geht es bei einer Aufführung in erster Linie um die Darstellenden, ich wollte einen demokratischeren und hoffentlich integrativeren Raum gemeinsamer Erfahrung schaffen, in dem die Teilnehmenden für ihr  eigenes Erleben und für das Endergebnis gleichermaßen wichtig und verantwortlich sind.

In Vorbereitung auf das erwähnte Projekt lud mich Marina im Januar 2019 zu einer Diskussionsrunde zum Thema Berührung ein, die im Rahmen von start'19 war im Museum für Zeitgenössische Kunst in Zagreb stattfand. Nicht nur während des Gesprächs, sondern auch davor und danach tauschten wir uns intensiv über dieses Thema aus und stellten fest, dass wir viele ähnliche Interessen hatten. Marinas langjährige Untersuchung von Haptik und Bewegung in der Skulptur kam so in einen Dialog mit meinen eigenen Fragen und daraus entstand The Touching Performance.
 
Die in diesem Artikel abgebildeten Fotos sind Impressionen von The Touching Performance,
Fotograph: Jasenko Rasol
 
Fiel es Ihnen schwer oder leicht, das Performative mit der bildenden Kunst zu kombinieren? Welche Hindernisse gab es bei der Realisierung des Projekts? 
MARINA: Wie Zrinka oben erwähnte, interessiere ich mich in meiner Arbeit für die Rolle von Berührung und der Kinästhesie bei der Erfahrung von Skulptur. Die meisten meiner Arbeiten verlangen nach körperlicher Auseinandersetzung und Interaktion, und ich glaube, dass Bewegung und Berührung das Wesentliche der dreidimensionalen Kunst ausmachen. Ich lasse mich durch meine eigenen körperlichen Erfahrungen inspirieren – das Gefühl, im Sand zu graben (Memories II), im Gras zu liegen (Ancient Sleeper) oder eine Höhle zu erforschen (Encounter with Ourselves), und manchmal habe ich bei der Arbeit an meinen Skulpturen das Gefühl, dass sich die Idee durch Tanz besser ausdrücken ließe, als durch eine konkrete Form (natürlich ist das nur ein Gefühl!).
 
Von Zrinka zur gemeinsamen Arbeit eingeladen zu werden, war ein Wunsch, der in Erfüllung ging. Uns beiden ist die körperliche Erfahrung sehr wichtig, und wir wünschen uns beide, dass die Bewegung und die Berührung, die in unsere Arbeit einfließen, vom Publikum erlebt und nicht nur beobachtet werden kann.
 
Die Inspiration für den Ausgangspunkt war also klar und stark, aber es war nicht einfach und offensichtlich, wie es weitergehen sollte.
 
Wir wollten unsere Erfahrungen als Künstlerinnen zusammenführen und ein Format finden, das die Besucher*innen durch Bewegung und Berührung einbezieht. Es war spannend, Objekte und Umstände zu schaffen, die Bewegung initiieren und das Bewusstsein dafür schärfen. Die größte Herausforderung bestand darin, ein Gleichgewicht zwischen den choreographierten, vorher festgelegten Elementen und den freien, vom Publikum selbst durch Eigenrecherche und Übernahme von Veranstwortung für eigene Erfahrungen gestalteten Elementen zu finden.
 
Glauben Sie, dass performative und visuelle Künste weit voneinander entfernt sind oder lassen sie sich leicht kombinieren? Wie kommen diese beiden Kunstarten zusammen? 
ZRINKA: Nein, sie sind nicht weit voneinander entfernt und werden seit vielen Jahren und Jahrhunderten auf unterschiedliche Weise kombiniert. Das Interessante an der intermedialen und interdisziplinären Herangehensweise ist für mich, dass wir dem Problem aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Medien begegnen, wobei jede Disziplin ihre eigenen Regeln und Widerstände hat. Nach meiner Erfahrung schärft sich dadurch das Konzept und die Arbeit wird komplexer. Durch die intermediale Zusammenarbeit wird für mich am deutlichsten, dass jedes Medium sein eigenes Konzept von Zeit hat. Und wenn wir zusammenarbeiten, müssen wir uns auf dieses unterschiedliche Timing einstellen.

Der Körper ist immer in der Gegenwart, und der Tanz ist eine der flüchtigsten Kunstformen. Das ist die Herausforderung, aber auch das Schöne daran. Die Vergänglichkeit des Tanzes zeigt uns die Vergänglichkeit von allem, auch uns selbst. Und so ist das Verhältnis von Berührung und Choreographie sehr speziell. Indem wir die Choreographie berühren, berühren wir die Veränderung. Bei den meisten visuellen Formen ist das Verhältnis zur Zeit ein anderes. Sie verdichten Zeit, Veränderung und Bewegung zu einer Form, die zu einem anderen Zeitpunkt als dem ihrer Entstehung wieder erlebt wird.  

Für Marina und mich war es also Teil der Recherche, das richtige Timing, die richtige Dauer und das richtige Format zu finden. 
 

Hat jemand von Ihnen schon einmal ein interdisziplinäres Projekt wie The Touching Performance durchgeführt? 
ZRINKA: Ich habe schon einige interdisziplinäre Projekte vor diesem durchgeführt, und die meisten davon waren Kollaborationen mit bildenden Künstlern. Dazu gehören die Zusammenarbeit mit der bildenden Künstlerin Martina Mezak in 7 silences for 7 days, Moveranje und cruel, cruel nature sowie die Zusammenarbeit mit der Animationskünstlerin Michaela Mueller in Trag / Trace / Spur und Up the Stairs, behind Doors, out the Window.

Sie alle arbeiten sehr unterschiedlich, und selbst mit der gleichen Person war jedes neue Projekt eine einzigartige Erfahrung. Neu an der Zusammenarbeit mit Marina war, dass wir das performative Format aufgegeben haben. Wir haben eine Arbeit entwickelt, die wir zwar "Performance" nennen, bei der es sich aber eigentlich um eine temporäre Installation im Raum mit performativen/choreographischen Elementen handelt... die Erfahrung fand also wirklich an der Grenze zwischen Performance und Ausstellung statt, was die Konzeption ebenso interessant wie herausfordernd gemacht hat. Die Installation erforderte eine sehr spezifische Präsenz der Performerinnen.

MARINA: Ich habe wenige Erfahrungen wie diese gemacht, bei der zwei Medien von Anfang an gleich wichtig sind.

Können Sie kurz die sechs Stationen der Ausstellung beschreiben? 
MARINA: Wie Zrinka sagte, bestand der wichtige Schritt darin, das rein performative Format aufzugeben und sich für ein Installations-/Ausstellungsformat mit performativen/choreografischen Elementen zu entscheiden. Wir haben uns sechs Stationen ausgedacht bei denen wir ein Element des Performativen übernommen haben, und das machte einen Unterschied: das Schweigen. Wir baten die Besucher*innen, auf dem Gelände zu schweigen.
 
Ein weiterer bedeutender Faktor der Arbeit ist ihr Standort. Es wurde eine ortsspezifische Performance geschaffen – in der Umgebung der Akademie der bildenden Künste, einem Ort, an dem die Stadt auf den Wald trifft, das Städtische mit der Natur verschmilzt.
 
Nachdem sie eine Instruktion über die Stille, den Lageplan des Ortes und eine Textilumhüllung erhalten hatten, die sie sichtbar zu einem Teil der Performance machte, wurden sie eingeladen, das Gebiet der Performance in ihrem eigenen Rhythmus zu erkunden. Die Aufführung fand von 12 bis 14 Uhr statt, und die Leute waren eingeladen, während der vorgesehenen Zeit jederzeit ein- und auszusteigen.
 
The Touching Performance entwickelt sich durch 6 Stationen - Dock, Starting Guides, Inseln für Barfüßer, Choreographie durch Berührung, Mit geschlossenen Augen, und Shape Yourself.  
 

Gegenüber dem Eingang befand sich die Station A: Dock - Gedruckte Botschaften, die das Bewusstsein erhöhen, hingen dort an einem Baum: „Was berührt mich?", „Bläst der Wind?", „Wie viele Schritte sind es bis zur nächsten Person?", „Ich werde mich umdrehen", „Ich werde in den Himmel schauen", „Bewegung ist Berührung", „Ich werde jemandem in die Augen sehen", „Ich bewege meine Finger", „Ich werde fünfmal ein- und ausatmen", „Kann ich den Ast berühren?", „Ich beobachte Menschen um mich herum", „Ich werde mich auf jemanden stützen", „Derjenige, der mich berührt, wird berührt" usw.
 
An der Station B: Starting Guides waren acht Silhouetten von Figuren in Bewegung installiert. Die Skulpturen, die aus mit Stoff umwickelten Metallstäben bestanden, dienten den Beobachtern als Anreiz sie zu durchqueren, zu umrunden oder auch die spezifische Bewegung auszuführen.

An der Station C: Inseln für Barfüßer waren die Besucher eingeladen, barfuß zu gehen und mehrere Bereiche mit unterschiedlichem Material zu erleben.
 
Wenn sich die Besucher entschieden, Choreographie durch Berührung an Station D zu erleben, sollten sie sich auf einen von drei Baumstämmen mit blauem Schwammkissen setzen und darauf warten, dass einer von acht Darstellern auf sie zugeht.
 
An Station E: Mit geschlossenen Augen sollten die Besucher an einer markierten Stelle auf einen Darsteller warten. Der 10-15 Minuten dauernde geführte Spaziergang mit geschlossenen Augen wurde je nach Reaktion des Besuchers jedes Mal anders gestaltet. Jeder Darsteller entwickelte durch eine Reihe von Proben seine persönliche Herangehensweise.

An der Station F: Shape Yourself erhielten die Besucher ein Stück Ton, um ihre Erfahrung zu formen und an einem beliebigen Ort auf dem Gelände zu hinterlassen.
 
 
Wie haben fanden die Besucher die Installation? Was waren ihre Reaktionen/ Wie haben sie an den einzelnen Stationen reagiert? 
MARINA: Wir freuen uns sehr darüber, wie positiv unsere Installation aufgenommen wurde. Die Besucher waren engagiert, sie waren bei jeder Aktion sichtbar und beim Verlassen des Geländes oft auch sehr emotional. Wir haben ihre Erfahrungen mit einer Fokusgruppenmethode untersucht, bei der wir vier Gruppeninterviews durchgeführt haben. Interessanterweise berichteten die meisten Menschen von einer sehr starken Erfahrung, wobei sie aber verschiedenen Stationen der Installation als Auslöser bzw. Favoriten nannten. Die meisten von ihnen haben auch eine der Stationen ausgelassen oder verpasst, aber es war immer eine andere. Es scheint uns gelungen zu sein, eine gute Kombination von Ansätzen zu finden, so dass Menschen unterschiedlicher Affinitäten und Stimmungen eine ähnliche Erfahrung tiefer Verbundenheit mit sich selbst und der Umwelt machen konnten.
 
Jede von Ihnen arbeitet in einer anderen Kunstform. Wie würden Sie Ihre Rollen bei der Zusammenarbeit als Schöpfer des Projekts beschreiben? 
ZRINKA: Unsere Rollen in diesem Projekt waren spezifisch und bezogen sich hauptsächlich auf unsere Medien. Jede von uns hatte auch spezifischere Fragen, die wir in dieser Arbeit im Zusammenhang mit unserer individuellen Geschichte und unseren bisherigen Erfahrungen vertiefen wollten.
 
MARINA: Ich erkenne keine spezifischen Rollen aufgrund unserer Kunstformen. Wir kamen vor allem aufgrund unserer gemeinsamen Affinität zu Sommererlebnissen auf derselben Insel zusammen; diese beinhalteten meist körperliche Erfahrungen, wie zum Beispiel die Liebe zum Barfußlaufen. Wir hatten also eine gemeinsame Inspiration, und trugen durch unser spezifisches Wissen zu dem Projekt bei.

War es einfach, Stationen zu entwickeln, die sich an ein sehr breites Publikum richten?
MARINA: Wir waren uns nicht sicher, wie die Leute reagieren würden, darüber haben wir ziemlich viel nachgedacht. Wir haben uns gefragt, wie Menschen darauf reagieren würden, von Fremden berührt zu werden, oder beobachtet zu werden, während sie an einer interaktiven Installation teilnehmen. Wir waren auch besorgt, dass die Menschen nicht bereit sein würden, ihre Schuhe auszuziehen, um die Barfußbereiche zu erleben. Wir waren uns aber auch sicher, dass jeder Mensch ein universelles Bedürfnis nach Bewegung und Berührung hat und dass Menschen jeden Alters Neugier und Verspieltheit in sich tragen. Und den Reaktionen nach zu urteilen, ist es uns gelungen.
 
Planen Sie weitere vergleichbare Projekte?
ZRINKA: Ja, wir planen die Fortsetzung unserer Zusammenarbeit. Das nächste Projekt ist für Mai 2020 geplant und wird rund um das Thema Entwicklung und Transformation entstehen und durch ein Zusammenspiel von vier Tänzern und Papierelementen mit starkem Assoziationspotential realisiert. Veranstaltungsort soll die Bildungsabteilung der Akademie der bildenden Künste in Zagreb sein, einem Raum mit großen Fenstern, die eine Verschmelzung von Innen und Außen bieten. 
Für 2021 planen wir die Ausstellung Choreographie im Museum, die, inspiriert von der Station Starting Guides, den Skulpturen von Silhouetten in Bewegung, ebenfalls mit Tänzern realisiert werden soll. Für 2020/2021 planen wir auch eine Neuauflage von The Touching Performance.


 
 
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