Bleibende Spuren der Dinge: Saman Kalantari

2005 besuchte Saman Kalantari eine Ausstellung mit Glasobjekten. Fasziniert von den gestalterischen Möglichkeiten des Werkstoffs begann er eine zweijährige Ausbildung.
Saman Kalantari, „Still Life“, 2018, Installation ca 50 x 40 cm, porcelain component: Jaclyn Harris. Gold award Emerge 2018 competition.
Saman Kalantari, „Still Life“, 2018, Installation ca 50 x 40 cm, porcelain component: Jaclyn Harris. Gold award Emerge 2018 competition, 
Photo credit: Saman Kalantari 

 

Dieses damals hervorragend vernetzte Berufsschulzentrum vermittelte die künstlerische Arbeit mit Glas. Der gebürtige Iraner erwarb dort die handwerklichen Fähigkeiten und verfahrenstechnischen Kenntnisse, auf denen seine Arbeit bis heute fußt. Wie viele Glaskünstler hat Kalantari lediglich begrenzte Ressourcen zur Realisierung seiner Werke. Das läuft dem prinzipiell kostenintensiven Fertigungsprozess zweifelsohne zuwider. So hat er eigene technologische Strategien entwickelt, mit denen er starke Inhalte und komplexe Konzepte in seinen Kunstwerken vermitteln kann. Das Experimentieren mit unterschiedlichen Methoden der Glasherstellung führt Kalantari jedes Mal wieder zu neuen Ergebnissen, zu neuen Möglichkeiten. Er hat klassische Verfahren vom aufwändigen und zeitintensiven Pâte de verre übernommen, sie vereinfacht und flexibler gemacht.

Saman Kalantari, „Still Life“, 2015, 32 cm high
Saman Kalantari, „Still Life“, 2015, 32 cm high, 
Photo credit: Saman Kalantari 
 
Saman Kalantari, „Silk Road“, 2010, paper-thin pate de verre, 42 cm lang
Saman Kalantari, „Silk Road“, 2010, paper-thin pate de
verre, 42 cm lang, Photo credit: Saman Kalantari 

 

Viele seiner Arbeiten entstehen aus einer Kombination von Techniken, etwa dem in der Antike praktizierten Ummanteln eines soliden Kerns mit geschmolzenem Glas oder japanischer Papiermanipulation, Kirigami und Origami. Er verwendet diverse Fusing-Methoden und jedes Werk durchläuft mehrere Produktionsphasen; im Grunde beschichtet er Gegenstände mit Fritten und Glaspulver, schließlich mit Sand. Während des Brennvorgangs im Ofen verbrennen die organischen Trägermaterialien, etwa Papier und Obst. Übrig bleibt verschmolzenes Glas.

Seine Arbeiten sind äußerst zart und fragil, sie sind transparent, obgleich sich die Oberfläche matt opak zeigt. Sie wirken kostbar. Dabei verwandelt er stets Fundstücke und recyclebare Materialien in Glasobjekte. Kalantari sieht Abfall als Rohstoff und setzt sich künstlerisch mit seinem Verfall auseinander, mit den bleibenden Spuren, die er hinterlässt. Kalantaris Arbeit „Still Life“ gewann den Emerge Wettbewerb 2018 anlässlich der 10. Biennale- Ausstellungsreihe von Bullseye Glass Co. Sie wurde aus rund 300 Einreichungen ausgewählt. Wegen US-Präsident Trumps Einreiseverbot für Bürger aus vorwiegend muslimischen Ländern konnte er an der Preisverleihung hingegen nicht teilnehmen, von den Organisatoren ausdrücklich bedauert. Nach Stationen in Portland, Oregon, und Emeryville, Californien, wird die Schau derzeit im Chrysler Museum of Art in Norfolk, Virginia, und ab dem 23. August im Bellevue Arts Museum, Washington, gezeigt. Die Installation überzeugte die Jury nicht nur mit ihrer empfindsamen Ästhetik sondern gleichermaßen mit ihrer Eignung als Projektionsfläche für vielschichtige Gedankengänge.

Kalantaris gläserne Objekte sind mehr als Alltagsgegenstände in einem Stillleben. Für ihn sind Dinge subtile Bedeutungsträger, die omnipräsent sind: „Wir machen sie, wir kaufen sie, wir fälschen sie, wir sammeln sie oder wir werfen sie weg und wir versuchen sie loszuwerden. Wir verwenden sie, wir erhalten sie als Geschenk oder geben sie an Menschen, die wir lieben. Sie erinnern uns an Personen, die wir kennen oder die wir getroffen haben. Erinnerungen, die wir gelebt haben oder Orte, an denen wir gewesen sind. Einige von ihnen haben symbolische Bedeutungen für uns oder sie haben verborgene Geschichten und Geheimnisse, und in den meisten Fällen haben sie ein längeres Leben als die Personen, denen sie gehören. Ich benutze Gegenstände, um über Begriffe wie Zeit, Sterblichkeit und den Kreislauf des Lebens zu sprechen. Für mich repräsentieren sie auch, was am Rand der Gesellschaft bleibt.“ Kalantari verlagert sich demnach aus ganz bestimmten Gründen auf das neutrale Terrain der Dinge: Ihre Nähe zum Menschen ermöglicht es, auf diesen zu verweisen, ohne ihn direkt abzubilden. 

 

Autorin: Verena Wasmuth

Expertin für Kunst und Design aus Glas
Der Artikel wurde im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit GLASHAUS – Internationales Magazin für Studioglas 02/19 veröffentlicht.

Saman Kalantari, „Childhood Games“, 2010
Saman Kalantari, „Childhood Games“, 2010, Photo credit: Saman Kalantari 


 
 
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