Magazin

Die Kunst des Nordens

Vergessen Sie Kassel. Lassen Sie Venedig links liegen. Fahren Sie nach B√ľdelsdorf. Knapp zwei Stunden von Hamburg entfernt, kommt dort die NordArt 2022 ganz ohne laute Skandale, wenig zielf√ľhrende Diskussionen, halbherzige Dementi und widerwillige R√ľcktritte aus. Nur noch bis zum 9. Oktober 2022 sind mitten in Schleswig-Holstein Arbeiten von 200 K√ľnstlerinnen und K√ľnstlern zu sehen. Ins Leben gerufen hatte die Ausstellung f√ľr zeitgen√∂ssische Kunst 1999 eine kunstaffine Kulturinitiative und die St√§dte B√ľdelsdorf und Rendsburg. Wolfgang Gramm und Inga Aru kuratierten die Ausstellung in diesem Jahr.

Kassel ist in den letzten Wochen in Verruf geraten. In Venedig ist es noch immer viel zu voll. Reisen Sie schnell noch nach B√ľdelsdorf. Kaum ein Ausstellungsort f√ľr zeitgen√∂ssische Kunst bringt den sprichw√∂rtlich ‚Äěrauen Charme‚Äú des Nordens so auf den Punkt wie dieses ehemalige Industrieareal; eine gro√üe Halle, eine restaurierte Wagenremise und ein gro√üz√ľgiges Parkgel√§nde. Diese Kulisse schafft eine eigene Atmosph√§re, die nicht nur einen besonderen Blick auf die Kunst von heute bietet, sondern die Bilder, Fotografien, Videos sowie vor allem die Skulpturen, Plastiken und Installationen miteinander und mit den Besucher*innen in Bezug setzen will.¬†

 
 

Die NordArt, eine jurierte Ausstellung, bei der j√§hrlich mehr als 3.000 K√ľnstler*innen aus aller Welt um eine Teilnahme bewerben, will j√§hrlich neu ein Panorama der zeitgen√∂ssischen Kursentwicklung bieten; in diesem Jahr mit 200 ausgew√§hlter K√ľnstler*innen ‚Äď darunter auch einige Mitglieder von sculpture network. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur das Zusammenspiel der Werke mit der einzigartigen Kulisse, sondern auch ein Mit- und Gegeneinander k√ľnstlerischer Ausdruckweisen. Den Rundgang durch das 80.000 Quadratmeter gro√üe, park√§hnliche Au√üengel√§nde und die ehemalige Produktionshalle Carlsh√ľtte ist ‚Äď vor allem bei sch√∂nem Wetter ‚Äď einerseits eine Einladung zum Flanieren vor und an der Kunst vorbei, andererseits eine Aufforderung zum Innehalten und Res√ľmieren.¬†

Die Ausstellung in B√ľdelsdorf ist voller Gegens√§tze: Stringente Konstruktion skulpturaler Statik und bewegte Dynamik treffen auf die Liebe zum abbildenden, oft naiven Erz√§hlen. Abstraktion und Kubismus stehen neben provozierender Fig√ľrlichkeit. Vor allem die im Park platzierten Skulpturen und Plastiken laden zu einem (nicht immer nur erbaulichen) Spaziergang ein. Zu sehen gibt es Nachdenkliches, Kurioses und manches Originelles. Nicht alle Arbeiten √ľberzeugen. Manche Werke stehen auch schon l√§nger hier. Einige sind in diesem Jahr neu hinzugekommen. Die bemerkenswert eigenst√§ndige Bildsprache mancher Arbeiten konkurriert mit der Austauschbarkeit einiger Werke, die wie von gestern oder gar vorgestern wirken. Politischer Diskurs, feinsinnige Poesie und progressives internationales Kunstgeschehen stehen dabei im Widerspruch zur Banalit√§t des providenziell Allt√§glichen. ¬†

plickat joerg.JPG
Jörg Plickat, Vuelo, 2022, Cortenstahl, 270 x 420 x 420 cm

 

Egal! Nach den Diskussionen um die aktuellen Weltkunstschauen in Kassel oder Venedig kommt die NordArt ganz ohne Wimmelbilder aus und lebt von den unterschiedlichen Perspektiven einzelner Kulturen. In diesem Jahr widmet die Ausstellung Polen einen eigenen Pavillon und pr√§sentiert K√ľnstler*innen aus der Mongolei und China in Sonderprojekten. Im Mittelpunkt sollen dabei die Fragen stehen, welche Verantwortung kann oder muss die Kunst tragen. Ist sie Mittlerin zwischen den Welten? Spiegelt sie die Sehnsucht nach einer besseren Welt? Oder ist sie nur ein Abbild des Gegenw√§rtigen.¬†

Fragen, die denen der Kurator*innen in Kassel durchaus √§hneln. Eine Kunstreise zur diesj√§hrigen NordArt kann dabei durchaus helfen, eine Antwort zu finden. Denn: Ob Kassel oder Venedig, Ost oder West, ob S√ľd oder Nord! Die gemeinsamen Hoffnungen und Tr√§ume der Menschen √§hneln sich √ľberall auf der Welt.¬†

Willy hafner_1.jpg

Autor: Willy Hafner

Willy Hafner ist M√ľnchner Kunsthistoriker und freier Publizist. 2019 organisierte er die Sculpture Network Labs. Seitdem berichtet er f√ľr uns von spannenden Skulptur-Projekten in Deutschland und dar√ľber hinaus.

 

Titelbild:¬†Liu Ruowangs Figurengruppe ‚ÄěMr. Pinocchio‚Äú Foto: Joerg Wohlfromm, Der meistfotografierte Eyecatcher ist in diesem Jahr der L√ľgenbold des chinesischen K√ľnstler Liu Ruowang. Der sechs Meter hohe ‚ÄěPinocchio‚Äú steht in der Mitte von 36 menschengro√üe Figuren; Menschen im Alltag. Einer telefoniert. Einer schwingt seine Aktentasche. Ein anderer eilt irgendwo hin; ein allt√§gliches Bild. Die √ľbergro√üe, √ľberm√§chtige und zum L√ľgen neigende Figur steht in der Mitte, w√§hrend um sie herum ganz normale Menschen kreisen: ein politisches Bild ‚Äď wohl nicht nur f√ľr China.¬†

Galerie

Jan Dost√°l, Kreatur, 2019, Steel, Lacquered, 1200 x 700 x 600 cm
Jan Dost√°l, Kreatur, 2019, Steel, Lacquered, 1200 x 700 x 600 cm
Roswitha Steinkopf, Licht, 2004, Stainless Steel, Height: 500 cm
Roswitha Steinkopf, Licht, 2004, Stainless Steel, Height: 500 cm
Rainer Fest, Die Insel, 2022, Fountain: Gneiss, 4 Bronze Elements, Water, 30 x 70 x 220 cm
Rainer Fest, Die Insel, 2022, Fountain: Gneiss, 4 Bronze Elements, Water, 30 x 70 x 220 cm
Jo Kley, Irrturm (soll noch größer werden), 2022, Various Granites, Height: 300 cm
Jo Kley, Irrturm (soll noch größer werden), 2022, Various Granites, Height: 300 cm