Skulptur in Bologna: Die Arte Fiera 2019

Die letzte Ausgabe der ‚Arte Fiera‘, einer der größten Messen für zeitgenössische Kunst in Italien, ist gerade zu Ende gegangen. Nicola war für uns vor Ort und versuchte, die bedeutendsten Werke der Ausstellung zu identifizieren. Hier ist sein Bericht.

Seit einigen Monaten hat sculpture network besonders italienische Kunstmessen im Blick, um den Status der Skulptur dort einem internationalen Publikum vorzustellen. Nach der Milano Scultura und der Artissima in Turin besuchten wir auch die älteste italienische Messe zu ihrer Eröffnung: Die Arte Fiera ist eine Veranstaltung, auf die die Stadt Bologna nach einigen von der Fachwelt wenig beachteten Ausgaben nun einen starken Fokus legt. In diesem Jahr stand anstelle von Angela Vettese Simone Menegoi am Ruder, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Malerei und Skulptur als traditionelle Medien neu zu definieren, dabei aber auch Fotografie und Video sehr genau zu betrachten. Die Vernissage fand am Donnerstag, den 31. Januar, statt, die Eröffnung für das Publikum einen Tag später. Die Marktresonanz und der Publikumserfolg waren enorm, mit über 50.000 Besuchern und über 350 nationalen und internationalen Sammlern, wie die ausstellenden Galerien berichteten, die während der fünf Veranstaltungstage auf der Arte Fiera anwesend waren. Von den 141 Galerien präsentierte etwa ein Drittel monografische Stände, was dem wachsenden Bedürfnis nach Qualität vor Quantität bei internationalen Ausstellungen entgegenkommt.

 

Flavio Favelli, Hic et nunc

Der allgemeine Eindruck bestätigt den Trend, den wir in Turin auf der Artissima zu spüren glaubten: Obwohl es sich um eine allgemein gehaltene Messe handelt, spielte die Skulptur eine sehr wichtige, wenn nicht sogar grundlegende Rolle.

Die Arte Fiera ist um zwei thematische Hauptachsen herum aufgebaut, die in zwei Pavillons präsentiert werden: Einer konzentriert sich hauptsächlich auf die auf Nachkriegskunst spezialisierten Galerien, der andere auf die Galerien, die sich mit mehr oder weniger aktuellen Künstlerinnen und Künstlern beschäftigen. Die Messe in Bologna ist traditionell eine auf die italienische Szene spezialisierte Veranstaltung, auch wenn sie nicht ohne internationale Künstler und Galerien auskommt.

Tulio Pinto, Cumplicidade #16

Die diesjährige Messe wurde mit einem großen Raum von Flavio Favelli mit dem Titel Hic et nunc eröffnet, auch bekannt als „bewohnbare Skulptur“. Sie bildete den Anfang des Programms und diente gleichzeitig als Ort der Begegnung und Diskussion. Im ersten Pavillon stieß man auf die große italienische Skulptur der Nachkriegszeit am Stand von Copetti (Udine) mit sehr schönen Werken von Mirko Basaldella und Giacomo Manzù; die Galerie Tonelli aus Mailand zeigte spektakuläre Keramiken der dreißiger Jahre von Lucio Fontana.

 

Am Stand der Galerie Piero Atchugarry trafen wir den Brasilianer Tulio Pinto, Schöpfer unmöglicher Skulpturen aus Glas und Eisen. Wir hatten ihn bereits in Turin aufgrund der außergewöhnlichen Statik seiner Werke bemerkt, die das Gefühl einer drohenden Explosion erwecken, da die Glaskugeln unter dem Gewicht von Stahl erdrückt zu werden scheinen. Das hier gezeigte Werk heißt Cumplicidade #16.

Jürgen Knubben

Eine weitere Arbeit, von der es sich zu berichten lohnt, ist eine organische Skulptur aus Gusseisenrohren des Deutschen Jürgen Knubben, Gast der Mailänder Galerie Menhir. Die industriellen Materialien erinnern hier an Korallen oder nackte Baumkronen im Winter. Ein weiterer Aspekt seiner Arbeit untersucht stattdessen minimalistischere Wege, die es sich zu vertiefen lohnt. Nachdem wir an einigen Werken von Igor Mitoraj an den Ständen von Contini und an der großen Gemeinschaftsausstellung Solo figura e sfondo („Nur Figur und Hintergrund“) vorbeigeschlendert waren, erweckte ein zweiter Messestand, der Bonelli-Stand aus Mailand,  dank der lebendigen Keramik von Bertozzi & Casoni aus Imola (Bologna) wieder das Interesse von Skulpturenliebhabern.

Bertozzi & Casoni

Ohne sie als exemplarische Vertreter eines Keramikviertels mit seinem Epizentrum in Faenza wäre eine Ausgabe der Arte Fiera nicht komplett. Unter den verschiedenen zum Verkauf stehenden Werken fanden wir besonders eines ihrer Müllfässer in polychromer Keramik interessant, das hier zu sehen ist. Das Duo ist bekannt für seine Fähigkeit, die Symbole des Konsumverhaltens durch dreidimensionale Stillleben darzustellen, die immer sehr ironisch sind.

Von Arcangelo (nicht zu verwechseln mit Arcangelo Sassolino) war ein wunderschöner Keramikzyklus, der in der Werkstatt Saffi in Mailand unter dem Titel Casa Irpina hergestellt wurde, am Stand Marcorossi arte contemporanea zu sehen.

Arcangelo

Nicht weit von diesem Stand trafen wir die Galleria Poggiali aus Florenz mit den häufig fotografierten Werken von Fabio Viale an. Wir haben den vor Energie sprühenden Künstler aus Turin bereits in München getroffen (hier der Link zum Interview) und freuen uns, dass der italienische Markt endlich begonnen hat, ihn nach dem Erfolg, den er in Europa und den Vereinigten Staaten hatte, zu belohnen. Der tätowierte Laokoon, der vor der Glyptothek in München zu sehen war, dominierte den Stand; die eigentliche Neuheit dieses Jahres ist jedoch sicherlich der Kopf von Michelangelos David, der mit den Tattoos des sehr jungen Rappers Young Signorino bedeckt ist. Viale, der nicht nur ein Virtuose des Marmors ist, sondern auch ein Performer, ein Experte für innovative Technologien und ein hochqualifizierter Kommunikator, führt seine gesamte Arbeit in Marmor mit Hilfe von Assistenten und Robotern aus.

Fabio Viale

Um beim Thema Roboter zu bleiben: Wir stießen kurz darauf auch auf die Arbeit von Emilio Vavarella, Multimedia-Künstler aus dem Bologna-Stall Galleria+. Das Werk von Vavarella, das wir auch auf der Artissima gesehen haben, wird hier am Beispiel der Serie Datamorphosis gezeigt. In diesem Fall werden Ovids Metamorphosen durch eine Reihe von kleinen dreidimensionalen Skulpturen dargestellt, die in 3D gedruckt wurden, wobei als Ausgangsdateien 3D-Modelle verwendet wurden, die frei aus dem Internet heruntergeladen werden können.

Emilio Vavarella

Die Besonderheit des Projekts ist die Übertragung der ovidschen Verse in Binärcode. Der Code übersetzt sich in unvorhersehbare dreidimensionale Bilder, von denen nur manchmal die Quelle erfasst werden kann. Eine schöne und intelligente Arbeit, die es verdient, im Gedächtnis zu bleiben.
Wenige Meter weiter befinden sich die Kugeln von Patrik Tuttofuoco mit dem Titel Brazil, die bereits 2003 auf der Biennale in Venedig international ausgestellt worden waren. Auf dem Stand von Federica Schiavo gehörten sie zu den am meisten fotografierten Installationen.

Zuletzt noch ein alternatives Werk: Im Happening Artworks that ideas can buy stellten einige Künstler ihre Werke zur Verfügung (einschließlich Gemälden und Skulpturen), um sie für eine andere Art der Vergütung zu verkaufen. An diesem Stand konnte jeder Besucher versuchen, eine Idee, einen Gedanken oder ein Projekt gegen die von ihm bevorzugte Arbeit auszutauschen.

Ana Prvacki, Pollination glow

Der Künstler gibt also dem Gedanken einen Wert, indem er sich entscheidet, ein Angebot anzunehmen oder nicht. Der Autor dieses Artikels hat selbst ein Angebot für Pollination glow gemacht, ein Werk der serbischen Künstlerin Ana Prvacki, das, wenn es angenommen wird, eine neue Sammlung zeitgenössischer Skulptur lancieren wird. Der Initiator dieses Ereignisses ist Cesare Pietroiusti, dem wir dazu gratulieren: Das gesamte Projekt führt zu einer intelligenten Reflexion über den schwer zu quantifizierenden Wert von Kulturprojekten und stößt Sammelprozesse bei Menschen mit den unterschiedlichsten Prioritäten an.
Leider ist es nicht möglich, auf viele andere Werke einzugehen, zumal Bologna während der Arte Fiera gleichzeitig Schauplatz anderer Initiativen und zweier Messen für unabhängige Künstler war, nämlich Paratissima und Set Up. Tatsächlich erlebt der italienische Markt für zeitgenössische Kunst gerade einen Aufschwung und die Skulptur ist ein sehr wichtiger und origineller Bestandteil davon, wie die Arte Fiera hervorragend demonstriert hat.

 

Autor: Nicola Valentini

Nicola Valentini ist Kunsthistoriker und spezialisierte sich früh auf zeitgenössische Bildhauerei und neue Technologien. Für uns erkundet er regelmäßig die Kunstszene Italiens.



 
 
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