Michèle Lapointe – Öffentlicher Innenraum

Die Künstlerin Michèle Lapointe lebt und arbeitet in Montreal. Obgleich sie mit diversen Medien arbeitet, richtet sie seit den 1980er Jahren den Fokus auf Glas.

Im Bereich der öffentlichen Kunst als auch in Galerieinstallationen beschäftigt sie sich mit Themen wie der Vergänglichkeit der Zeit, der Erinnerung an einen bestimmten Ort und der Fragilität der Umwelt. Sie hat eine Professur am Espace Verre, der einzigen Kunstgewerbeschule für Glas in Kanada. Eine der renommiertesten Auszeichnungen im Kunsthandwerk des Landes ist der Prix Jean-Marie-Gauvreau. Verbunden mit einem Stipendium in Höhe von 10.000 USD verleiht ihn der Kunstrat von Quebec seit 1976 jährlich für ein Werk, das kühn die Grenzen des Lieblingsmaterials eines erfahrenen Kunsthandwerkers auslotet.

Michèle Lapointe
Michèle Lapointe

Michèle Lapointe ist Gewinnerin des Jean-Marie-Gauvreau-Preises 2018. Sie erhielt ihn für ihre Arbeit „Mettre la tête où l’on pense“ (in etwa: Schick deinen Kopf dahin, wo du denkst). Bei der Mixed Media Installation handelt es sich um eine Interpretation des Romans „Carapace“ (Panzer) des kanadischen Autors Mario Girard, alias Marie Auger, der von der Einsamkeit, Wahnvorstellung und Sprachlosigkeit einer obdachlosen Straßenmusikerin erzählt. Zerknitterte Glasballons versinken halb in dreizehn Kartons auf dünnen Holzbeinen. Sie teilen den sanft beleuchteten Ausstellungsraum diagonal. In jedem der Kartons werden hinterleuchtete Fotomontagen, Textstücke und ausgesuchte Objekte von Prismen, Spiegeln und den frei geblasenen Glaselementen teilweise freigelegt, optisch vergrößert oder amorph verformt. Überwiegend sind puppenhaft wirkende Mädchen dargestellt, manchmal auf einem Stuhl sitzend. An den Wänden rahmen großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien einer jungen Frau die Installation.
In sieben nahezu tänzerischen Posen verbirgt sie ihr Gesicht hinter ihren Haaren oder hinter ihren Armen, viermal sitzt sie auf demselben Stuhl wie die Kinder. Zudem ist auf einem achten Bild der verwaiste Stuhl selbst zu sehen.

Michèle Lapointe, Installation „Mettre la tête où l’on pense“, 2018, each element 90 x 60 x 60 cm; photos on wall 182 x 106 cm. (Photo credit: René Rioux)
Michèle Lapointe, Installation „Mettre la tête où l’on pense“, 2018, each element 90 x 60 x 60 cm;
photos on wall 182 x 106 cm. (Photo credit: René Rioux) 
 

Für alle Leser von Augers Roman referenzieren einzelne Komponente des Kunstwerks die Handlung wörtlich, so die Kartons die Schlafstätte der Obdachlosen, die Verpackung eines Kühlschranks. Wie auch die anderen Elemente setzt die Künstlerin diese hingegen in erster Linie wegen ihrer atmosphärischen Wirkung ein. Die Leichtigkeit und Schwere des Romans verschränkt Lapointe in den unbestimmten Eigenschaften des Glases, das fragil und fest, transparent und verzerrend ist. Man muss einige Anstrengungen unternehmen, um herauszufinden, was in jeder Blase der Kartons passiert. Je nach Betrachtungswinkel ändert sich die Perspektive auf die dort Abgebildeten. Das Glas schafft abgeschlossene Universen, die den Betrachter auffordern, innezuhalten, seine Sicht zu prüfen, um das Ungesagte anschauen. Mal verschwinden die Bildmontagen, dann gewähren sie eine Ahnung von der Not, dem Verzicht oder dem Missbrauch an den Kindern.

Blick in die Ausstellung im Le Centre d‘exposition de Mont-Laurier, Kanada. (Foto: Julie Legault)
Blick in die Ausstellung im Le Centre d‘exposition
de Mont-Laurier, Kanada. (Foto: Julie Legault)

Michèle Lapointe hat mit „Mettre la tête où l’on pense“ einen Ort geschaffen, in dem der Besucher sich auf eine Spurensuche begibt. Dieser autorisiert das Eintauchen ins Private innerhalb des öffentlichen Galerieraumes. Lapointe hat sich „Carapace“ angeeignet und einen öffentlichen Innenraum geschaffen.
Die prämierte Installation ist noch bis zum 16. März 2019 im Le Centre d‘exposition de Mont-Laurier in Kanada zu sehen.

 Michèle Lapointe, Installation „Mettre la tête où l’on pense“, 2018, Detail. (Photo credit: René Rioux)
Michèle Lapointe, Installation „Mettre la têteoù l’on pense“, 2018, Detail. (Photo credit: René Rioux)

 

Autorin: Verena Wasmuth

Expertin für Kunst und Design aus Glas
Der Artikel wurde im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit GLASHAUS – Internationales Magazin für Studioglas 1/2019 veröffentlicht.

 

Titelbild:  Michèle Lapointe, Installation „Mettre la tête où l’on pense“, 2018, Detail. (Photo credit: René Rioux)



 
 
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