Zerstören und Erschaffen

Um Glas herzustellen, müssen im ersten Schritt Steine und Metall in pulverisierter Form unfassbar hoch erhitzt und dabei im Prinzip zerstört werden. Dem künstlerischen Prozess mit dem Material Glas geht also immer ein destruktiver Schritt voran, um überhaupt an den Rohstoff zu gelangen. Geformt wird das Glas dann durch Blasen oder Gießen – immer noch bei immens hohen Temperaturen. Es folgen mehrere Tage der Abkühlung, bevor die Verarbeitung weitergehen kann.

Wir sprachen mit vier sculpture network KünstlerInnen über ihre Arbeit mit diesem besonderen Material und ihren Weg dorthin. Von Eva Moosbrugger, die erst am Stein scheitern musste, um ihre Liebe zum Glas zu finden; über Alexandra Bremers und Christine Candolin, die beide philosophische und psychologische Inhalte in Installationen mit (und ohne) Glas umsetzen; bis zu Johannes von Stumm, der die ursprünglich für die Herstellung zerstörten Materialen Metall und Stein am Ende in einen Trialog mit dem Glas setzt.


„Ich habe die Einsamkeit der Steinbildhauerei hinter mir gelassen und gelernt mit Glas im Team zu arbeiten“
Eva Moosbrugger, ESPRIT SERIES (2017 ongoing), Glas, je ca. 42 x 26 x 17 cm
Eva Moosbrugger, ESPRIT SERIES (2017 ongoing), Glas, je ca. 42 x 26 x 17 cm 

 

Eva Moosbrugger begann ihre künstlerische Arbeit in der Malerei. Nach vielen Jahren mit Aquarellfarben, Eitempera, Öl und Pinsel begann sie Wandinstallationen und Reliefe zu erschaffen. Stein, Beton, Zement und gefundene Objekte kombinierte sie auf Flächen zu abstrakten Bildern. Der finale Schritt in die dritte Dimension war für sie die Arbeit mit Keramik. In selbstgebauten Öfen in ihrem Garten brannte sie ihre Objekte – sehr zum Leidwesen ihrer Nachbarn, die bei der starken Rauchentwicklung regelmäßig mit dem Gedanken spielten die Feuerwehr zu rufen. Doch statt direkt von der Keramik zum Glas zu gelangen, war das nächste Material Stein. Nach mehreren Jahren stieß Eva dann aber an eine persönliche Grenze: „Für mich ist Stein kein Material um Heiteres darzustellen.“ Es folgte eine mehrmonatige Schaffenspause voller Trauer und Frustration. Völlig unerwartet begegnete ihr in einem Trödelladen in Lindau am Bodensee die Lösung: „In der Auslage stand etwas, das hat mich gerissen. Knallbunt, dreidimensional, schrecklich kitschig und grauenhaft – ein bunter Glasclown.“ Zurück vom Ausflug stürzte sie sich direkt in die Recherche und überzeugte einen (durchaus skeptischen) Glashüttenbesitzer davon, mit ihr ihre Visionen in Glas umzusetzen.

Eva Moosbrugger, ESPRIT SERIES (2017 ongoing), Glas, ca. 42 x 26 x 17 cm
Eva Moosbrugger, ESPRIT SERIES (2017 ongoing), Glas, ca. 42 x 26 x 17 cm 

 

Viele Jahre später hat sie den Prozess von der ersten Idee über die Herstellung in Teamarbeit in der Glashütte bis zum mehrwöchigen Schleifen ihrer Objekte perfektioniert. In der ESPRIT SERIES scheinen die knalligen Farben des Clowns wiederaufzutauchen. „Bei der Gartenarbeit fand ich immer wieder kleine Kiesel im Gemüsebeet, über die ich mich erstmal furchtbar aufregte. Als ich sie genauer betrachtete, erinnerten sie mich an kleine Köpfe.“ So erschuf sie mit den Objekten der ESPRIT SERIES heitere Gartengeister in sagenhaft knalligen Farben, „um den kleinen grauen Kieselsteinen eine Freude zu machen“.

Eva Moosbrugger, MEMORY OBJECT SERIES (2014 ongoing), Glas, Metall, je ca. 35 x 30 x 18 cm
Eva Moosbrugger, MEMORY OBJECT SERIES (2014 ongoing), Glas, Metall, je ca. 35 x 30 x 18 cm

 

In ihren kommenden Arbeiten möchte sie sich explizit mit dem Tod auseinandersetzen: „Im Moment tragen die Arbeiten den Titel Chicas Mexicanas – die Mexikaner finden den Tod ja fast wichtiger als das Leben selbst und zelebrieren ihn auf den ersten Blick leuchtend bunt und unglaublich fröhlich, trotz des tief ernsten Hintergrunds des Werdens und Vergehens.“ 


„Kunst zu schaffen ist das härteste, was ich je in meinem Leben gemacht habe – weil du dich ständig selbst hinterfragst“
Raupe

Als junges Mädchen kletterte Alexandra Bremers in einen Baum und beobachtete auf einem Ast eine kleine Raupe. Das kleine Tier hatte in seinem Bewegungsablauf die vorderen Beinchen auf dem Ast, seinen Körper bogenförmig in der Luft, und seine hinteren Beinchen an einer anderen Stelle des Astes aufgesetzt. In ihrer kindlichen Logik war für Alexandra die Raupe im selben Moment an zwei Orten, in zwei Zeiten. Auf dieses Bild kommen wir immer wieder zurück, wenn wir über ihre Arbeit mit Glas sprechen. Die Grundlage für ihre Werke ist eine Kombination aus den Philosophien von Kant und Heidegger. „Meine Interpretation von Kant ist, dass ich als autonome Künstlerin die eigenen Regeln für jedes Werk neu setzen muss. Diese Idee verknüpfe ich mit Heideggers Theorie, Kunst sei die einzige Sache, die uns ihr wahres Wesen zeigen könne, und basiere darauf mein künstlerisches Schaffen.“ Dazu kommt eine regelmäßige Auseinandersetzung mit aktuellen Erkenntnissen aus der Hirnforschung und der Frage, wo Ideen herkommen.

Alexandra Bremers, Alpha and Omega. Lou laughs longer. (2011), Glas, Stahl, Keramik, 75 x 85 x 45 cm. Foto: Louis Visseren
Alexandra Bremers, Alpha and Omega. Lou laughs longer. (2011), Glas, Stahl, Keramik, 75 x 85 x 45 cm. Foto: Louis Visseren

 

In ihrem Werk Unrevealedness: The nature of the Thing. scheinen die Glasobjekte innerlich zu leuchten, das Tageslicht aufzusaugen und gleichzeitig zu strahlen. Alexandra denkt dabei an den ureigenen Herstellungsprozess von Glas: „Im Entstehen leuchtet es orange, beim Abkühlen verschwindet das Glühen und das Glas wird klar und durchsichtig – es ist wie etwas, das sich in eine andere Sphäre erhoben hat und wieder zurück ins Hier und Jetzt kommt.“ 

Alexandra Bremers, Unrevealedness: The nature of the Thing. (2016), Glas, Kunststoff, Manometer. Foto: Jan Wilms
Alexandra Bremers, Unrevealedness: The nature of the Thing. (2016), Glas, Kunststoff, Manometer. Foto: Jan Wilms

 

In Zukunft wird die Künstlerin weiter nach Fragen suchen und Kunst erschaffen, die sich mit den Dimensionen von Glas beschäftigt und dem Zeitsprung einer Raupe gleicht.


 „Das was ist zu interpretieren und auszudrücken ist eine endlose Herausforderung für beide, PhilosophInnen und KünstlerInnen“

Christine Candolin begann ihre professionelle künstlerische Arbeit ohne Umwege mit Installationen. „Ich wollte nie diese klassischen dreidimensionalen Figuren schaffen“, sagt sie in unserem Gespräch. Schon als Kind war Malen für Christine eine Selbstverständlichkeit, fühlte sich völlig natürlich an. So war es keine große Überraschung, dass sie sich nach der Schule ohne Umwege an der Akademie bewarb.

Christine Candolin, Matter & Light (2008), Glas, Mixed Media, Video
Christine Candolin, Wer wenn ich schriee (2004), Glas, 160 x 50 x 5 cm

Seitdem experimentiert sie immer wieder aufs Neue mit unterschiedlichen Materialen. In den meisten ihrer Arbeiten spielt auch Glas eine Rolle. Als durchsichtige Leinwand für Texte, in mehreren Schichten hintereinander präsentiert, in Kombination mit Videoarbeiten oder als verhältnismäßig starke Grundlage in Arbeiten mit Pudern und Pigmenten. In den meisten ihrer ortsspezifischen Installationen tritt Glas nicht als zerbrechliches, fragiles Material, sondern als stabile, starke Basis auf und  steht hart im Kontrast zu weichen Stoffen. Ähnlich präsent wie Glas sind in ihren Installationen auch ihre philosophischen Gedankengänge und ihre Leidenschaft für die menschliche Psyche. 

In Wer wenn ich schriee schreibt die Künstlerin einen Ausschnitt der Duineser Elegien des Dichters Rainer Maria Rilke auf 17 großformatige Glasplatten und stellt diese dicht hintereinander. Die so entstehenden Lagen assoziiert sie selbst mit der Vielschichtigkeit des menschlichen Bewusstseins; dieses und andere Werke sieht sie als abstrakte Verbindung zu ihren Gedanken, als Ausdruck ihrer Beschäftigung mit der Vernetzung von Materie und Geist.

Ihre kommenden Arbeiten werden den Raum nicht nur mit Formen, sondern auch mit Klang gestalten und den Installationen so eine weitere Dimension hinzufügen.

Christine Candolin, Wer wenn ich schriee (2004), Glas, 160 x 50 x 5 cm
Christine Candolin, Matter & Light (2008), Glas, Mixed Media, Video

 „Die spirituelle Energie eines Kunstwerks ist das was zählt – und nichts anderes.“
Johannes von Stumm, Mother and Son, Father and Daughter (2015), Metall, 500 x 460 x 180 cm
Johannes von Stumm, Mother and Son, Father and
Daughter (2015), Metall, 500 x 460 x 180 cm

Um Französisch zu lernen lebte Johannes von Stumm als Teenager einige Monate in Paris. Seine Wohnung lag direkt gegenüber des Musée Rodin und durch ein Fenster in der Mauer des Museums sah er das erste Mal die Bürger von Calais – für ihn der berühmte Funke, der das Feuer, die Begeisterung für dreidimensionale Kunst, entfachte. 
Zurück in Deutschland besuchte er einen Aktzeichenkurs an der Volkshochschule. Als er seinem Lehrer gegenüber äußerte, er wolle Künstler werden, riet dieser ihm klar davon ab: „Er sagte, an ihm würde ich sehen, was aus einem Künstler wird: ein armer Mann, ohne Frau, ohne Auto, der an der Volkshochschule arbeitet.“ Auf die Vernunft hörend begann er ein Jura- und Politikstudium. Doch schon nach kurzer Zeit führte ihn sein Weg zurück zur Kunst – an die Akademie. Bereits vor seinem Studium hatte er begonnen, zertrümmerte Glasflaschen und geschmolzenes Metall in seine Bilder zu integrieren.  „Malerei habe ich ausprobiert, aber ich habe kein poetisches Gefühl für Farbe, ich setzte immer nur Primärfarben nebeneinander“ – also entschloss er sich seiner Leidenschaft für Materialien nachzugehen, im Staub zu stehen und Funken fliegen zu sehen, und in einer Bildhauerklasse zu studieren. „Nach zahlreichen Experimenten mit zusammengeschmolzenem Glas und Metall führte mich mein Weg endlich in den Bayerischen Wald, wo ich Glasblasen und den Umgang mit diesem besonderen Medium lernen durfte.“

Johannes von Stumm, Mother and Son, Father and Daughter (2015), Metall, 500 x 460 x 180 cm
Johannes von Stumm, Disk V (2012), Kalkstein, Granit, Bronze, Glas, 36 x 37 x 15cm

 

Bis heute fasziniert ihn der Kontrast der Fragilität und der Stärke von Glas, und er setzt diesen scheinbaren Widerspruch in faszinierenden Werken aus Stein, Metall und Glas um. So stehen drei Materialien nebeneinander, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen, völlig unterschiedliche Eigenschaften haben und doch harmonisch zusammenwirken. In seinen aktuellen Werken widmet sich der Künstler allerdings weniger dem oft durchsichtigen, manchmal kaum sichtbaren Material, sondern geht einen Schritt weiter in Richtung Immaterialität. In der Arbeit Mother and Child bildet die Metallplastik die Negativform für die eigentliche Figur – ein Kind aus (Sonnen)Licht.

Johannes von Stumm, Mother and Child (2015), Metall, 500 x 460 x 180 cm
Johannes von Stumm, Mother and Child (2007), Metall, 205 x 115 x 115 cm

 

Egal ob knallbunt, als Teil von Installationen oder im Zusammenspiel mit anderen Materialien – Glas ist ein einzigartiger Werkstoff, dessen Herstellung und Bearbeitung mit viel Energie verbunden ist. Gleichzeit kann diese Energie in jeder Stufe des Entstehungsprozesses plötzlich verloren gehen, zerbrechen, reißen und springen. So unterschiedlich die Werke der einzelnen KünstlerInnen sind, so scheint das Material Glas immer ein Bewusstsein für Werden und Vergehen, für Entstehung und Zerstörung in sich zu tragen und den Arbeiten eine ganz besondere Tiefe und Leuchtkraft zu schenken.

Danke Eva, Alexandra, Christine und Johannes für das Teilen Eurer Erfahrungen und Geschichten!

 

Autorin: Elisabeth Pilhofer

Elisabeth Pilhofer ist freischaffende Redakteurin und Kuratorin in München.
 

 



 
 
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