David Mach – Disruptor

Die Collagen, Skulpturen und Installationen von David Mach nutzen sowohl die Bilder der Pop-Konsum-Gesellschaft als auch die von ihr produzierten Gegenstände. Seien es Zeitschriften, bösartige Teddybären, Zeitungen, Autos und Geländewagen, Fernseher, Kanus oder irgendein anderer vorstellbarer Gegenstand, alle Installationen Machs sind Landschaften seiner überquellenden Vorstellungskraft.

Adding Fuel to the Fire, ein frühes Ausstellungsstück, war aus alten Lastwagen und verschiedenen Autos zusammengestellt, die von fast 100 Tonnen Zeitschriften verschlungen und individuell drapiert wurden. Dies ließ den Eindruck entstehen, die Fahrzeuge seien in einer Explosion aus Flammen und Rauchschwaden gefangen.
Machs Polaris Installation, die 1983 außerhalb der Royal Festival Hall am South Bank Centre Londons ausgestellt wurde, recycelte 6000 alte Autoreifen und fasste sie in einem ein zu eins Modell eines Polaris U-Boots zusammen.
Zu Beginn der 1980er Jahre hatte David Mach begonnen einige kleinere Streichholzskulpturen von Köpfen und Masken herzustellen. Wenn einer der Köpfe aus Versehen beleuchtet wurde, trug dies zur Bedeutung der ursprünglichen Skulptur bei, so dass er damit fortfuhr, die Köpfe als eine Art Performanz-Kunst zu beleuchten.
Mach hat eine Vielzahl an öffentlichen Kunstwerken geschaffen, darunter Out of Order in Kingston upon Thames und der Brick Train war von einer LNER Klasse A4 Mallard Dampfmaschine inspiriert worden. Sein Big Heids, das aus 185000 Ziegelsteinen besteht, kann von der M8 aus auf der Autobahnstrecke zwischen Glasgow und Edinburgh gesehen werden.
Collagen sind ein weiterer Bereich von Machs Kunst. Sie entstanden zum Teil deswegen, weil er, nachdem seine Installationen abgebaut waren, oft Tausende von Prospekten voller Bilder übrig hatte. Sein Experiment mit Collagen hält an und eine seiner größten ist National Portrait, die 3m auf 70m misst und für die Millenium Dome geschaffen wurde und voller Bilder der britischen Bevölkerung beim Arbeiten, Spielen, Leben ist.
Mach studierte am Duncan of Jordanstone College of Art and Design (das nun ein Teil der Universität von Dundee ist) in Dundee, Schottland (1974-1979). Anschließend studierte er am Royal College of Art in London (1979-1982). Er war 1988 für den Turner Prize nominiert und trat im Jahr 2000 der Royal Academy of Arts bei.

Incoming, an installation Griffin Gallery, West London, 2017 20
tonnes newspaper, Jeep vehicle, other elements, © David Mach

JKG: David, ich verfolge Ihr Schaffen schon seit vielen Jahren. Wir haben uns tatsächlich vor über 20 Jahren kennengelernt, als Sie eine Installation in der British Now Show im MACHM machten. Schon damals konnte ich, durch die recycelten Materialien, die Anspielungen auf die Popkultur und die Art, wie die Installation zusammengestellt war, sehen, dass Ihre Kunst mit der Gesellschaft verknüpft ist. Sie blieben mit dem großen Ganzen (und eben nicht nur der Kunstwelt) verbunden…
DM: Nun, man ist entweder gläubig, oder man ist es nicht und ich bin es eher nicht! Schon früh war ich versessen auf Materialien. Ich schätze einen ungewohnten, ungeplanten Zugang zu den Dingen und die Richtung entwickelt sich während ich am Projekt arbeite…ich bewege mich von einem Bestandteil zum nächsten, hin und her und dann offenbart es mir stückweise welche Form es annehmen wird. Es fühlt sich ein bisschen so an, als wäre ich eine riesige Wespe, die hin und her brummt. Ich bin getrieben, mich so zu verhalten…

Wie fingen Sie an Kunst zu betreiben?
Es war vor allem aus Versehen…Als Kind wuchs ich in einer stark industriell geprägten Landschaft auf, es war auch ein sehr schöner Landstrich, denn der Strand und die Küste waren ebenfalls ein Teil davon. Alles geschah zur gleichen Zeit – der Abbau von Kohle, Ölbohrplattformen, die Arbeit mit Ziegeln, Whiskey – mir kam es vor, als sei es der Mittelpunkt des Universums. Jeder arbeitete schwer und der Schlüssel war Anstrengung. Das, was man an Arbeit reinsteckte, war das, was man zurück bekam…Als Kind war ich, im Rahmen der Kleinstadt, begabt im Bereich der Kunst. Mr. Barclay, ein Kunstlehrer, den ich immer noch gelegentlich treffe, riet mir dazu, die Kunstakademie zu besuchen. Er sagte aber auch: „Du wirst nicht genommen werden, denn du hast nicht genug in deinem Portfolio.“ Also arbeitete ich einige Wochen daran und wurde an der Kunstakademie genommen. Damals und auch noch einige Zeit danach wusste ich nicht viel über Kunst, aber ich habe die Zeit sehr genossen: Silberschmieden, Schmuck, Schweißen, diese Art von Dingen. Ich wusste, es gab eine Möglichkeit, Kunst zu erschaffen, aber mir war nicht klar, wie man mit Kunst Geld verdienen könne. Ich begriff, dass ich ein gewisses Maß an Talent besaß und falls ich eine leicht verrückte Ader besaß, so führte ich dies auf äußerst exzentrische Eltern zurück.

Und Sie gestalteten ein Denkmal für die 1st Polish Parachute Brigade mit Sitz in Leven, in Freundschaft den Menschen in Fife verbunden. Ihr Vater, der Minenarbeiter war, trat der Brigade 1941 bei, nachdem er zwei Jahre als Kriegsgefangener in einem Arbeitslager in Sibirien gefangen gewesen war. Die Brigade trainierte in Largo House, bevor sie am Kampf bei Arnhem teilnahm.
Das Denkmal besteht aus Steinen und Bronzenägeln, die eng zusammengesteckt sind und eine Art Schild oder schuppiger Haut formen.

Und Ihre erste Ausstellung war in Edinburgh, Schottland?
Meine erste Ausstellung war in der Alison Gallery in London, rasch gefolgt von Ausstellungen in der New 57 Gallery und der Galerie t’Venster in Rotterdam. Da hatte ich die Kunstakademie gerade verlassen. Für die Ausstellung in der New 57 stellte ich ein paar Bilder zusammen und sechs Leute kamen, um die Ausstellung zu sehen. Es regnete und ich schwor mir, eine Eröffnung nie wieder auf einen Tag wie das Guy Fawkes Event zu legen, das als Nationalfeiertag bezeichnet werden kann. Seitdem hatte ich einige dieser Art.

Es gibt da also diese starke Hybridität des Industriellen und des Natürlichen und all dies ist mit einer gewissen Unmittelbarkeit versehen. Es ist eine Art Sprache und ein Zugangspunkt für die Öffentlichkeit. War es Ihnen bewusst, dass Joseph Beuys nach Edinburgh kam?
Es wurde mir später bewusst, als ich zur Kunstakademie ging. Davor hatte ich von Dalí gehört, weil man ein Poster von ihm bei Woolworth kaufen kann und weil ich in Museen war. In diesem Alter war ich mehr an Sex interessiert. In der Akademie hatte ich fantastische Zeichenstunden, die einen erschöpften. Wir wurden von Meistern im guten alten Sinne unterrichtet. Sie alle brachten einem bei zu sehen.

Die physische Welt ist so wichtig, aber diese merkwürdige Gegensätzlichkeit der neuen Technologien und des Physisch-Materiellen ist etwas, mit dem sich junge Künstler heute befassen.
Es gibt eine seltsame Bedrohung durch Virtual Reality. Wenn ich am Strand in so etwas hineinlaufen würde, weil ich nicht schauen würde, dann täte es mir weh. Ich würde bemerken, dass es schwer wäre und Präsenz hätte. Wenn etwas virtuell ist, geht das nicht.

Wenn man die Griffin Gallery in Notting Hill betritt, ist das wie eine surreale Mischung einer barocken Landschaft mit recycelten Zeitschriften und einem echten Jeep. Es ist das Produkt und die Verweigerung dessen, was wir momentan leben. Wir spüren das Ausmaß der Produktion und die Unwirklichkeit des Ausmaßes an Produktion. Diese Umwandlung von medialen Materialien und Produkten ist so surreal wie Dalí. Nach der Ausstellung bringen Sie all das zurück zum Recycling, dahin wo es herkam. Es ist alles so vergänglich.
Die Ausstellung nutzt wunderbares Holz von der Südküste, einen Wrangler Jeep, 20 Tonnen Zeitungen…es wuchs in den Raum hinein. Normalerweise gibt es einen halben Plan, ich sammle die Materialien und baue die Formen, Zeitung um Zeitung. Als ich mit diesem Projekt anfing, gab es noch nicht mal Handys.

Diese neuen Werke, die Sie aus gefundenem Strandholz von den Stränden Schottlands herstellen, sind so beeindruckend. Sie könnten ihre besten Werke sein!
Fünf Jahre ging ich an diesem Strandstück entlang und dann beschloss ich, daraus eine Skulptur zu machen. Sie ist dem Leben entsprungen. Ich mag es, dass sie dadurch zugänglich ist und sich somit ein gemeinsamer Nenner finden lässt. Im Innern befindet sich eine hölzerne Form, die Sie mit tausenden von Nägeln bedeckt haben. Full Metal Jacket möchte ich dieses Werk nennen und werde ihm eine Jacke aus Teppichklammern geben…Andere Werke bestehen aus 120000 Trockenschrauben. Es ist die langsamste menschenbekannte Art und Weise eine Skulptur zu erschaffen. Die Sache ist die, die Farbe sieht metallen aus und dadurch entsteht eine Art Schimmern. Es ist durchaus eine merkwürdige Skulptur, nur aus Teppichklammern. Sie sind wie kleine Schrapnellstücke, mit denen man den ganzen Baum einfasst.

Die Geschichte, die Sie entwickeln, die ist schon da, im Stamm des Baumes, durch die Zeit entstanden. Dann bringen Sie eine menschliche Schicht an und, im Laufe der Zeit, finden Sie eine menschliche Stimme, die die natürliche Schicht ergänzt…Durch das Bedecken der Baumteile fügen Sie den Aspekt des Geschichtenerzählens hinzu. Es ist eine alte Geschichte, das Verknüpfen des Natürlichen mit dem Menschgemachten. Alles ist im Fluss.
Ihre neueren Collagen haben ein gewisses Action-Element an sich. Die Szenarien lassen sich mit großen Hollywoodfilmen vergleichen und sie sind humorvoll!

Die Collagen haben sich rasch zu großen Dingen entwickelt, sie ähneln in Form und Ausmaß den Filmen von Cecil B. DeMille. Aus einem oder zwei Gegenständen, die zusammengefügt wurden, wurden Filme. Die Collagen sind auf Pause. Man drückt ‚Abspielen‘ und all die Bestandteile bewegen sich. Man sieht all diese Details, so wie den Turm zu Babel und den Mann mit einem Esel, der einen Fernseher einen Berg hinaufbefördert. Es ist so, als wäre man Regisseur und würde sie alle veranlassen, das zu tun. Bringt die Pferde, bringt die Nilpferde, bringt so gut wie alles. Collagen sind fantastisch. Man kann alles machen!

Tower of Babel 1, collage exhibited at Precious Light exhibition, Turin,
Italy 2015, 427 x 244 cm, © David Mach

Und mit aktuellen Ausstellungen wie Alternative Facts im Dadiani Fine Art in London (2017) scheint die Spanne an Collagen unendlich… Sie erschaffen die Collage als Kunsform neu…
Mit Collagen habe ich tolle Dinge angestellt: Postkartencollagen, Collagen, die meine Vorstellung von Skulpturen beleuchten, und natürlich die großflächigen, die eigenständige Kunstwerke sind. Die größte Ausstellung, die ich damit jemals gemacht habe, war mit 80 eigenständigen Werken. Einige von ihnen waren über drei Meter hoch und über sechs Meter lang. Es brauchte gut fünf Jahre, um sie alle fertigzustellen. Die Ausstellung der Collagen war im City Art Centre in Edinburgh. Dort gab es ein Studio, so dass wir vor Ort arbeiten konnten. Im Anschluss reiste die Installation nach Galway, nach Italien und sie reist immer noch…

An der South Bank haben sie POLARIS, ein Werk aus recycelten Reifen hergestellt (noch vor der Earth Ship Architektur). Es ist ein Kommentar zur nuklearen Bedrohung. Hat die Öffentlichkeit darauf reagiert?
DM: Die öffentliche Reaktion auf POLARIS war fantastisch. An der Kunstakademie habe ich gelernt auf die Straße oder in den Park zu gehen und Kunst für die Öffentlichkeit herzustellen. Die Reaktion darauf war kein Zuckerschlecken. Die Leute begegneten mir mit tiefem Misstrauen. Was zum Teufel machen Sie da? Mir gefiel das. Es brachte so ein Gefühl von Bedeutung mit sich.

Mit Out of Order (in Kingston upon Thames) kritisieren Sie, wie andere Künstler, die Globalisierung. Sie tun dies mit einer Reihe alter roter K6 Telefonzellen. Sie bewegen sich wie Dominosteine im Fall und an einem anderen Ort installierten Sie leere Container. Nun befinden wir uns in einem post-industriellen Dilemma mit Robotertechnik und dem Auslagern von Herstellungsprozessen in die sog. Dritte Welt, eine bedrohliche Arbeitswelt…
Ich fühle mich tatsächlich so, als würde ich auf einem Pferd auf einem Kamm am Dorfrand entlangreiten. Wenn ich hinuntersehe, kann ich nicht erkennen, was dort geschieht. Manchmal kann ich von dem Kamm hinabsteigen…und mich ins Getümmel begeben. Ich werde dann wieder oben auf dem Kamm sein, aber auch weitere Streifzüge hinab unternehmen. Von der kreativen Seite aus betrachtet, bin ich dort recht zufrieden.

Das ungewöhnliche Ziegelstein-Zug-Werk, das Sie in Darlington gemacht haben, ist kein einfaches Werk. Mit seinen Rauchschwaden und den Tunneln und all den Ziegelsteinen stellt es eine ungewöhnliche Hommage an die eisernen Pferde der industriellen Zeit dar.
Das ist ein Bild, das mir gefällt.

Die Öffentlichkeit mag es vermutlich.
Ich bin es gewohnt, Dinge zu schaffen, die nicht von Dauer zu sein scheinen, aber ich denke, dass ich Kunstwerke erschaffe, die von Dauer sind. Sie sind nicht dazu gemacht, um hinabzufallen. Ziegelsteine sind das härteste Material, das ich bisher verwendet habe. Man sollte mit Materialien wie Ziegelsteinen arbeiten, aber es ist ein Kampf. Ich kann eine Zeitschrift oder einen Kleiderbügel nehmen und daraus Kunst machen, aber mit 185000 Ziegelsteinen in Darlington zu arbeiten war nicht einfach.

Und die Stücke aus Nadeln, die Sie für eine Ausstellung der Forum Gallery in New York gemacht haben, sind wie Performance-Stücke. Man kann die Stücke beleuchten.
Ich stellte die Urnen, die aus Nadeln sind, in Formen her, die auf der Natur basieren: Sehr farbenfroh, mit ihr auch auf Grund des Materials verbunden. Nach 30 Jahren im Bereich der Bildhauerei und der Collagen, fühlt sich die Arbeit mit den Nadeln sehr rund und vervollkommnend an.
Es gibt einen Strand in Schottland und manchmal gestalte ich etwas, das ich dort gesehen habe. Dort gibt es Betonblöcke, manche von ihnen sind heruntergefallen. Ich muss die Ideen mit einem Stock von mir fernhalten, es gibt viel zu viel Inspiration an der Küste.

Dark Matter, 2016, wood and screws, © David Mach

Natur ist die Kunst, von der wir ein Teil sind. Das Leugnen der Natur begann in der frühen Industrialisierung. Das Maß Ihrer Arbeit mit Zeitschriften ist durchaus bemerkenswert, so wie mit den schottischen Szenen, aber es gibt immer auch das barocke Element…
Ich bin von der Industrie eingenommen und ich mag die aktuelle Währung von Arbeit und zugänglichen Materialien. Diese Dinge können von allen Leuten verstanden werden, es ist Teil ihrer Erfahrung, Teil ihres Lebens. Wenn man sich mitten ins Leben stellt, bekommt man immer etwas zurück…Ich habe meine Arbeit immer als eine Art barocken Minimalismus betrachtet. Für mein Schaffen ist die physische Welt so heilig wie die Arbeit.

 

Autor: John K. Grande

Grande ist Autor einer Reihe von Büchern wie Art & Environment (Friendly Chameleon, Toronto, 1992), Balance: Art and Nature (Black Rose Books, 1994), Intertwining: Landscape, Technology, Issues, Artists (Black Rose Books, 1998), Art Nature Dialogues (SUNY Press, New York 2003) und Dialogues in Diversity; Art from Marginal to Mainstream (Pari, Italien 2007). Grande hat weltweit Earth Art Ausstellungen kuratiert, so zum Beispiel in den Royal Botanical Gardens und Van Dusen Gardens in Kanada, im Pori Art Museum in Finnland (2011), in Meran, Tirol, Italien (2014), bei den Pan Am Games in Toronto und an vielen anderen Orten. 2016 kuratierte er Small Gestures in der Mucsarnok / Kunsthalle, Budapest, Ungarn.



 

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