FAST VERGESSEN - IN EUROPA.

Tina Wentscher war eine deutsch-australische Bildhauerin, bekannt für ihre sehr sensiblen Porträts und die exakte Replika der berühmten Nofretete-Büste. In Australien sind ihre Werke in namhaften Museen, Galerien und Skulpturenparks zu sehen, ihr Name in Europa ist bisher fast unbekannt. Der berühmte australische Autor und Kurator Ken Scarlett erzählte uns, warum sie es verdient, dass man sich an sie erinnert.

1887 in Konstantinopel geboren, kam Tina Haim mit ihrer Familie um 1891 nach Berlin; ihr Vater, ein sephardischer Jude, war ein mäßig reicher Händler für persische und türkische Teppiche. Als junge Frau etablierte sie ihre Karriere als Bildhauerin und stellte in der Berliner Secession aus, wo sie die bekannte Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz kennenlernte.  Zu ihren Motiven zählten eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten wie Professor Adolf Erman, Direktor des Ägyptischen Museums, der Geiger Bronislaw Hubermann und Käthe Kollwitz, die sich heute in der Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie, befinden.

Als die wunderbare Büste der Nofretete nach der archäologischen Expedition in Tel-el-Amana in Ägypten nach Berlin zurückgebracht wurde, erhielt der junge Bildhauer 1913 den Auftrag, zwei exakte Nachbildungen anzufertigen: eine für James Simon, der die Expedition finanziert hatte, und die andere für Kaiser Wilhelm II. Als der Kaiser nach dem ersten Weltkrieg verbannt wurde, nahm er die Nofretete mit; das Haus, das er bewohnte, ist heute das Nationalmuseum, Kunstein, Huis Dorn, Niederlande. Nofretete ist in dieser Sammlung.

1914 heiratete Tina den Maler Julius Wentscher und zog 1929 in ihr neu erbautes Haus im Bauhaus-Stil in Berlin-Dahlem ein (dieses stilvolle Haus überlebte den 2. Weltkrieg und ist bis heute bewohnt). Zwei Jahre später kauften sie bei einem Ball in Berlin ein Los und gewannen den ersten Preis, eine freie Fahrt mit dem Schiff nach Fernost. Sie ahnten nicht, dass dies einen so großen Einfluss auf ihr Leben haben würde, denn sie kehrten nie wieder nach Deutschland zurück.

Dieser abenteuerliche Urlaub führte sie zunächst nach Batavia, in die niederländischen East Indies (heute Jakarta, Indonesien). Danach reisten sie nach Bali, China, Japan und Siam (Thailand). 1933 kamen die Nazis an die Macht und Käthe Kollwitz schrieb und riet Tina als Jüdin, nicht nach Deutschland zurückzukehren. So reisten sie in den folgenden neun Jahren in Südostasien umher und erhielten mit großem unternehmerischem Geschick Aufträge und stellten häufig aus. Als die Japaner dann nach Singapur vordrangen, wurden sie als deutsche Staatsbürger von den britischen Behörden verhaftet und nach Australien deportiert, wo sie für zwei Jahre interniert wurden. Nach ihrer Freilassung ließen sich die Wentchers in Melbourne nieder, wurden australische Staatsbürger und stellten ihre Karriere wieder her.

Tina Wentcher wurde bekannt durch ihre sehr einfühlsamen Porträts der Menschen, die sie in Südostasien getroffen hatte, und ihre Darstellungen von anmutigen indonesischen Tänzerinnen, wie z. B. Two Balinese Girl Dancers, um 1938, in Bronze gegossen und jetzt in der Sammlung von McClelland Sculpture Park+Gallery in Melbourne.

Sie produzierte weiterhin eine Reihe von Porträts, wie das der bekannten Geigerin Hephzibah Menuhin, 1953, aber ihr Stil hatte sich geändert und die Form wurde im Einklang mit dem Diktum der frühen Moderne von Wahrheit zu Material vereinfacht.  Ihr Mutter und Kind, um 1950, beruht auf der einfachen, befriedigenden Beziehung der beiden Formen, die aus dem Stamm eines Walnussbaums geschnitzt wurden. Dies war ein weiteres Werk der angesehenen australischen Künstlerin, das im Rahmen der großen Retrospektive in der McClelland Gallery 2017 gezeigt wurde.

Tina Wentcher wäre in Europa in Vergessenheit geraten, hätte nicht das Georg-Kolbe-Museum eine Ausstellung mit Werken von Bildhauerinnen, die in den 20er und 30er Jahren in Berlin ausgestellt hatten, organisiert. Zufällig konnte Dr. Martina Dlugaiczyk, die Tina Haim-Wentscher recherchiert hatte, auf ihre Arbeiten aufmerksam machen, so dass eine umfangreiche Auswahl an Fotografien ihrer deutschen Arbeiten in die Ausstellung aufgenommen wurde. Ein feiner kleiner Katalog und ein aufwendig illustrierter Bildband begleiteten die Ausstellung "Die Erste Generation". Wieder einmal wurde Tina Haim-Wentschers Werk der Öffentlichkeit in Deutschland und Europa vorgestellt; sie verdient es, dass man sich an sie erinnert.

Autor: Ken Scarlett
Ken Scarlett ist ein australischer Schriftsteller, der sich auf australische Skulpturen spezialisiert hat. Der ehemalige Direktor der Gryphon Gallery in Melbourne hat in jüngster Zeit eine Reihe von Ausstellungen von Skulpturen in großen Galerien, Museen und Skulpturenparks, aber auch an unorthodoxen Orten wie Krankenhäusern, Einkaufszentren, Parks und Gärten kuratiert. Im Jahr 1996 erhielt er die Medaille des Ordens von Australien für Verdienste um die Bildhauerei.



 
 
Menu
...loading...
...upload...
Bitte Pflichtfelder ausfüllen