Bernd Reiter

(schein)heilig

Die vom 07.09. bis 04.11.2019 in Venedig gezeigte Installation (schein)heilig
wurde im Jahr 2018 fertiggestellt. Sie entstand vor
dem Horizont der zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs
innerhalb der katholischen Kirche. Die
Arbeit besteht aus sieben Kirchenbänken und 40
TV-Bildschirmen. Die Installation ist rund 7 Meter
lang und breit. Ihre Höhe beträgt rund 6 Meter.
Bernd Reiter hat für diese Installation halbrunde
Kirchenbänke aus einer 2006 profanierten Kirche
erworben. Der Kölner Architekt und Pritzker-Preisträger
Gottfried Böhm (*1920) hatte den modernen
Kirchenbau 1956 abgeschlossen. Es handelt
sich also um Bänke, die, wenn man so will, mit 60
Jahren Geschichte und/oder Leidensgeschichte
aufgeladen sind. Einzelne Holzbänke ragen teils
vertikal in Richtung Decke, quasi gen Himmel,
und bilden so einen kuppelartigen, sakral anmutenden
Raum, der aber auch als geöffneter Mund
gedeutet werden kann, aus dem „der Schrei der
Missbrauchten“ (Bernd Reiter) dringt. Andere Bänke
sind davor platziert und laden ein zum Hinsetzen,
Schauen und Innehalten. In das angedeutete
Kuppeldach sind TV-Bildschirme eingebettet. Auf
ihnen zu sehen ist eine Bilderflut mit Szenen, Berichten
und Bildern aus der Kirchengeschichte. Die
Inhalte der Bildschirme kann Bernd Reiter jederzeit
ändern und so auf aktuelle Entwicklungen und
veränderte Situationen eingehen. Die Installation
(schein)heilig kann daher als Work in Progress
angesehen werden. Eingeblendete Begriffe wie
„Missbrauch“, „Vertrauen“ oder „Ethik“ verweisen
auf das große Thema der Installation (
schein)heilig:
Bernd Reiter prangert die Vertuschungen der
Kindesmissbrauchsskandale aus den vergangenen
Jahrzehnten in der katholischen Kirche in aller
Schärfe an. Durch die starke Überhöhung visueller
und sprachlicher Elemente schafft er eine hochexplosive,
emotional aufgeladene Wahrnehmungssituation,
der sich der Betrachter kaum entziehen
kann. Damit legt er dem Betrachter offen, dass
die Kirche als selbst ernannte moralische Instanz
zumindest in Teilen fehlbar ist und es bisher trotz
aller Bemühungen nicht geschafft hat, die bittere
Wahrheit vollständig aufzuarbeiten und ans Tageslicht
zu bringen.
Sodann lässt er erkennen, dass ein Umdenken,
ein Prozess der Aufklärung in Gang gesetzt wurde,
und dass die Kirche nach Lösungen sucht und
nach Aufklärung strebt. Bernd Reiter positioniert
sich in dieser und in anderen Arbeiten eindeutig als
gesellschaftskritischer Künstler, der mit Aufmerksamkeit
erregenden, imposanten Installationen mit
Eyecatcher- Qualitäten auf gesellschaftliche Missstände,
die Scheinmoral und Willkür der Mächtigen
aufmerksam machen will. Seine Praxis geht
teilweise weit über den bloßen Protest hinaus und
stößt in Zonen der künstlerisch-politischen Einmischung
vor, die durchaus auch mit Begriffen wie
Aktivismus oder Agitation belegt werden können.
Er steht damit in einer Tradition, die, ausgehend
vom Vietnamkrieg und der 68er- Bewegung vor
rund 50 Jahren in den USA und Westeuropa, die
Notwendigkeit einer gesellschaftlich relevanten
Kunst postulierte. Bernd Reiter schafft eine Kunst
der Dringlichkeit, die gesellschaftliche Phänomene
und Missstände, aber auch die Mechanismen ihrer
medialen Aufarbeitung speziell im Medium Fernsehen
kritisch reflektiert. Die Verwendung spektakulärer,
dem Alltag entnommener und stark visuell
codierter Readymade-Objekte wie etwa der
eingangs erwähnten Limousinen und die extreme
Verdichtung von Videobildern lassen seine Installationen
zu Zonen der Brisanz und Unausweichlichkeit
werden. Die in der zeitgenössischen Kunst
seit geraumer Zeit zu beobachtende Tendenz, die
tradierte Distanz zwischen Bild und Betrachter
aufzuheben, indem der Betrachter zum integralen
Bestandteil der Arbeit wird, wird in der neueren
Kunstwissenschaft als immersive Kunst bezeichnet.
Diese neue Qualität künstlerischer Praxis
charakterisiert – zumindest ein Stück weit – auch
Bernd Reiters Arbeiten, etwa indem die Rezipienten
der Arbeit (schein)heilig auf den aufgestellten
Kirchenbänken Platz nehmen.



FACTSHEET:

Dimensions : 690 cm x 540 cm x 540 cm (Height, Width, Depth)
Weight : 1000 kg
Year : 2018
Material : Installation

Bernd Reiter

„Meine Kunst ist intensiv, sie ist Sein!“

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WINGS
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Bernd Reiter
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Bernd Reiter , Installation
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