Ausstellungsansicht / exhibition view Katja Strunz. Future Collapses, Past Rises, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2026 © Foto / Photo: n.b.k. / Jens Ziehe

Neuer Berliner Kunstverein n.b.k.
Chausseestr. 128/129
10115 Berlin
Deutschland

Katja Strunz. Future Collapses, Past Rises

Eröffnung: Freitag, 13. MÀrz 2026, 19 Uhr

Dienstag–Freitag 12–18 Uhr / Donnerstag 12–20 Uhr *

* Am Wochenende des 14. und 15. MÀrz 2026 sowie anlÀsslich des Gallery Weekends am 2. und 3. Mai 2026 ist

der Showroom von 12–18 Uhr geöffnet. Am 3. April 2026 (Karfreitag) und 1. Mai 2026 (Tag der Arbeit) bleibt die

Ausstellung geschlossen.

Kuratorin: Michaela Richter

Pressevorbesichtigung: Donnerstag, 12. MĂ€rz 2026, 16 Uhr, in Anwesenheit der KĂŒnstlerin und der Kuratorin. Um Anmeldung wird gebeten unter presse@nbk.org

Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) prĂ€sentiert mit Future Collapes, Past Rises eine neue Ausstellung von Katja Strunz, die zahlreiche AnsĂ€tze und Techniken der KĂŒnstlerin vereint. Gezeigt werden Skulpturen aus lackiertem Stahl, die auf Prinzipien des Einfaltens und -fallens verweisen, sowie origamiartige Collagen, die auf hochauflösenden Satellitenbildern einer sich durch den Einfluss des Menschen verĂ€ndernden ErdoberflĂ€che basieren. Beide Werkgruppen zeugen von einer Balance zwischen Werden und Vergehen und betonen mit der Vielzahl der Perspektiven, die der kĂŒnstlerische Prozess des gezielten Faltens des Materials hervorbringt, die PotentialitĂ€t eines stĂ€ndigen Wandels. Die ausgewĂ€hlten Arbeiten werden ergĂ€nzt um gefundene Objekte sowie neue zeitgeschichtliche BezĂŒge. Der n.b.k. Showroom wird zum Ort sich stets neu in Beziehung setzender Vergangenheiten und einer brĂŒchig bleibenden Zukunft.

Strunz’ jĂŒngste Werke sind diskursiv u. a. geprĂ€gt durch die Schriften des Physikers Anders Levermann sowie der Kulturtheoretikerin Aleida Assmann. Levermann arbeitet in seinem Buch Die Faltung der Welt (2023) 

heraus, welche Maßnahmen einem exponentiellen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, in deren Schatten die Zerstörung menschlicher LebensrĂ€ume steht, entgegenzusetzen wĂ€ren. Er verdeutlicht anhand nĂŒchterner mathematischer Prinzipien aus der Chaosforschung und konkreten Fallbeispielen, welche Art von dynamischen Transformationen notwendig wĂ€re, um eine Klimakatastrophe zu verhindern – ohne dabei auf Wohlstand und Entwicklung zu verzichten. Im Zentrum seiner Überlegungen steht das „kreative“ PhĂ€nomen der Faltung, das in der theoretischen Physik dann eintritt, wenn ein System in einem begrenzten Raum nach freier Bewegung strebt. Entsprechend mĂŒssten die planetar gegebenen „Faltungsgrenzen“ respektiert und

das menschliche Handeln daran angepasst werden – dabei geht es Leverman nicht um Stillstand oder „Degrowth“, sondern um eine suchende Anpassung, die Innovation hervorbringt, indem sie das Bestehende transformiert und DiversitĂ€t fördert.

Strunz’ Werke verkörpern genau diese Bewegung: „Ich verfolge die Absicht, einen Prozess in Gang zu setzen, der sich in alle Richtungen entwickeln, entfalten und wieder zusammenfalten kann. Die Dynamik entsteht aus dem SpannungsverhĂ€ltnis der von mir gesetzten Begrenzungen und den darin freien Möglichkeiten fĂŒr RichtungsĂ€nderungen.“ In ihrer Werkreihe In Formation (2025) arbeitet die KĂŒnstlerin dabei erstmals mit Satellitenbildern des von NASA-Wissenschaftlern gegrĂŒndeten Analyseunternehmens Planet Labs PBC, die die ErdoberflĂ€che mit einer Datenerfassungsrate von ĂŒber 30 Terabyte pro Tag kontinuierlich dokumentieren. Eine Auswahl der so entstandenen Fotografien wird von Strunz gefaltet und miteinander collagiert. In immer neuen Konstellationen definiert sie die Grenzen der abgebildeten Landschaften neu und lĂ€sst sie in ebenso kristallinen wie körperlichen Strukturen aufeinandertreffen. Begleitet werden sie in der Ausstellung im n.b.k. durch zahlreiche weitere Collagearbeiten mit handgeschöpftem und handgefĂ€rbtem Papier, den so genannten Pulp Paintings, die die Bandbreite von Strunz’ Arbeit mit dem Medium Papiercollage verdeutlichen.

Als Kontrapunkte sind den Wandarbeiten Metallskulpturen zur Seite gestellt, die ebenfalls auf dem Prinzip der Faltung basieren und mit der Vielzahl ihrer möglichen Betrachtungswinkel zusĂ€tzlich die Zeitlichkeit jeder Raumerfahrung betonen. Zentral fĂŒr die Dynamik, die in den Werken von Katja Strunz zum Ausdruck kommt, ist eine SequenzialitĂ€t ohne feste Reihenfolge: Das Einfalten, Umfalten und Neufalten, das die Arbeiten verkörpern, steht fĂŒr eine non-lineare Zeitordnung, die immer neue Verbindungen hervorbringt. KontinuitĂ€ten werden durch Momente der Kompression, der Fragmentierung oder des StĂŒrzens ausgesetzt, die Idee einer final zu erreichenden Idealform in Frage gestellt und durch ein stĂ€ndiges Ein-, Um- und Auf-brechen ersetzt.

Strunz referenziert hier u. a. jene Theorien, die Aleida Assmann in ihrem Werk Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne (2013) darlegte: Ähnlich wie Leverman sich gegen eine linear-eindimensionale Idee von Fortschritt und Wachstum wendet, beschreibt Assmann ein in der SpĂ€t- oder Postmoderne aufgekommenes, neues VerstĂ€ndnis von Zeit. WĂ€hrend die Moderne geprĂ€gt gewesen sei durch „eine empathische Orientierung auf die Zukunft, die zugleich mit einer Entwertung von Vergangenheit und Tradition einhergeht“, habe sich dies mit den geopolitischen UmbrĂŒchen der spĂ€ten 1980er Jahre und der Erfahrung einer „erschöpften Zukunft“ in Form von Umweltverschmutzung, Klimawandel, Überbevölkerung und Überalterung geĂ€ndert. Es habe sich eine GedĂ€chtnistheorie bzw. Erinnerungskultur herausgebildet, die die Vergangenheit als Grundlage fĂŒr IdentitĂ€ts- und Sinnbildung in der Gegenwart betrachte. In einer neuen „Pathologie des Zeitbewusstseins“ wurde damit auch „Trauma“ eine psychologische und diskursive Chiffre fĂŒr die Auffassung, dass Vergangenheit nachwirkt. Einst Erlebtes bleibt in Symbolen prĂ€sent, wird in Narrativen 

weitergegeben und kann in diesem Sinne mobilisiert werden – fĂŒr Spaltung und Polarisierung, aber auch fĂŒr Anerkennung, Versöhnung und das Überwinden von GegensĂ€tzen.

Strunz Werke inkorporieren einen solchen, stĂ€ndigen Aushandlungs- und Anpassungsprozess: Ihnen ist eine „posttraumatische“ Kontraktion und Expansion von Raum und Zeit – von Hier und Dort, von Damals und Jetzt – entlang der Falzlinien eingeschrieben. Die zugehörigen Zirkelbewegungen und VervielfĂ€ltigungen im Zeitdenken sind es, die das Werk von Katja Strunz charakterisieren.

Biografisches

Katja Strunz (*1970 in Ottweiler / Deutschland) lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist bekannt fĂŒr ihre Skulpturen, Wandarbeiten, umfangreichen Installationen sowie Papierarbeiten, in denen sie sich mit der Interaktion von Zeit und Raum beschĂ€ftigt. Schon wĂ€hrend ihrer Studienzeit feierte sie erste Erfolge mit prĂ€zisen Interventionen in bestehende Architekturen, seit Anfang der 2000er Jahre hat sie ihre Auseinandersetzung mit philosophischen und physischen Prinzipien der „Raumzeit“ kontinuierlich weitergetrieben und basierend darauf eine abstrakte Formensprache entwickelt, die sie in zahlreiche Materialien ĂŒbertrĂ€gt.

Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen nationalen und internationalen Institutionen prĂ€sentiert, u. a.: Muzeum Sztuki, ƁódĆș (2025); Kestner Gesellschaft, Hannover (2023); Pinakothek der Moderne, MĂŒnchen (2020); Kunstmuseum Bonn (2020); Indianapolis Museum of Contemporary Art (Solo, 2019); Haus Konstruktiv, ZĂŒrich (2019); SĂŁo Paulo Biennale (2013); Berlinische Galerie (Solo, 2013); Camden Arts Centre, London (Solo, 2009); Centre Pompidou, Paris (2009); Carnegie Museum of Art, Pittsburgh (2008); Museum Haus Esters, Krefeld (Solo, 2006).

Galerie

Katja Strunz, Einbruch, 2025, lackierter Stahl / painted steel, 44 x 42 x 39 cm<br />© Foto / Photo: Eric Tschernow
Katja Strunz, Einbruch, 2025, lackierter Stahl / painted steel, 44 x 42 x 39 cm
© Foto / Photo: Eric Tschernow

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