Eine Messe für die dritte Dimension

Die art Karlsruhe fand vom 21.–24. Februar 2019 zum 16. Mal statt. In vier Hallen begrüßte die Messe Kunstschaffende und Besucher aus aller Welt, um sich für vier Tage ganz in Kunst aus diesem und dem letzten Jahrhundert zu verlieren. Der dreidimensionalen Kunst kommt auf der art Karlsruhe traditionell eine sehr hohe Bedeutung zu. Wir haben uns dort umgesehen.

„Kunst kotzt mich an“ – nicht gerade die naheliegendste Begrüßung für eine Kunstmesse. 

Norbert Neon, Kunst kotzt mich an
Norbert Neon, Kunst kotzt mich an 

Sie begegnet uns gleich in Halle 1 in Form eines großformatigen, aber schlichten Banners des Künstlers Norbert Neon. Dieser provokante Ausspruch setzt den Ton für die gesamte Messe: In zwei und drei Dimensionen treffen wir auf der art Karlsruhe Gesellschaftskritisches, Provokatives, aber auch leise Töne – Ästhetisches und Problematisches treffen aufeinander und bilden Kontraste, die den Messebesuch zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. 
Die Messe schafft auf beeindruckende Weise den Spagat zwischen Bildkunst und Skulptur; dabei werden die beiden Kunstformen nicht in getrennte Hallen verbannt, sondern stehen überall miteinander in Beziehung. Die langen Gänge durch die Stände von Galerien öffnen sich in regelmäßigen Abständen zu Skulpturenplätzen, wo großformatige Skulpturen auf viel Raum zur Geltung kommen. Insgesamt 20 dieser Skulpturenplätze gibt es auf der Messe, dazu auch noch den Skulpturengarten, der bei strahlendem Sonnenschein auf der Grünfläche zwischen den Hallen zum Schlendern und Verweilen einlädt.

Einen solchen Skulpturenplatz hat auch unser Mitglied Bernd Reiter gestaltet. Seine Installation (schein)heilig ist ein besonderer Publikumsmagnet: Bereits kurz nach Messebeginn tummeln sich dort die Besucher, sitzen auf den Kirchenbänken, unterhalten sich. „Übelst gut“, hört man einen der Vorbeigehenden sagen. Insgesamt herrscht Staunen und Betroffenheit unter den Betrachtern. Worte wie „Missbrauch“, „Menschenmüll“ und „Schutzbefohlene“ wechseln sich auf den Bildschirmen mit Bildern der Kirche, von Statistiken und Zeitungsartikeln ab. Das Thema Missbrauch in der Kirche steht direkt im Raum, aber ohne Pathos. Die Nüchternheit der Darstellung macht das Dargestellte fast noch schlimmer. Die Kirchenbänke setzen den Kontext, die Bildschirme zeigen schonungslos und ohne weiteren Kommentar die Schrecklichkeit des Vorgefallenen. Wir werden mit dem Kopf darauf gestoßen, werden gezwungen, uns damit auseinanderzusetzen. (schein)heilig ist sicher eine der Skulpturen auf der Messe, die uns am meisten in ihren Bann zieht und den einen oder anderen sicher noch eine Weile verfolgen wird.

Bernd Reiter, (schein)heilig
Bernd Reiter, (schein)heilig

 

Angelika Summa, Atmen
Angelika Summa, Atmen

Aber es ist nicht nur Platz für monumentale Skulpturen auf der art KARLSRUHE: Auch Filigranes findet hier den entsprechenden Raum. So zum Beispiel die Drahtgeflechte unseres Mitglieds Angelika Summa, die wir bei ihrer Solo-Show am Stand der Galerie Dr. Markus Döbele treffen. Auch sie ziehen die Begeisterung des Publikums auf sich. „Marlene Dietrich hat mal gesagt, dass sie totfotografiert wurde“, erzählt Angelika, die wir kaum aus dem Gespräch mit Interessenten loseisen können, uns lachend. „Das gilt auf dieser Messe sicher auch für meine Skulpturen.“ Ihre Serie Atmen spricht mit ihrer feinen, beinahe biologisch anmutenden Struktur viele emotional an. Auch wenn der Verkauf am Samstagmorgen noch schleppend läuft, ist die Messe für Angelika bereits jetzt als Erfolg zu verbuchen. Sie ist zum dritten Mal dabei und es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein.

Wir schlendern noch eine ganze Weile über die Messe: Stets alterieren Leichtigkeit und Masse, Humor und Dramatik. Während Ben Buechners Cola-Dose aus Papierschmetterlingen federleicht in ihrem Gestell hängt, zeigt sich Jordi Diez Fernandez‘ stählerner Horizon Head monumental und gebieterisch. Das phänomenale Farbenspiel von Skulpturen wie Hanna Roeckles Blue 2015 und Copper 2016 wechseln sich mit eher monochromen Objekten wie dem apokalyptisch anmutenden Trash Man von HA Schult ab. So bietet die Messe Kontrast und Harmonie in einem und lädt gleichermaßen zur Auseinandersetzung und zum Genuss ein.

                                                                   

Jörg Bach, Neuland
Jürgen Heinz, Two in one, 2015

Auch der Künstler Jürgen Heinz begeisterte auf eine ganz besondere Weise die BesucherInnen mit seinen Moving Sculptures am Stand der Heidelberger Galeristin Petra Kern im Rahmen einer One Artist Show.
Mit Kunst Unmögliches möglich machen, Grenzen überwinden, Perspektivwechsel initiieren. Seine reduzierten, puristischen und muskulösen Objekte fordern die BetrachterInnen intellektuell und emotional heraus und wollen und dürfen berührt werden. Etwa die Moving Column, eine 2 Meter hohe „Stahlsäule“ ebenso wie die ca. 20 cm hohe Installation Runner, beide Objekte kommunizieren mit dem Betrachter, setzen auch ihn in Bewegung.
Auch der kürzlich Stahlpoet genannte Künstler selbst ist ständig in Bewegung:
bereits dreimal war der umtriebige Sculpture Networker einer der Gastgeber des Internationalen Tages der Skulptur „start“. Seine vielen Ideen halten Jürgen Heinz auf Trab, er möchte und muss sie schnell umsetzen.

Jürgen Heinz, Runner, 2019

 

Jörg Bach, Neuland

Jörg Bach, Neuland

 

Ein besonderes Highlight auf der art KARLSRUHE ist die Verleihung des Loth-Skulpturenpreises, der nun zum zweiten Mal den besten Skulpturenplatz auf der art KARLSRUHE würdigt. Die begehrte Auszeichnung ging in diesem Jahr an den Galeristen Werner Wohlhüter und den Künstler Jörg Bach. Mit seiner massiven Metallskulptur Neuland von 2017 setzt Bach ein starkes Zeichen, das den Raum mit seinem Volumen und seiner Lebendigkeit ganz einnimmt; geehrt wurde aber nicht nur diese Skulptur und das Arrangement von kleineren Plastiken darum herum, sondern auch der Einsatz von Werner Wohlhüter für die Kunstform Skulptur. Der Fokus seiner Galerie liegt seit 1994 stark auf der dreidimensionalen Kunst. 

Eine ganze Reihe von sculpture network Künstler-Mitglieder konnten einzelne Werke auf der Messe ausstellen und die Galerie an der Pinakothek der Moderne brillierte mit einem großen Stand in Halle 3. Vera Röhms Skulpturenplatz präsentierte spannende Objekte aus Holz und Plexiglas, die im Sonnenlicht ganz besondere Effekte darboten. Unser neues Mitglied Heiner Thiel war am Stand der Galerie Renate Bauer mit einer seiner faszinierenden Aluminium-Wandskulpturen vertreten. Andreas Theurers Parallelraum aus Wellpappe und Acryl war am Rande eines Skulpturenplatzes ein echter Blickfang, denn mit jeder geänderten Perspektive ließen sich neue Facetten des an der Wand hängenden Kubus erkennen. Auch Terence Carr, Riccarda Menger und Albrecht Zauner präsentierten ihr künstlerisches Schaffen, sodass sculpture network in einer starken Gruppe vertreten war. Wir freuen uns für ihren Erfolg! 

                                                                       

Unser Fazit: zwei Daumen hoch für die art KARLSRUHE, die es schafft, die Skulptur in den Vordergrund zu stellen, ohne eine reine Skulpturenmesse zu sein. Hier wird dieser Kunstform wirklich der Raum gewidmet, den sie verdient, und sie wird deutlicher ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Viele kommen vielleicht für die Bildkunst, aber sie bleiben für die Skulptur. Und auch für den künstlerischen Nachwuchs ist gesorgt:

Felix, kein Titel
Felix, kein Titel

 

Sophie Fendel

Autorin: Sophie Fendel

Unser Teammitglied Sophie Fendel hat sich für Sie auf der art KARLSRUHE umgesehen. 

 

 

 

Titelbild: Felix Haspel, Hardly Passable



 
 
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