Mariuccia Secol, Muzeum Susch / Art Stations Foundation. Photo: Federico Sette
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Entwirren statt Fügen

Mariuccia Secol fertigt Collagen und Objekte aus zerrissenen Textilien, verbindet Scheuerschwämme zu Flächen, überzieht Schaumstoffobjekte mit silberner Kunststofffolie und baut Instrumente aus Baumaterialien. Ihre Darstellungsmittel sind drastisch, ihre Themen relevant: Gewalt gegen Frauen, internationale Konflikte, die Ausgrenzung von Minderheiten, das Schicksal von Menschen auf der Flucht. Das Muzeum Susch im schweizerischen Graubünden ermöglicht bis zum 01. November 2026 unter dem Titel „Unraveling“ einen Einblick in das Werk der 97-jährigen Italienerin.

Mariuccia Secol, Muzeum Susch / Art Stations Foundation
Mariuccia Secol, Muzeum Susch / Art Stations Foundation. Photo: Federico Sette
Mariuccia Secols künstlerisches Schaffen beginnt in den 1950er Jahren. Als Kind einer Arbeiterfamilie 1929 in der Nähe der norditalienischen Stadt Varese geboren, besuchte sie nie eine Kunstschule. Sie lernte in Kunstkursen und bei privaten Lehrern. Darüber hinaus beeinflusste sie ihre über 20jährige Tätigkeit als Lehrerin im Malatelier des psychiatrischen Krankenhauses in Bizzozero. Der Leiter dieses Krankenhauses, der Psychiater und Neurologe Franco Basaglia gilt bis heute als einer der Reformer der Psychiatrie in Italien. Basaglia forderte Ärzte und Pfleger dazu auf, die Patienten als gleichberechtigte Gesprächspartner anzuerkennen und prangerte die Missstände in den psychiatrischen Kliniken Italiens an: Tausende Zwangseingewiesene lebten damals, ihrer Bürgerrechte beraubt, in den Anstalten vor sich hin, mit Elektroschocks und Medikamenten ruhiggestellt und ohne Aussicht auf eine Rückkehr ins Leben. Ein anderes Thema.

Mariuccia Secol, Frauenmord (eng. Femicide), 1988, patchwork of clothes and tights, 210 x 90 cm
Mariuccia Secol, Frauenmord (eng. Femicide), 1988, patchwork of clothes and tights, 210 x 90 cm
Legt die Pinsel nieder, so ist Mariuccia Secols Arbeit zu beschreiben. Männer sollten malen, Frauen sich mit Nähen, Stricken und Sticken beschäftigen; so die in den 1960er Jahren vorherrschende Meinung. Kunst versus Haus- bzw. Carearbeit? Nicht für Mariuccia Secol! Kleider, Schürzen und Alltags- oder Haushaltsmaterialien sind für sie Instrumente der weiblichen Unterdrückung. Sie macht sie zu Rohstoffen der Verweigerung. Anstatt den Stoff durch Nähen oder Weben zu gestalten oder zusammenzufügen, entfernt Secol Fäden aus der Gewebestruktur. Sie zerschneidet Kleidungsstücke (einschließlich ihres Hochzeitskleides), zerreißt Küchenschürzen oder Handschuhe und vernäht sie neu. In Secols Arbeiten werden sie zu Trägern von Erinnerungen, Verletzungen und Identität. Die Leerstellen und Risse in ihren Installationen und Collagen zeigen die Wunden; des weiblichen Körpers und der Gesellschaft. Ihre Arbeiten lassen das Verborgene hervortreten und mit ihm das Selbstbewusstsein ihrer vormaligen Träger*innen. Die Frau (nur) als Ehefrau und Mutter gibt es für Secol nicht mehr. 

1974 gründet Secol mit ihrer feministisch aktiven Tochter Mirella Tognola und der Designerin Milli Gandini die Gruppe „Femminista Immagine di Varese“. Kunst ist für Secol fortan als politische Praxis. Hausarbeit wird verweigert. „Kreativität durch Verweigerung“ das ist der Slogan der Gruppe. Die „Femminista Immagine“ wendet sich in ihren Arbeiten gegen traditionelle Frauenrollen und häusliche Gewalt. 1978 nehmen sie an der Biennale in Venedig teil: Eine kreisförmige Installation aus tausenden Postkarten mit Naturmotiven außen, innen Werke der Künstlerinnen zu Mutterschaft, Hausarbeit, Körperbewusstsein. Mit der Gegenüberstellung will die Gruppe stereotype Vorstellungen vom Frausein aufbrechen. Frauen sollen eine (eigene!) Stimme haben. In den 1980er Jahren verschwindet Secol aus dem Blickfeld des etablierten Kunstbetriebs. Ihre Werke gelten als Kunsthandwerk, als zu weiblich, als Emanzen-Agitprop. Sie lässt sich nicht beirren und arbeitet weiter.

Mariuccia Secol, Der Schrei, 1971, Schaumgummi, Kunststoff, Gummihandschuhe, 69 x 43 x 38 cm
Mariuccia Secol, Der Schrei, 1971, Schaumgummi, Kunststoff, Gummihandschuhe, 69 x 43 x 38 cm
Der Ausstellungstitel „Unraveling – Entwirren/Auflösen“ der Retrospektive einer Grande Dame der italienischen Gegenwartskunst in Susch zeigt die Arbeiten einer Frau, die sich immer mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt. Der Titel und die Arbeiten Mariuccia Secols erhalten mit der stetig (wieder) wachsenden Popularität sogenannter Tradwives und anderer politischer Kräfte eine mehrfache Bedeutung: Sie stehen für das Freisetzen der (weiblichen) Kreativität und für die Loslösung vom Patriarchat. Secol thematisiert das Schicksal von Geflüchteten, Migrationskrisen, internationale Konflikte und den ökologischen Kollaps. Ihre Bilder, Installationen und Collagen zeugen von Kampf und Befreiung, von den gesellschaftlichen Hindernissen und der Kraft, sich eine Position zu erkämpfen, die nicht mehr durch traditionelle Vorgaben eingeschränkt wird.

Mariuccia Secol ist ihrer Zeit voraus. Sie erscheint in einer Zeit, in der rückwärtsgewandte gesellschaftliche und politische Forderungen immer populärer werden, wie eine Künstlerin aus einer vergangenen Welt. Ihre Arbeiten verbinden den Kampf der Menschen gegen Unterdrückung und Ausgrenzung mit der Forderung von Frauen nach Gleichberechtigung.
Die Ausstellung in Susch ist nicht nur eine Kunstausstellung. Sie zeigt ein „rebellisches Archiv“, das auffordert, den Blick auf das Gestern zu erweitern und vor allem die Sicht auf die Gegenwart zu schärfen.  

 

Über den Autor/ die Autorin

Willy Hafner

Willy Hafner ist Münchner Kunsthistoriker und organisierte 2019 zusammen mit Eva Wolf und Angelika Hein das erste und zweite Sculpture Network Lab. Seitdem berichtet er für uns von spannenden Skulptur-Projekten in Deutschland und darüber hinaus. Er ist Mitglied des Patronatskomitees des Centro Internazionale di Scultura und hilft, die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung des Projektes zu unterstreichen.

Übersetzung

Elka Parveva-Kern

Elka Parveva-Kern unterstützt Sculpture Network seit 2024 als Übersetzerin - eine wunderbare Gelegenheit, ihr langjähriges Interesse an Sprachen und Kunst zu verbinden.

Galerie

Mariuccia Secol, Frauenbrücke (eng. Woman Bridge), 1989, clothes on canvas, shoes, plastic film, 1000 x 56 cm
Mariuccia Secol, Frauenbrücke (eng. Woman Bridge), 1989, clothes on canvas, shoes, plastic film, 1000 x 56 cm
Mariuccia Secol, Hochzeitskleid aus der Serie Puppenhaus (eng. Wedding Dress from the series Doll House), 1970-1973, patchwork of clothes, canvas, 173 x 93 cm
Mariuccia Secol, Hochzeitskleid aus der Serie Puppenhaus (eng. Wedding Dress from the series Doll House), 1970-1973, patchwork of clothes, canvas, 173 x 93 cm
Mariuccia Secol, Das Spinnrad (eng. The Spinning Wheel), 1977, textiles on canvas, 80 x 80 x 80 cm
Mariuccia Secol, Das Spinnrad (eng. The Spinning Wheel), 1977, textiles on canvas, 80 x 80 x 80 cm
Mariuccia Secol, Instrumente mit vielen Mündungen (eng. Instruments with Multiple Mouthpieces), 1970, plastic building structures, 80 x 67 x 63 cm
Mariuccia Secol, Instrumente mit vielen Mündungen (eng. Instruments with Multiple Mouthpieces), 1970, plastic building structures, 80 x 67 x 63 cm
Mariuccia Secol, Muzeum Susch / Art Stations Foundation
Mariuccia Secol, Muzeum Susch / Art Stations Foundation

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