Ausstellung Kerim Seiler: Der Titel kommt Zuletzt, Marcus Schneider, Courtesy: SEXAUER Gallery

SEXAUER Gallery
Streustr. 90
13086 Berlin
Deutschland

Kerim Seiler: Der Titel kommt zuletzt

Die Ausstellung vereint drei große Arbeiten: Auf dem Boden die raumfüllende Installation Tschutschu, unter der Decke die Neonarbeit Spaceknot (News) – wie eine verschlungene Zeichnung im Raum – und an der Wand ein Raster aus etwa hundert gerahmten Tuschearbeiten, den Holotypes.

Eine Vielfalt von Techniken, Materialien und Formaten: Tusche auf Papier, Holz, Metall, Licht. Alle Arbeiten verbindet ein gemeinsames Interesse: der Raum als Ort von Atmosphäre, Bewegung und Begegnung. Tschutschu bietet über hundert Besucherinnen und Besuchern die Gelegenheit, sich zu setzen und Teil von ihr zu werden. In der Mitte der Halle, innerhalb der Installation, eine freie Fläche. Ein Möglichkeitsraum.

Kerim Seiler ist beeinflusst von Praktiken der Situationisten. Für diese sollte Kunst nicht nur betrachtet, sondern erlebt und gelebt werden. Guy Debord prägte den Begriff der Dérive. So bezeichnete er das zweckfreie Umherschweifen im öffentlichen Raum, ohne sich nach festgelegten Wegen oder Zielen zu richten. Man ließ sich von der Atmosphäre, der Architektur, absurden selbstgesetzten Regeln oder sozialen Situationen leiten. Dadurch kam es zu unerwarteten Situationen und Begegnungen. Der Weg zur Ausstellung schon fast ein Dérive: In Weißensee, außerhalb des S-Bahn-Rings, vorbei an einem Lidl und einem Brachgrundstück – eine Messingklingel an einer alten unrenovierten DDR-Fabrik. Die Tür öffnet sich und man steht in einem White Cube. Wenn man den Ort nicht schon kennt: eine unerwartete Situation.

Ein zentraler Begriff der Situationisten ist die Psychogeografie: die Untersuchung der Wechselwirkung zwischen räumlicher Umgebung und menschlicher Wahrnehmung, Bewegung und Verhalten. Anders als die Situationisten, die weniger an der Herstellung fertiger Werke interessiert waren, schafft Seiler autonome Objekte. Denn auch diese können die Atmosphäre verändern, den Blick lenken, Bewegungen beeinflussen, Möglichkeiten der Begegnung schaffen – und eben Situationen!

Seiler versteht seine Arbeiten als räumliche Eingriffe. Sie verändern die Bedingungen, unter denen wir den Raum wahrnehmen und nutzen. Die Installation auf dem Boden wird zum Treffpunkt und zur Bühne. Wo man sitzt, wen man trifft, was man wahrnimmt – nichts ist vorgegeben.

Als Kontrapunkt das strenge Raster der Holotypes. Unwillkürlich beginnt man, die Tuschebilder wie Rorschachtests zu interpretieren und nach Bedeutungen zu suchen, obwohl es sich zunächst einmal um Formen und Farben ohne festgelegte Bedeutung handelt. Wie die Objekte werden die Holotypes nicht nur betrachtet, sondern lösen Bewegungen aus – diesmal in unserem Inneren. Wobei unsere Interpretationen – und hier schließt sich der Kreis – wiederum abhängig sind von unserer jeweiligen Situation. Sind wir beispielsweise bedrückt, erkennen wir anderes als wenn wir unbelastet sind. So beeinflussen die Ausstellung und die Situationen, die sie hervorbringt, unsere Interpretation der einzelnen Holotypes.

Aber Kerim Seiler wäre nicht Kerim Seiler, wenn er darüber hinaus nicht noch ein spielerisches Element parat hätte, das die Situation modifiziert. Via Vibe Coding schrieb er ein Programm, welches die Aufgabe hatte, alle 105 Motive der an Rorschachtests erinnernden Tuschearbeiten zu interpretieren. Das Programm sollte dabei auch entscheiden, wann und wo die jeweilige Interpretation stattgefunden hat. Ein Programm als universeller Proband also. Auf die Rückseite einer jeden Arbeit ist daher das Zitat des fiktiven Probanden gedruckt, einschließlich der Angabe, wann und wo er es geäußert hat. Diese Zitate liegen in einer Liste bereit. Die Wahrnehmung dieser Zitate verändert die Interpretationssituation für die Besucher, da diese entweder ihre bereits erfolgte Interpretation mit der des fiktiven Probanden vergleichen oder sich von dieser zu einer eigenen Interpretation anregen lassen können. Dies führt zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung. Selbstredend gibt es dabei keine gültige Interpretation, weder vom fiktiven Probanden noch den Besuchern der Ausstellung. Die Deutung hängt jeweils von der Identität der Person ab, vom Ort und von der Zeit des Deutungsakts, und kann sich jederzeit ändern – je nach Situation.

Seilers Ausstellung Der Titel kommt zuletzt ist somit eine Bühne, auf der kein vorherbestimmtes Stück aufgeführt wird. Was geschieht, entsteht durch die Besucherinnen und Besucher, deren Verhalten und deren inneres Erleben. Keiner hat einen Text auswendig gelernt. Seiler beschreibt seine Kunst mit dem Satz: Space is my canvas – erst der Raum, dann die Bewegung, dann die Begegnung. Man weiß nie, was passiert. Die Bezeichnung folgt der Situation, nicht umgekehrt. Der Titel kommt zuletzt.

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