"Jeder Künstler gehört zur Familie"

Ein Interview mit Esther und Rolf Hohmeister

Foto: Esther und Rolf Hohmeister

Alle drei Jahre verwandelt sich Bad Ragaz in den größten Skulpturenpark Europas. Seit dem Jahr 2000 veranstalten der Mediziner Rolf Hohmeister und seine Frau Esther, die auch als Dichterin bekannt ist, das Mammutevent in rein privater Initiative. Sie gingen damals auch ein wirtschaftliches Risiko ein. Und bis heute finanzieren sie das Event zum großen Teil selbst. Im Interview verraten sie, was sie bewegt und worauf sie bei der Bad RagARTz am meisten stolz sind. 


Was bewog Sie einst dazu, die Skulpturen-Triennale von Bad Ragaz ins Leben zu rufen – obwohl Sie die Mittel dafür selbst beschaffen und größtenteils auch selbst aufbringen mussten?

Rolf Hohmeister: Eigentlich war es eine Protest-Aktion gegen das oberflächliche Feuerwerk zur Millenniumsfeier und gegen den allgemeinen Konjunktiv: „Man müsste, wenn nur jemand würde“. Am Anfang steht die Tat. Hinter der wiederum stand der Traum von einem Geschenk an all die Menschen, die wenig Chancen auf Kontakt mit Kultur und Kunst haben.

Wie hat sich die Finanzierung seither geändert? Beteiligen sich heute auch die Region oder der Ort Bad Ragaz an dem Großereignis? 

Esther Hohmeister: An der privaten Finanzierung hat sich nichts geändert. Die Geldsuche ist harte Knochenarbeit. Sportevents wie die Formel 1 haben es da leichter. Dennoch freut es uns, dass viele private Unterstützer so visionär sind, mitzuhelfen und diesen Traum zu verwirklichen.

Sie haben Ausgaben – wie generieren Sie bei der Triennale Einnahmen? 

Rolf Hohmeister: Einnahmen entstehen durch Sponsoren und Unterstützer, durch den Verkauf von Katalogen und Führungen sowie über den Verkauf von Skulpturen. Ansonsten erspart uns die Unterstützung von Freiwilligen so manche Ausgabe. 

Wie lange dauert die Vorbereitung des Events? 

Esther Hohmeister: Jedes Eröffnungs-Wochenende ist das Ergebnis von drei Jahren disziplinierter Arbeit. Wir haben mal nachgerechnet: Wir beide investieren neben unserem Beruf und dem Haushalt etwa 2300 Stunden in diesen drei Jahren in die Bad RagARTz.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie den Künstlern, die ausgewählt werden, vieles abnehmen. Etwa den Transport der oft tonnenschweren Werke.

Rolf Hohmeister: Die Triennale ist nicht nur bei freiem Eintritt ein Geschenk an die Besucher. Auch die Künstler, die zur Großfamilie der Triennale gehören, sollen davon profitieren. So übernehmen wir die Organisation, Transport, Bau, Versicherung, Medienarbeit etc. Das ist tatsächlich auf dieser Welt außergewöhnlich, wenn nicht einzigartig.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus? Und treffen Sie die Auswahl alleine, oder werden Sie von einem Gremium unterstützt?

Rolf Hohmeister: Die Auswahl aus hunderten von Bewerbungen erfolgt nicht nach Kunstmarkt-Gesetzen, sondern mit Herz, Kopf und Bauch. Wir wollen die Künstler auch von Auge zu Auge kennen lernen und den Staub der Ateliers gerochen haben. Kinder und Enkel, die Familie und Künstler und Freunde helfen bei der Entscheidungsfindung mit.

Welche inhaltlichen Akzente waren Ihnen bei der aktuellen Bad RagARTz wichtig? Worauf sind Sie besonders stolz? 

Rolf Hohmeister: Die Symbole der aktuellen Triennale – Leuchtturm und Schnecken – sollen das Sprichwort „Eile mit Weile“ vermitteln und stehen für ein Meer von mehr Kultur. Tausende von Menschen strömen nach und durch Bad Ragaz und folgen den Spuren der Künstler und Künsterlinnen, verweilen, nehmen die Bilder in sich auf und tragen die Botschaft zurück in Familie und Gemeinschaft. Das macht uns stolz.

Haben Sie persönliche Lieblingskunstwerke? 

Esther Hohmeister: Jeder ausstellende Künstler, jede Künstlerin gehört zur Großfamilie und hat an unserem Küchentisch gesessen. So sind alle gleich, und jeder ist wichtig.

Ein Großteil der Bad RagaARTz ist unter freiem Himmel zu sehen. Welche Rolle hat heute Kunst im öffentlichen Raum? 

Rolf Hohmeister: Kunst und Natur, Orte und Menschen werden zu Geschwistern. So braucht der öffentliche Raum keine Dekoration.

Die Veranstaltung zieht inzwischen den ganzen Ort in ihren Bann. Wie profitiert die Region davon? Lässt sich das beziffern? 

Rolf Hohmeister: Das Geistige wird in den Orten Bad Ragaz und Vaduz zu einem ökonomischen und touristischen Faktor. Kultur kann damit für die Region zum Zünglein an der Waage.

Welche Ziele verbinden Sie mit dem diesjährigen Event?

Rolf Hohmeister: Die Kunst soll ein Instrument für menschliche Kultur sein – Kultur als höchstes Gut des Miteinanders in Respekt und Verantwortung. Wir halten uns ganz an die Devise Ciceros, der in seinen Tusculanischen Schriften erstmals das Wort Kultur im heutigen Sinne verwendete. Er sprach von der cultura animi, der Pflege des Geistes, als notwendige Ergänzung zur cultura agri, der Pflege des Bodens.   

Wird sich die Veranstaltung weiterentwickeln? Haben Sie schon Pläne für die nächste Ausgabe? 

Esther Hohmeister: Ja. Der Stiftungsrat wurde verjüngt. Die Arbeit für 2021 läuft.


Autor: Holger Christmann

 

Holger Christmann ist
Münchner Kunst-Journalist
und traf sich für uns mit
Esther und Rolf Hohmeister

 



 
 
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