What the fuck is Heimat?

Er verpackt von Menschenhand geschaffene Dinge in Luftpolsterfolie, um Gefährdetes zu schützen. Und da das schützende Material ebenfalls schützenswert ist, gießt er das Ganze zuweilen noch in Bronze oder Aluminium. Die neue Generation von Kultobjekten Stefan Strumbels gibt es jetzt im Museum Art.Plus zu sehen.

Heimat – ein Begriff mit dem wir zunächst einen Ort oder eine Gegend verbinden, in die wir hineingeboren wurden und in der wir unsere frühesten Sozialisationsprozesse durchlebten. Sie prägte unsere Identität, unseren Charakter, unsere Mentalität und unsere Weltauffassungen maßgeblich mit. Heimat meint aber auch vertraute Orte, Menschen in nächster Umgebung und feste kulturelle Gewohnheiten. Ein Begriff, der sich im stetigen Wandel befindet. Hinzu kommt, dass sich uns mit jedem Wechsel unseres Wohnplatzes eine neue Heimat erschließt, die auf uns wirkt, wenn auch nicht mehr so prägend wie in Kindheitstagen. Eines bleibt jedoch immer gleich: der gefühlsbetonte Ausdruck enger Verbundenheit – auch gegenüber bestimmter Sinnbilder konventioneller Traditionen und Wertvorstellungen. Eben auf dieses Phänomen will der Offenburger Künstler Stefan Strumbel  aufmerksam machen und hat dazu seine ganz eigene Theorie entwickelt.

Stefan Strumbel, I’m Ready Alu (2016), Aluminium patiniert, 60×21×15 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & Museum Art.Plus / Art.Plus
Stefan Strumbel, I’m Ready Alu (2016), Aluminium patiniert, 60×21×15 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation

Im Jahr 1979 in Offenburg geboren, nennt der Künstler bis heute die Region am Rande des Schwarzwaldes seine Heimat. Anfang der 90-er Jahre schlug er seine künstlerischen Wurzeln in der Graffiti-Szene. Eine Kunstform, die bis heute einer unterschiedlichen Akzeptanz unterliegt. Er besprühte Wände und Züge und trat Mitte der 90-er erstmals mit der Justiz in Konflikt. Im Jahr 2001 entschied er sich als freischaffender Künstler zu arbeiten und mit der Schaffung grellfarbener Paradigmen von „Heimat“ eine wohl etwas legalere Ausdrucksform für sich zu nutzen. Kuckucksuhren, Holzmasken und Schwarzwaldmädchen zählten mitunter zu den Objekten, die einerseits typische Konsumgüter der Schwarzwaldes, andererseits aber auch Urbilder deutscher Tradition in sich bergen und als solche auch millionenfach von Touristen als typisch deutsches Souvenir in die Welt getragen werden. Mit Stilelementen der Street Art und Pop Art setzte er sie in einen provokanten Kontext, indem er signifikante Elemente von ursprünglichen Heimatsymbolen durch Motive der Gewalt, Pornografie und dem Tod ersetzte. Dabei zeigen sie auf den ersten Blick zunächst gar nichts von ihren verstörenden Inhalten. Viel mehr wirken sie, durch ihre Lackierung in leuchtenden Farben, wie neugeschaffene Kultobjekte, die es im Jahr 2008 sogar auf die Titelseite der New York Times schafften. Strumbel schuf so eine Scheinwelt, die der gesellschaftlichen Realität als Spiegel dienen sollte. Er deckte Mechanismen einer Gesellschaft auf, die in ihrem täglichen Streben nach Status und Konsum allgegenwärtigen Reizen der Medien unterliegt. Das Konstrukt „Heimat“ wurde damit zur Metapher existenzieller Fragen nach Identität.

 
Stefan Strumbel, ohne Titel (9. November 2018), Edelstahl, Dimensionen variabel ©VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation
Stefan Strumbel, ohne Titel (9. November 2018),
Edelstahl, Dimensionen variabel ©VG Bild-Kunst,
Bonn 2018 & Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation

Seit 2015 entwickelte sich seine Arbeit entscheidend weiter. Fernab vom Flüchtigen und Vergänglichen wendet sich Strumbel seither der Schaffung von Kunstwerken zu, die Beständigkeit besitzen. Seine Arbeiten werden fortan immer abstrakter, die Bildsprache dagegen universeller. Der Heimatbegriff schwingt in ihnen noch immer mit und ist deutlich spürbar. Eben diesen Wandel veranschaulicht die aktuelle Ausstellung des Museum Art.Plus in Donaueschingen, die vom 18. November 2018 bis 24. März 2019 stattfindet. Die Bandbreite der gezeigten Werke beginnt mit einer Reihe leuchtender Neontafeln, die in ihrer Reklamehaftigkeit noch stark an das frühere Pop-Vokabular Strumbels erinnern. Als Sinnbilder typischer Lebkuchenherzen vom Jahrmarkt wenden sie sich direkt an die BetrachterIn, teils mit derben Statements. This is for the lonely people (2018) (Titelbild) ruft uns dabei einen gleichnamigen Song der Beatles zurück ins Gedächtnis. Es geht um Einsamkeit und Zerbrechlichkeit, um Erinnerungen an ein besseres Gestern, das das Heute erträglicher macht, aber auch um Hoffnung. Um Zerbrechlichkeit geht es auch bei den Installationen aus Keramikvasen und Milchkannen im Innen- und Außenraum des Museums. Als Gleichnisse des Menschen, verkörpern sie Gefäße angefüllt mit allem, was uns menschlich, aber auch verletzlich macht. Eine ganz andere Perspektive eröffnet sich der BetrachterIn bei den facettierten Spiegeln wie Tears for Fears I (2015).

Stefan Strumbel, Tears for Fears I (2015), Spiegel auf Holz, 192×120×11 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation
Stefan Strumbel, Tears for Fears I (2015),
Spiegel auf Holz, 192×120×11 cm ©VG Bild-Kunst,
Bonn 2018 & Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation

Sie dekonstruieren den Umraum der BetrachterIn derart, dass ihr ein Verorten des Standpunktes im Raum kaum noch möglich ist. Fragen werden laut: Wer bin ich? Wo stehe ich in dieser Welt? Und bin ich, was ich sein möchte? Im Zentrum der Ausstellung steht jedoch Strumbels aktuelle Werkphase, die durch die fast allgegenwärtige Luftpolsterfolie geprägt ist. Für Strumbel steht sie sinnbildlich für den Schutz von allem, was man transportieren und bewahren will. Seien es nun Werte, Inhalte, Überzeugungen oder Gefühle. Was vor- und umsichtig verpackt ist, dem haftet von vornherein die Aura des Wertvollen und Bedeutenden, aber auch des Zerbrechlichen an. Er verpackt sowohl Alltagsgegenstände, als auch kulturelle Artefakte in das schützende Material, aus denen wiederum der Heimatgedanke spricht. Leinwände, Kruzifixe, Madonnenstatuen, ja sogar seine eigenen Kuckucksuhren verhüllt er in sorgsam mit Klebeband verschnürte Pakete, um diese anschließend in Bronze und Aluminium endgültig zu verewigen. Dergleich veredelt, wird die Verpackung nun selbst zum Kunstobjekt. Für die BetrachterIn hingegen werden die meist unbetitelten Werke zu Rätselspielen. Denn Stefan Strumbel begibt sich nicht etwa auf die Erzählerebene – nein, mit der Frage, was sich wohl hinter der Hülle verbergen mag, bleibt jeder auf sich allein gestellt.

Museum Art.Plus
2-RAUM
Museumsweg 1
78166 Donaueschingen

18.11.2018 – 24.03.2019
www.museum-art-plus.com

 

Authorin: Claudia Thiel

Claudia Thiel ist Kunsthistorikerin und stellt ihre Fragen an das Fachgebiet gerne im journalistischen Stil.

 

Titelbild: Stefan Strumbel, Lonely (2018), Neonröhre in Plexiglas-Box, 120×120×23 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & Museum Art.Plus / Art.Plus Foundation



 
 
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