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Tamara Jacquin ‚Äď Kunst als Mittel der Entfaltung und Befreiung

Im Rahmen der spanischen Kunstmesse f√ľr dreidimensionale Kunst SCULTO wurde der sculpture network Award an Tamara Jacquin vergeben. Sculpture network hat die aufstrebende, talentierte K√ľnstlerin interviewt, um mehr √ľber ihr vielseitiges Werk zu erfahren.

 

   "Thinking about Penelope", 2015, Fotografie 100x140 cm
"Thinking about Penelope", 2015,
Fotografie, 100x140 cm

Tamara Jacquin wuchs in einer Kleinstadt in Chile auf und hatte schon immer gro√üe Freude daran, mit ihren H√§nden zu arbeiten und auf diese Weise kreative Prozesse anzustossen. Gleich zu Beginn Ihres Architekturstudiums wurde ihr bewusst, dass sie K√ľnstlerin und nicht Architektin sein wollte. Die Begegnung mit Werken von Rebecca Horn sowie ein einj√§hriger Aufenthalt in Frankreich bekr√§ftigten diese Entscheidung. Nach ihrem Bachelor-Abschluss in Architektur entschloss sie sich, ihr Gl√ľck in Europa zu versuchen und dort ihrem kreativen Wissensdurst und Schaffenswunsch freien Lauf zu lassen. Daraufhin absolvierte sie einen Master in Artistic Production sowie in Art Research and Creation.

Ihre Arbeiten speisen sich aus pers√∂nlichen Erfahrungen und sind stark auf ihren¬†eigenen K√∂rper bezogen. Mit gro√üem handwerklichem Geschick konstruiert sie √§sthetische Werke, die bewegen und mitrei√üen. Besonders die Kombination von physischen Objekten und Performance erzeugt beeindruckende Effekte. Durch ihre F√§higkeit, menschliche Belange auf einer zutiefst pers√∂nlichen Art und Weise zu enth√ľllen und zu thematisieren, bauen ihre Arbeiten eine Beziehung zum Betrachter auf und erzeugen gro√üe Anziehungskraft.

Tamara Jacquin wird von der Galerie  EST ART SPACE in Madrid vertreten.

 

Wie hat das Architekturstudium Sie geprägt und inwieweit beeinflusst es immer noch Ihre Kunstwerke?

Nun, es hat mich definitiv gepr√§gt. Meine Gedanken drehen sich st√§ndig um Struktur und Raum. Ich liebe es einfach, Dinge zu bauen und ich liebe dreidimensionale Objekte. Ich sch√§tze, das kommt von der Architektur. Auch wenn ich mit etwas Zweidimensionalem arbeite, wie einem Bild, versuche ich einen Weg zu finden, wie es zum Objekt werden kann. Ich glaube, dass der Zugang zu einem dreidimensionalen und zu einem zweidimensionalen Bild unterschiedlich ist. F√ľr mich ist es also wirklich wichtig, wie das Kunstwerk im Raum steht und wie der Betrachter sich ihm n√§hert. Es ist ein Spiel. F√ľr mich ist das Nachdenken dar√ľber, wie die Menschen mit dem Kunstwerk interagieren, dasselbe wie im Architekturstudium, als wir uns Gedanken dar√ľber machten, wie die Menschen einen Raum bewohnen und ihn dadurch gestalten.

 

Welche Bedeutung hat Kunst f√ľr Sie pers√∂nlich?

M√∂glicherweise ist Kunst eine Reflexion. Das Spiegelbild der "Seele" einer Gesellschaft. Sie zeigt uns aus einer poetischen und √§sthetischen Sprache heraus, wer und wie wir sind, was wir denken, was uns bewegt, was wir glauben oder was uns in diesem Moment wichtig erscheint. Deshalb ist Kunst zeitspezifisch und ver√§ndert sich mit der Entwicklung oder besser gesagt mit der Verwandlung der Menschheit. Deshalb muss Kunst f√ľr mich auch immer eine Bedeutung haben und in Kontakt mit dem Betrachter treten. Es spielt keine Rolle, ob sich Kunst dem Betrachter intellektuell oder emotional n√§hert. Eine kleine Reaktion ist manchmal alles, was n√∂tig ist. Kunst erm√∂glicht Zusammenst√∂√üe mit Realit√§ten die so zuvor vielleicht noch nicht erlebt worden sind, oder Sie stellt Gedanken aus ungew√∂hnlichen Perspektiven dar. Insofern ist Kunst immer auch eine Form des Wissens. F√ľr mich pers√∂nlich als K√ľnstlerin bedeutet Kunst auch die M√∂glichkeit zu haben, alles was mich erstickt zu steuern und das Fl√ľstern, das mich qu√§lt, aus meinem K√∂rper heraus zu leiten. Es ist sowohl ein Mittel zur Entfaltung sowie zur Befreiung.

 

Body Architecture I_Tamara Jacquin.jpg
"Body Architecture I - Triptych II", 2014, Fotografie, 30x15 cm

 

Wie beginnen Sie Ihren kreativen Prozess?

Das ist schwer zu sagen. Ich betrachte den kreativen Prozess als immer aktiv, denn eine Idee ist immer mit einer anderen verbunden und eine andere mit einer weiteren. Ich glaube nicht, dass man immer nur eine Idee hat, diese zu Ende bringt und dann nach einer neuen sucht. Der kreative Prozess ist immer im Gange, und h√§uft sich an. Tats√§chlich habe ich Notizb√ľcher mit Ideen. Ich schreibe sie immer auf, denn ich kann sie nie alle auf einmal verwirklichen. Einige werden vergessen, andere stehen auf der Warteliste. Einige sind umsetzbar, andere nicht. F√ľr mich beginnt der kreative Prozess mit der Idee. Wenn sie einem nicht ausgehen, endet der Prozess nie. Wenn ich ein neues Projekt entwickeln will und nicht wei√ü welches, dann deshalb, weil ich es vergessen habe. Ich habe ein sehr schlechtes Ged√§chtnis, deshalb schreibe ich meine Ideen auf. Ich lese sie noch einmal und w√§hle eine Idee aus. Dann geht der Prozess weiter.

 

Auf Ihrer Webseite geben Sie an, dass der K√∂rper f√ľr Sie am realsten ist. Auch viele Ihrer Werke beziehen Ihren eigenen K√∂rper mit ein und er wird oft in extreme Situationen gebracht (z. B. nackt in der K√§lte, barfu√ü im Schnee oder das Entwachsen der Schamhaare). K√∂nnen Sie mehr dar√ľber erz√§hlen? Und betrachten Sie den menschlichen K√∂rper als Kunst?

Ich denke, dass alle √§u√üeren Erfahrungen und der Gegenstand einer Sache zuerst durch den K√∂rper gehen m√ľssen. Der K√∂rper ist der gro√üe Empf√§nger, derjenige, der alles aufnimmt, und somit zum Beh√§lter unserer Erfahrungen wird. In unserem K√∂rpern¬†gibt es eine Ansammlung an inneren Erfahrungen, die von¬†√§u√üeren Erlebnissen beeinflusst werden und umgekehrt, sodass beide miteinander kommunizieren. All dies manifestiert sich im menschlichen K√∂rper. Der K√∂rper als lebendiges Objekt ist der erste Filter der √§u√üeren Realit√§t aber auch die letzte Schutzschicht dessen, was im Inneren passiert. Ich betrachte den menschlichen K√∂rper nicht als Kunst, aber als ein Medium kann er Kunst erm√∂glichen.


Manchmal, wenn mein K√∂rper Teil eines Werkes ist und ich ihn extremen Bedingungen aussetze, dann tue ich das, um ihn so zu zeigen wie er ist, zerbrechlich und sensibel. Ich m√∂chte sehen, was die Welt mit ihm macht, die Umgebung, der Wind oder der Schnee. Alles beeinflusst unseren K√∂rper, aber gleichzeitig dient er als Instrument der Manifestation und der Projektion. Auf pers√∂nlicher Ebene lerne ich viel √ľber mich selbst, √ľber meine Grenzen und √ľber die F√§higkeiten meines eigenen K√∂rpers. Auf der Bildebene kann der K√∂rper sehr kraftvoll sein, da der Betrachter dieselben Dinge am eigenen Leib sp√ľren kann, auch wenn er sie nicht selbst erlebt hat. Der eigene K√∂rper ist einem sehr nah, sodass es leicht f√§llt, sich in andere hineinzuversetzen und sich in ihnen zu erkennen. Die Erfahrungen des K√∂rpers sind keine Repr√§sentationen, sie sind Realit√§t, das macht ihn so m√§chtig. Deshalb gehen sie unter die Haut.

 

Animals in the woods_Tamara Jacquin.jpg
"Animals in the woods", 2019, Videoprojektion auf Textil und Fotografie auf Textil

 

Die Natur wird oft zu einem wichtigen Teil Ihrer Kunst. F√ľhlen Sie sich mit der Natur besonders verbunden?

Ich glaube schon. In letzter Zeit f√ľhle ich, mehr denn je, eine sehr starke Verbindung zur Natur. Beinahe wie eine Berufung. Das Komische ist, dass diese Verbindung in meiner inneren Vorstellung nicht die zu irgendeiner Natur ist, sondern zu der Erde, zu dem Land, aus dem ich komme. Das Land mit dem ich mich verbunden f√ľhle, ist sehr weitl√§ufig, es ist Teil der Anden und es reicht bis zum Pazifischen Ozean. Dieser Ort besitzt etwas magisches, das sich nicht einfach beschreiben l√§sst und in letzter Zeit, mehr denn je, kehrt er auf best√§ndige Weise in mein Ged√§chtnis zur√ľck. Ich bin seit mehr als zwei Jahren nicht mehr in Chile gewesen und vermisse diese allgegenw√§rtige Landschaft, die ich hier in Europa gesucht habe, aber nicht finden konnte. Obwohl ich an wunderbaren Orten war, ist es nicht dasselbe. Dieser Boden hat etwas Besonderes, als h√§tte er ein Eigenleben. Das ist es, was ich vermisse und es spornt mich an, zur√ľckzukehren und mit dieser Natur zu arbeiten.

 

Was gef√§llt Ihnen und was gef√§llt Ihnen nicht am K√ľnstlerdasein?

Was ich am meisten mag, ist die Freiheit, die es einem erlaubt, in allen Bereichen des Lebens, einschlie√ülich der eigenen Arbeit, K√ľnstler zu sein. Was ich am wenigsten mag, ist die Unsicherheit, die irgendwie die Folge dieser Freiheit ist.

 

Sie verwenden oft unterschiedliche Gestaltungsmittel in Ihren Werken. Gibt es eine Methode mit der Sie am liebsten arbeiten?  

Mir gef√§llt das Verfahren am besten, welches ich am wenigsten beherrsche. Ich versuche mich st√§ndig weiterzuentwickeln und f√ľhre neue Techniken in meine Werke ein. Ich bin sehr motiviert, neue Gestaltungsmethoden zu erlernen und damit zu experimentieren, so dass das Werkzeug, das ich zu beherrschen versuche, immer mein Lieblingswerkzeug sein wird.

 

   
"Dreaming the woods I", 2019,
Holz, Fotografie, Seide, 240 x 130 x 115 cm
 

Woran arbeiten Sie im Moment?

Ich habe gerade das Pilotenk√ľche Artist-in-Residence-Programm in Leipzig abgeschlossen. F√ľr drei Monate arbeitete ich an einem Projekt namens Dreaming the Forest. Das Projekt hat mit der bereits erw√§hnten Bindung zur Natur zu tun. Ich nehme an, f√ľr mich ist dieses Projekt eine Suche nach dem, was meine Erinnerung mir zeigen will, ich selbst aber nicht sehen kann. Deshalb empfinde ich es als eine Art Ged√§chtnisarbeit, als eine √úbung, sich an die Natur zu erinnern und zu versuchen, sie hier, in der Stadt, zug√§nglich zu machen. Bisher habe ich mich allerdings vor allem mit einer speziellen Erfahrung besch√§ftigt, die Erfahrung, einem Baum gegen√ľber zu stehen. Ich konzentrierte mich auf die Geste, die der K√∂rper macht, wenn er von vorne auf einen Baum blickt und mit den Augen und dem ganzen K√∂rper seiner Form folgt - auf eine Reise geht - bis der Blick in den Himmel entweicht. Dann kommt die Erinnerung an die Farben der Bl√§tter, das tiefe Blau des Himmels, die Empfindung des Windes, das Ger√§usch des Waldes, der Geruch der Erde usw. zu mir zur√ľck. Nat√ľrlich ist all dies nicht leibhaftig in meiner Arbeit. Das Werk, das Bild ist eher wie ein Traum, ein Anker f√ľr diejenigen, die sich ihm gegen√ľber stellen, um auf diese Erinnerungen zuzugreifen. Wir alle sind irgendwann in unserem Leben in einem Wald gewesen. Das Kunstwerk soll sich mit diesen Erinnerungen verbinden. Materiell gesehen ist es ein skulpturales und installatives Projekt. Ich brachte eine Schwarz-Wei√ü-Fotografie mit Holzstrukturen auf Seide. Ein Teil der Serie besteht aus einer Video-Performance, die auch auf Seide projiziert wird. Ich arbeite mit Seide, weil ich die Textur und das geringe Gewicht sehr mag. Das Ergebnis erscheint leicht, zerbrechlich, zart und weich mit nur wenigen materiellen Teilen. Mein Plan ist es, dieses Projekt weiter zu entwickeln. Jetzt reise ich f√ľr zwei Wochen nach Chile und m√∂chte dort die Naturreservate im S√ľden besuchen, viel Gestaltungsmaterial einfangen, um weiter arbeiten zu k√∂nnen. Ich habe das Gef√ľhl, dass dieses Material kraftvoller und inspirierender sein wird, da es das Land aus meiner Erinnerung ist.


 

 

  
 

Interview von Valerie Wahlroos

Valerie Wahlroos studierte Kommunikationsdesign in Augsburg und absolvierte ein Masterstudium in Arctic Art and Design an der University of Lapland. Sie unterst√ľtzte sculpture network f√ľr drei Monate im Kultur- Event- und Medienmanagement und sprach f√ľr uns mit Tamara Jacquin √ľber Kunst, K√∂rper und Ideen-Wartelisten.¬†

 

Titelbild: "Dreaming the woods III", 2019, Standbild Video Installation

 

 

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