Installation view, Chalisée Naamani: Octogone, Kunsthalle Wien 2026

Kunsthalle Wien
Museumsquartier, Museumsplatz 1
1070 Vienna
Ă–sterreich

Chalisée Naamani: Octogone

Die Kunsthalle Wien präsentiert die erste Einzelausstellung außerhalb Frankreichs der französisch-iranischen Künstlerin Chalisée Naamani (geb. 1995, Paris). Unter dem Titel Octogone vereint die Ausstellung im Museumsquartier eine Reihe aktueller Skulpturen, Drucke und Textilarbeiten mit eigens für die Ausstellung geschaffenen Neuproduktionen. Naamani bezeichnet ihre Skulpturen als „Bildgewänder“: Durch einen Prozess der Überlagerung und Collage von Bildern, Stoffen und Texten unterschiedlicher Provenienzen schafft sie skulpturale Arbeiten, die häufig an Kleidungsstücke erinnern oder auf die Geschichte der Mode rekurrieren, aber nie zum tatsächlichen Tragen intendiert sind. Stattdessen versteht die Künstlerin Mode als grundsätzlich politisch und zeigt durch ihre Reflexion des Bereichs der angewandten Künste, wie Fragen von Form, Funktion und Ästhetik mit Macht und kultureller Bedeutung verknüpft sind. Die Vielzahl an Quellen und Referenzen, derer die Künstlerin sich hierbei bedient, umfassen die ornamentalen Traditionen innerhalb der dekorativen und bildenden Kunst, persische und christliche Ikonografien, Zitate aus der Populär- und Internetkultur, aber auch persönliche Fotografien und Archivmaterialien.

Mehrere Skulpturen greifen – sowohl formal als auch symbolisch – die Bildsprache internationaler Protestbewegungen und politischen Widerstands auf und entwerfen Kleidungsstücke als potentielle Träger emanzipatorischer Bewegungen. From Iran (2025) etwa bezieht sich auf die Proteste gegen die Regierung der Islamischen Republik Iran, die wiederum mit der Initiative „Woman, Life, Freedom“ verbunden sind, die dort 2022 als Reaktion auf den Tod von Mahsa Amini in Polizeigewahrsam entstand. Cape et gilet jaune (2020) verweist auf die Kleidung der französischen Protestbewegung der „Gilets Jaunes“ [Gelbwesten], die durch ihre Selbstbezeichnung sogar ihren Namen einem Hochsichtbarkeits-Kleidungsstück entlieh und so funktionale mit politischen Bedürfnissen verknüpft. Diese Auseinandersetzung setzt sich in der neu für die Ausstellung produzierten Skulptur No Kings, Only Queens (2026) fort, die sich mit den jüngsten Kämpfen für Transrechte in den Vereinigten Staaten von Amerika befasst. Ein weiteres Beispiel ist Liberty Leading the People (2026), benannt nach Eugène Delacroix’ Gemälde La Liberté guidant le peuple (1830), das bis heute eine Ikone revolutionärer Bestrebungen darstellt. Fragen nach der Verbreitung der für jene Bewegungen verbundenen Bilder und Symboliken und nach den Übersetzungsprozessen, denen diese historisch und in den gegenwärtigen Zeiten permanenter Reproduktion und Aneignung über soziale Medien unterliegen, sind zentral für das Werk Naamanis. In ihren Arbeiten zeigt sie gleichsam die kulturelle Zirkulation von Bildern und Kleidungsstücken in einer globalisierten Welt auf, etwa innerhalb von Migrationsbewegungen, Tourismus und durch die Produktions-, Präsentations-und Konsumnetzwerke der Modeindustrie.

Der Titel und die räumliche Gestaltung der Ausstellung beziehen sich auf das Zurkhaneh [Haus der Stärke]. In diesem im Iran und benachbarten Ländern verbreiteten Trainingsraum, dessen Ring eine oktogonale Form hat, wird der traditionelle Kampfsport Varzesh-e Pahlavani praktiziert. Aus der vorislamischen Zeit stammend, wurde der Sport nach der arabischen Eroberung des Iran ab dem 7. Jahrhundert wegen seines revolutionären Potentials als Form kulturellen und physischen Widerstands zunächst verboten. Naamanis Ausstellung und ihre Szenografie, deren zentrales Element einer Umkleidekabine mit Spinden und Spiegeln nachempfunden ist, verwebt so die Kulturgeschichte des Iran mit der Familiengeschichte der Künstlerin, deren Großvater die Sportart selbst praktizierte. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der er mit seinen Medaillen zu sehen ist, hat Naamani als Teil der Installation Who claims love (2025) auf ein Cape gestickt, das den traditionellen Trainingsgewändern nachempfunden ist. In jüngerer Zeit wurde die lange Zeit ausschließlich von Männern dominierte Praxis des Varzesh-e Pahlavani im Kontext emanzipatorischer Bewegungen im Iran auch von Frauen beansprucht. Auch andere historisch männlich konnotierte Sportarten wie Boxen und Fußball zitiert die Künstlerin in ihren Werken: Die Verbindung von Trainingsgeräten mit Objekten, die für das kognitive Lernen von Kleinkindern eingesetzt werden, rekurriert auf die eigene Mutterschaft Naamanis, kehrt fest verankerte Genderstereotype um und dekonstruiert zugleich gesellschaftliche Wachstums- und Optimierungsbestrebungen, deren Adressat häufig der menschliche Körper ist.

Eine neue Werkreihe setzt diese Reflexion entlang lokaler kultureller Referenzen fort. In diesen Skulpturen untersucht Naamani, inwieweit traditionelle Kleidungsstücke wie Dirndl und Lederhosen in ihrer Gestaltung geschlechtsspezifische Ideale kodieren und affirmieren und inwieweit sie die körperliche Autonomie einschränken. Naamani kombiniert diese für Tourist*innen produzierten Souvenirs und T-Shirts mit dem Schriftzug „Heimat“ und stellt so Fragen nach der Bedeutung von Zugehörigkeit in der Gegenwart und nach den Gefahren ihrer nostalgischen Verklärung – insbesondere im Kontext von Nationalismus und dem Erstarken der extremen Rechten.

Die Ausstellung Chalisée Naamani: Octogone wird in Kooperation mit Palais de Tokyo, Paris organisiert.

Biografie

Chalisée Naamani (geb. 1995, Paris) hatte Einzelausstellungen im Palais de Tokyo, Paris (2025) und La Galerie – Centre d’art contemporain de Noisy-le-Sec (2021). Ihre Arbeiten wurden auch in zahlreichen Institutionen gezeigt, darunter Le Delta, Namur (2025); Hangar Y, Meudon; FRAC Champagne-Ardenne, Reims (beide 2024); MUDAM Luxembourg; La Friche La Belle de Mai, Marseille (beide 2023) sowie auf der Biennale de Nice (2022). Naamani wurde mit dem Pista 500 Preis der Pinacoteca Agnelli, Turin (2023) und dem Benoît Doche de Laquintane Preis (2021) ausgezeichnet. Naamani lebt und arbeitet in Paris.

Limitierte Edition

Chalisée Naamani hat im Rahmen der Editionenreihe der Kunsthalle Wien einen Schal entworfen. Formal einem Fußballschal ähnelnd, trägt er die Slogans „Free Britney“ und „Free Iran“. Diese politische Botschaft verweist einerseits auf die Befreiungsbewegung im Iran und andererseits auf die Kampagne zur Befreiung der Popsängerin Britney Spears aus der Vormundschaft ihres Vaters. Beide Bewegungen wurden maßgeblich über soziale Medien verbreitet und sind durch ihren gemeinsamen Bezug auf patriarchale Systeme und die Unterdrückung von Frauen miteinander verbunden.

Die Editionen der Kunsthalle Wien sind im Shop der Kunsthalle Wien Museumsquartier und Karlsplatz sowie online erhältlich: https://kunsthallewien.at/shop. Alle Erlöse unterstützen das Programm der Kunsthalle Wien.

Hinweise fĂĽr die Redaktion

Chalisée Naamani: Octogone

29. Jänner–6. April 2026 Kunsthalle Wien Museumsquartier

Pressekonferenz: 28. Jänner 2026, 12 Uhr

Ausstellungseröffnung: 28. Jänner 2026, 19:30 Uhr

Programm

Mi, 28.1.2026, 18:30 Uhr

Künstler*innengespräch: Chalisée Naamani im Gespräch mit Noit Banai, Professorin für Diaspora Aesthetics an der Akamedie der bildenden Künste Wien

Kunsthalle Wien Museumsquartier, Studio

Do, 5.2.2026, 18 Uhr

Kurator*innenfĂĽhrung mit Anna Marckwald (DE)

So, 22.2., 16 Uhr

Führung (DE) – Freier Sonntag unterstützt vom Dorotheum

Sa, 14.3.2026, 14 Uhr

FĂĽhrung auf Farsi von Nargol Gharahshir (FA)

Do, 2.4.2026, 18 Uhr

FĂĽhrung (EN)

Programm fĂĽr Kinder und Familien

Di, 24.2.2026, 11 Uhr

Babyfreundliche FĂĽhrung (DE)

Sa, 7., 14., 21., 28.3.2026, jeweils 11–12:30 Uhr

Di, 31.3.2026,10–11:30 Uhr sowie 14–15:30 Uhr

Mi, 1.4.2026, 10–11:30 Uhr sowie 14–15:30 Uhr

Do, 2.4.2026, 10–11:30 Uhr

Kleine Anhänger – Starke Zeichen: Kinder- und Familienworkshop (DE/EN)

Das gesamte Veranstaltungsprogramm finden Sie unter: https://kunsthallewien.at/programm

Installation view, Chalisée Naamani: Octogone, Kunsthalle Wien 2026
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