SCULTO geht in die zweite Runde

Ein Interview mit Beatriz Carbonell Ferrer, künstlerische Leiterin der Messe für dreidimensionale Kunst

In Logroño ist in der Kunst fast alles erlaubt, solange sie dreidimensional ist. Grenzen traditioneller Disziplinen wie Malerei, Fotografie und Gravur scheinen hier verschoben oder ganz aufgehoben zu werden. Auf der Suche nach neuen künstlerischen Szenarien ist SCULTO, die Kunstmesse für zeitgenössische Skulptur, entstanden. Vom 30. Mai bis zum 3. Juni findet diese aussergewöhnliche Messe zum zweiten Mal statt und lässt die Kunstszene in Logroño erneut aufleben. 

sculpture network war mit Beatriz Carbonell Ferrer, der künstlerischen Leiterin von SCULTO, im Gespräch.

Was zeichnet die Kunstmesse SCULTO aus?

SCULTO ist die erste Messe in Spanien, die sich auf zeitgenössische Skulptur spezialisiert hat. Heutzutage gibt es sehr viele Kunstmessen, jedoch ist der Anteil derjenigen, die sich auf plastische Werke konzentrieren, sehr klein. Mit SCULTO haben wir einen Raum geschaffen, der sich ausschliesslich der dreidimensionalen Kunst widmet und alle denkbaren Ausdrucksmöglichkeiten, Materialien, Techniken, Reden und Konzepte zulässt. Zudem sind alle Künstler, die bei SCULTO ausstellen, immer noch aktiv, was die Messe sehr lebendig und zeitgenössisch macht.

Was trägt eine Stadt wie Logroño zur Kunstmesse bei? 

Logroño ist die Hauptstadt von La Rioja, eine Region reich an Landschaft, Landwirtschaft, Architektur, Gastronomie und Kultur, welche die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmelzen lässt. Eine Region, die Tag für Tag durch Pilger auf dem Jakobsweg aus aller Welt bereichert wird. Logroño ist vor allem auch für die Weine mit Herkunftsbezeichnung bekannt. All diese Faktoren machen Logroño zu einem einzigartigen Ort, welcher den Besuchern neben der Kunstmesse noch vieles mehr zu bieten hat.

Wie wurde das Projekt SCULTO in La Rioja und im Kulturbereich aufgenommen?

Wirklich gut. Dank großem Engagement und unserer ansteckenden Leidenschaft haben die Institutionen verstanden, dass SCULTO viel zur Gesellschaft beitragen kann, indem es das bestehende kulturelle Angebot ergänzt, um den künstlerischen Sektor auf allen Ebenen zu erreichen. Wir erhalten enorme Unterstützung von allen Seiten wie beispielsweise des Ministeriums für Bildung, Kultur und Sport, des Staatssekretariats für Kultur, des Stadtrats von Logroño, von sculpture network sowie von vielen mehr. Für diese großartige Mithilfe möchten wir uns ganz herzlich bedanken.

Wer ist für die Organisation von SCULTO zuständig? 

Das Managementteam, zu dem auch ich gehöre, besteht aus drei Personen mit verschiedenen Berufsprofilen. Die Geschäftsleitung mit allen administrativen und rechtlichen Verfahren übernimmt Enrique Martínez Glera während die Kommunikation, Verbreitung sowie institutionellen Beziehungen von José María Esteban Ibáñez geleitet werden. Ich selbst bin die künstlerische Leiterin und bilde das Bindeglied zwischen den Galerien und dem Kuratorenteam. Ich kümmere mich um die direkte Beziehung zu den Galeristen, vor, während und nach ihrer Auswahl und pflege die Kontakte zu den Museen, Kuratoren, Kritikern und Sammlern. Zusätzlich erhalten wir die Unterstützung eines Architektur-, sowie eines Grafik- und Designbüros, der Medien und einiger Fachpersonen, an die wir uns in konkreten Situationen wenden, um verschiedene Programme wie zum Beispiel SCULTOdeDÍA, SCULTOeduca und viele weitere zu entwickeln.

Besucher bei der Eröffnung von SCULTO 2017
 

Wie wurde die Auswahl der ausgestellten Werke getroffen?

Das Managementteam hat die allgemeine Linie von SCULTO, sozusagen dessen Persönlichkeit, definiert. Uns war klar, dass wir die Unterstützung weiterer Fachpersonen brauchen würden, die unsere Vision der aktuellen Kunst vervollständigen. Da wir ein heterogenes und plurales Team sein möchten, in dem alle ihre Erfahrungen einbringen, laden wir jedes Jahr Experten aus der Kulturwelt verschiedener Städte ein, das Kuratorenteam zu bilden. Es bewertet die Vorschläge der Galerien und Künstler und wählt aus, welche durch eine öffentliche Vorankündigung präsentiert werden. 

Der Aufruf richtet sich an Kunstgalerien, weil wir an dieses Managementmodell glauben, bei dem der Galerist der Fachmann und für die Förderung des Künstlers zuständig ist. Er unterstützt die Verbreitung und den Verkauf seiner Werke. 

Letztes Jahr wurden nur Werke spanischer Künstler ausgestellt. Wie sieht es bei SCULTO 2018 aus? 

Wir wollten von Anfang an, dass SCULTO zu einer internationalen Messe wird. Aber wir waren der Meinung, dass es am meisten Sinn machen würde, mit einem nationalen Aufruf zu beginnen. Spanien war eine Referenz in der modernen Bildhauerei, besonders im Norden, und trägt auch heute noch viel zur internationalen Gegenwartskunst bei. Wir wollten diese Schöpfer in einem Raum zusammenbringen und das Standardausstellungsformat von Messen durchbrechen. Aus diesem Grund wird SCULTO erneut im zweiten Stock des San Blas Marktes, auch bekannt als Plaza de Abastos de Logroño, im Herzen der Stadt stattfinden. Die Kunstwerke werden in zwei großen Sälen, die durch zwei breite Korridore miteinander verbunden sind, so verteilt, dass keine Arbeit die Sichtbarkeit einer anderen beeinflusst. Letztes Jahr brachte SCULTO 16 Galerien, 40 Künstler und mehr als 200 Skulpturen zusammen. Dieses Jahr wird die Anzahl der Galerien ähnlich sein, jedoch können die spanischen Galerien dieses Mal Künstler jeder Nationalität präsentieren. Zudem hat das Kuratorenteam mehrere ausländische Galerien zur Teilnahme eingeladen. Dies ist der Auftakt zu einem öffentlichen, offenen und internationalen Aufruf in der nächsten Ausgabe.

Künstler, Galeristen und Organisatoren der SCULTO
 

Sie beschäftigen sich auch neben der Organisation von SCULTO mit Kunst und engagieren sich vielseitig. Beispielsweise sind Sie auch die Koordinatorin von sculpture network und für die nördliche Region Spaniens zuständig. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Ich lernte sculpture network durch einen Freund kennen als ich als Bildhauerin in meiner Werkstatt arbeitete. Damals lebte ich in Llíria bei Valencia. Ich war überrascht, dass der Verein sich auf dreidimensionale Kunst konzentrierte und er hat mich von Anfang an begeistert. Den ersten wirklichen Kontakt hatte ich 2011 bei start, dem internationalen Fest für zeitgenössischen Skulptur, das zu der Zeit jedoch noch new year’s brunch hieß. Ich mochte diese Erfahrung und erkannte, dass ich so die Möglichkeit hatte, andere Künstler zu treffen und vor allem zu entdecken, was rund um die Skulptur in ganz Europa gemacht wird. Ich fing an, bei verschiedenen Angeboten von sculpture network wie beispielsweise an den Dialogues, Reisen und Foren teilzunehmen. Mit meinem Interesse am Verein wuchsen auch die Vorteile, von denen ich als Künstlerin profitierte. 2013 zog ich dann nach Logroño. Alles war neu und ich musste mich mit der kulturellen Welt der Region in Verbindung setzen. Schließlich wurde ich angefragt, ob ich gerne über die Ereignisse dieser Region, die in Bezug auf die dreidimensionale Kunst stattfanden, berichten möchte. Ich nahm dieses Angebot gerne an. Ich konnte dadurch alles, was ich entdeckte, mit der Öffentlichkeit teilen, während sculpture network mir Mittel zur Präsentation zur Verfügung stellte, um Institutionen und andere Gruppen zu erreichen. 

Als Künstlerin haben Sie eine persönliche Webseite, wo sie den Satz „Being an artist is to believe in life“ (Künstler zu sein bedeutet an das Leben zu glauben) veröffentlicht haben. Was bedeutet das für Sie? 

Seit Anfang an begleitet mich dieser Satz auf meinem Weg. Ich habe ihn 1995 in einem Katalog von Henry Moore entdeckt. Er stammt vom Historiker Franco Russoli. Ich habe lange darüber nachgedacht. Dieser Satz warf viele Fragen über die Rolle des Künstlers auf. Im Laufe der Zeit habe ich Antworten gefunden. Ein Künstler zu sein bedeutet, frei zu sein in Gedanken und Arbeit. Wir sind alle verschieden und erleben gleiche Dinge auf ganz unterschiedliche Art und Weise. In meinen Werken kann ich meine Erfahrungen in Bezug auf die Gesellschaft mit meiner eigenen Sprache erfassen, was meine Arbeit anders und einzigartig macht. Diese wurden bereits mehrmals auf nationaler Ebene mit unterschiedlichen Preisen ausgezeichnet. Ich erhielt die Möglichkeit, in allen fünf Kontinenten zu reisen und große Figuren zu kreieren, die heute in Skulpturenparks und öffentlichen Räumen weltweit zu bestaunen sind. Ich konnte auf meinem Weg viele Erfahrungen mit Künstlern, Managern, Museumsdirektoren und generell sehr unterschiedlichen und interessanten Personen sammeln. Diese haben mir geholfen, Projekte wie SCULTO zu leiten, bei denen ich Tag für Tag ein bisschen mehr über die Kunst lernen kann.

Von welchem Projekt träumen Sie? 

SCULTO war vor ein paar Jahren ein Traum; heute ist es ein sehr großes und langfristiges Projekt. Wir sind die erste Etappe kaum gegangen, aber ich fühle, dass ein Teil dieses Traums erfüllt wird. 

Autorin: Tabea Baumgartner

   

 

Tabea Baumgartner war verantwortlich für die 
Organisation von sculpture network start’18, 
seitdem entwickelt sie eine stetig wachsende 
Begeisterung für dreidimensionale Kunst

 



 
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