GaiaMotherTree

Sommer, Sonne, See – und Kunst! Ein Ausflug nach Zürich lohnt sich seit dem 30. Juni noch mehr, da alle Reisenden am Hauptbahnhof von einer atemberaubenden Installation des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto (geb. 1964 in Rio de Janeiro) empfangen werden. 
Foto: Hauptbahnhof Zürich/Fondation Beyeler/Foto: Mark Niedermann

Der Züricher Hauptbahnhof gilt mit seinen knapp 3.000 Zugfahrten pro Tag als einer der meistfrequentierten Bahnhöfe der Welt. Täglich passieren den Bahnhof mehr als 400.000 Menschen auf ihren Wegen von einem Ort zum anderen. Dabei sind die Gefühle, die die Menschen mit dem Bahnhof verbinden, oft bestimmt von Hektik oder Ärger, von Vorfreude auf einen Ankommenden, oder von der Trauer nach einem Abschied. An diesem Ort schafft Neto mit seinem monumentalen Werk GaiaMotherTree einen Moment des Innehaltens und der Kontemplation. Beim Betreten der Bahnhofshalle breitet sich die aus bunten Baumwollbändern handgeknüpfte, baumartige und farbenfrohe Skulptur vor einem aus. Die Gestalt des Werks erinnert an die Form eines Baums, dessen Krone sich unter der 20 Meter hohen Decke der Bahnhofshalle erstreckt. Der Blick schweift hinauf und lässt einen auch die Architektur der über 100 Jahre alten Halle bewusster wahrnehmen. Die Installation bietet nicht nur ein visuelles Erlebnis, sondern regt auch den Geruchsinn an: Die  herabhängenden tropfenförmigen Elemente sind mit duftenden Gewürzen und getrockneten Blättern gefüllt und verbreiten einen betörenden Duft in der Bahnhofshalle. GaiaMotherTree wurde vollständig von Hand gefertigt. Die Stoffbänder aus Baumwolle wurden mit Naturfarben gefärbt, anschließend in einer Fingerhäkeltechnik geknüpft und zu einer gigantischen durchsichtigen Skulptur zusammengeknotet. An der Wurzel des Baums befindet sich ein großer begehbarer Raum, in dem die Besucher verweilen und sich auf kreisförmig angeordneten Sitzgelegenheiten niederlassen können. So wird das Werk in der Hektik des Alltags zu einem Ort der Begegnung, der Interaktion und der Meditation. Ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm für Erwachsene und Kinder mit Musik, Workshops, Führungen und Vorträgen findet im Inneren statt und belebt noch bis 29. Juli die alte Bahnhofshalle. Danach ist der Zauber von GaiaMotherTree wieder vorbei – es bleibt nur zu hoffen, dass er in den Köpfen der Menschen noch lange anhält.

Foto: Niels Fabaek/Kunsten Museum of Modern Art, Aalborg

Ernesto Neto gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern Lateinamerikas. Netos Kunst ist sowohl vom brasilianischen Neokonkretismus der 1960er-Jahre als auch von Minimal Art, Konzeptkunst und Arte Povera geprägt. Spiritualität, Humanismus und Ökologie sind maßgebliche Aspekte in seiner Arbeit. Seit den 1990er-Jahren zeichnen sich seine Werke durch untypische Materialien und Techniken aus. Charakteristisch für seine Skulpturen und Installationen sind biomorphe Formen und organische Materialien. Häufig spielen Transparenz und Sinnlichkeit eine wichtige Rolle. Die Werke können berührt, betreten, durchquert oder in Bewegung versetzt werden, auch appellieren sie oft an den Geruchssinn. Der Besucher ist eingeladen, sich auf seine Wahrnehmung zu konzentrieren und mit seinem Umfeld und dem Werk zu interagieren. 

In den letzten Jahren hat sich Neto mit einer neuen Werkserie beschäftigt, die er in Kooperation mit den Huni Kuin realisiert, einer indigenen Bevölkerungsgruppe, die im brasilianischen Amazonasgebiet nahe der peruanischen Grenze lebt. Ihre Kultur und Bräuche, ihre Sprache, ihr Wissen, ihr Handwerk, ihre Ästhetik, Werte, Weltanschauung und spirituelle Verbindung zur Natur haben Netos Auffassung von der Kunst verändert und sind wesentliche Bestandteile davon geworden.

Zürich Hauptbahnhof

30. Juni – 29. Juli 2018



 
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