Camouflage: Die Macht der Tarnung

Camouflage. Der Titel einer von Lorenzo Benedetti kuratierten Ausstellung, die aktuell und noch bis zum 16. Juni 2019 in der Lokremise St.Gallen zu sehen ist. Lassen Sie sich überraschen was hinter dem "getarnten" Titel der Ausstellung steckt.

Ist das Kunst – oder täusche ich mich – oder täuscht sie mich?

Camouflage. Wer hier zuerst an ein militärisches Tarnmuster denkt, liegt natürlich richtig. Doch der Begriff steht auch für ein Konzept. Für das Verstecken, Sich-Tarnen, Sich-Ganz-Absichtlich-Nicht-Zeigen, für Sicherheit. Und es ist der Titel einer von Lorenzo Benedetti kuratierten Ausstellung mit Werken der Kunstschaffenden Catherine Biocca, Kasia Fudakowski, Grace Schwindt und Zin Taylor, die aktuell und noch bis zum 16. Juni 2019 in der Lokremise St.Gallen zu sehen ist.

Camouflage, Installationsansicht Lokremise St.Gallen, Foto: Mark Mosman
Camouflage, Installationsansicht Lokremise St.Gallen,
© Mark Mosman

Tarnung gibt es in der Schau zur Genüge, Sicherheit über die Aussagen und eben verborgenden Botschaften der Werke weniger. Doch das ist auch nicht ihr Anspruch. Ihr Anspruch ist es, genau in dieser Ambivalenz aufzugehen, die Grenze zwischen rein ästhetisch-formalen und konzeptuell-intellektuellen Rezeptionsangeboten auszuloten, zu hinterfragen, und trotz, oder gerade mit all ihren raffinierten Täuschungsmanövern, sichtbar zu machen.

Verborgene Bedeutungen ergründen

Der Kern der Ausstellung wird formal als subtile, der Ausstellung zugrundeliegende Metapher präsentiert: Ein Vorhang aus bunten Seidenstreifen, eine schwarz-weiss Zeichnung die im Detail wie im grossen Ganzen und wie im Zusammenspiel mit anderen Objekten –jeweils anders– funktioniert, und auch die anderen Elemente können rein visuell vor dem Hintergrund ihrer Farben, Formen, Techniken usw. erfahren und gedeutet werden, wobei sie ihre tieferliegende, konzeptuelle und ideelle Bedeutung eventuell nicht sofort offenbaren oder gar gekonnt zu verbergen wissen. Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler spielen in surrealistischer, spielerischer, fast kindlicher Manier Verstecken mit dem Betrachter und dessen Wahrnehmung, indem sie die beiden Ebenen einer Betrachtung von Kunst hintergehen und mit ihnen in Dialog treten, sie somit aber auch selbst thematisieren. Doch wo und wie wird hier verschleiert?

Verschmelzungen und Abhängigkeiten

Ausstellungsansicht Lokremise St.Gallen, Werke von Zin Taylor (*1978 Calgary). Foto: Mark Mosman
Ausstellungsansicht Lokremise St.Gallen,
Werke von Zin Taylor (*1978 Calgary) © Mark Mosman

Die Referenz zu Sprache und Gedanken ist ein zentraler Punkt in Zin Taylors schaffen. So beschreibt er: "Each drawing is a space, a void, for holding thoughts about what it could be. (…) The black lines spell a thing that may or may not be familiar, so that a thought can fill that newly formed area. These caricatures are thinking opportunities, and I’ve collected a lot of them." Die zwei dreidimensionalen Objekte Zin Taylors (*1978 in Calgary) üben sich gar im Verstecken vor dessen eigenen weiteren Werk, der Wandmalerei Thoughts of a dot as it travels a surface (OLCM / In the valley), 2019, die mit Permanentmarker gezeichnet wurde und für die Taylor sich in der Stadt und Umgebung St.Gallens inspirieren liess. Die skulpturalen Arrangements A Tool for Stripes and Dots und Double Sliver / Stripes and Dots verschmelzen formal und intentional – ganz dem Titel der Ausstellung entsprechend – mit den Strichen, Punkten und Linien an der Wand hinter ihnen und werden so, je nach Betrachterstandpunkt, entweder zu einer verschmolzenen Einheit oder wieder zu Einzelwerken. 

Continuouslessness, das Werk von Kasia Fudakowski (*1985 in London), das eigens für die Ausstellung geschaffen wurde – aus mehreren Teilen bestehend, die einerseits gentrennt voneinander gesehen werden können, andererseits einander stützen und nicht ohne die anderen Teile funktionieren – führt den eigentlichen Sinn eines Paravents, auf dessen Form das Werk sich bezieht, ad absurdum, denn hinter diesem Raumteiler kann man sich vor niemandes Blick schützen, man fühlt sich eher als würde man selbst von ihm vorgeführt. Das Werk behandelt die Beziehung zu unserem Körper sowie die Relationen zu anderen Menschen. In dem andauernden Projekt der Künstlerin, das sie 2011 begann und vorhat, immer weiter fortzuführen, findet sich ein weiteres Mal Verwirrung und Täuschung – schon in dessen Titel mit seiner doppelten Verneinung.

Kasia Fudakowski (*1985 London),  Continuouslessness; ein lebenslanges Projekt!  panels 19-25, 2019, Ortsspezifische Dimension,  Diverse Materialien, Courtesy die Künstlerin und ChertLüdde,  Berlin © Mark Mosman
Kasia Fudakowski (*1985 London), Continuouslessness; ein lebenslanges Projekt! panels 19-25, 2019, Ortsspezifische Dimension, Diverse Materialien,
Courtesy die Künstlerin und ChertLüdde, Berlin © Mark Mosman

 

Nicht anfassen!?

Grace Schwindt (*1979 Offenbach), Curtain, 2016, Seide, Ortsspezifische Dimension, Courtesy die Künstlerin und Zeno X Gallery, Antwerpen. Foto: Mark Mosman
Grace Schwindt (*1979 Offenbach), Curtain, 2016, Seide,
Ortsspezifische Dimension,
Courtesy die Künstlerin und Zeno X Gallery,
Antwerpen. © Mark Mosman

Das zentrale, monumentale Werk Curtain von Grace Schwindt (*1979 in Offenbach) referiert auf eine fest verankerte Konvention in (Kunst-)Ausstellungen: "Nicht anfassen!" - egal, wie sehr Du auch möchtest. Doch das gilt hier nicht, so werden Besuchende auch im Saaltext hingewiesen. Und das müssen sie wohl auch, denn der Instinkt sagt: im quasi-heiligen Ausstellungsraum wird nichts berührt – höchstens mit eindringlichen Blicken. Doch die Haptik der Seidenstreifen, die in buntesten Farben von der über sechs Meter hohen Decke der Lokremise St.Gallen fallen – das von Carl Moser entworfene Gebäude diente ursprünglich der Wartung von Dampflokomotiven und gilt heute als Industriedenkmal von nationaler Bedeutung –  ist zu verlockend und spricht den Besucher auf eine subtile Weise an. Die Farbstreifen sind weich und schimmern farbenprächtig, sodass man um den Reflex, sie berühren und durchschreiten zu wollen, nicht herumkommt.

Von Pseudo-Steinen, sprechenden Ketten und anderen surrealen Objekten

Catherine Biocca (*1984 Rom), Volatile Compounds, 2019, Audio-Video Installation, Detail, Courtesy die Künstlerin und PSM, Berlin. Foto: Mark Mosman
Catherine Biocca (*1984 Rom), Volatile Compounds, 2019,
Audio-Video Installation, Detail,
Courtesy die Künstlerin und PSM,
Berlin. © Mark Mosman

Das Werk Volatile Compounds von Catherine Biocca (*1984 in Rom) spielt Verstecken mit unserer Wahrnehmung, will uns weissmachen, wir sehen ein Buch, in dem man blättern könnte, um im nächsten Moment zu enthüllen, dass es aus Marmor gefertigt ist. Die Künstlerin legt auf dem Boden verstreut Ziegelsteine aus (die wiederum auf einer mit rotem Backsteinmuster bedruckten Folie ruhen), die bei genauem Hinsehen verraten: In Wirklichkeit sind dies als Ziegelsteine getarnte Plastik-Pseudo-Ziegel. Diese Elemente werden in den surrealen Audio-Video-Installationen aufgegriffen und mit einem animierten, laut lachenden Pilz noch absurder weitergeführt. An anderer Stelle, in der Installation Sabotage sprechen Schmuck, Kleiderständer und Staubschutzhüllen, deren Installation auf den entsprechenden Ständern anthropomorphe Gesichtszüge annehmen, den Betrachter direkt an. Eine sich per Video-Animation bewegende Kette sendet uns rätselhafte Botschaften, indem sie fragt: "Is it habit, tradition, intellectual confusion? Do you have any clue at all? I mean about anything?". 

 

Camouflage – Catherine Biocca, Kasia Fudakowski, Grace Schwindt, Zin Taylor 
9. Februar – 16. Juni 2019, Lokremise St.Gallen
www.kunstmuseumsg.ch 
www.lokremise.ch 

 

Sophie Lichtenstern

Autorin: Sophie Lichtenstern

Sophie Lichtenstern ist am Kunstmuseum St. Gallen im Bereich Kommunikation und Marketing tätig. Derzeitig schließt sie ihren Master im Fach Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft an der Universität Konstanz ab und interessiert sich besonders für zeitgenössische Kunst und interdisziplinäre Studien.

 

 

Titelbild: Camouflage, Installationsansicht, Lokremise St.Gallen ©Mark Mosman



 
 
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