Der russische Kunstmarkt heute: aktuelle Situation, Praktiken und Perspektiven

Einblicke eines Insiders über den russischen Kunstmarkt: ein Interview mit Anton Belov, Leiter des Garage Museum of Contemporary Art in Moskau.

Anton Belov, der seit 2010 Leiter des Garage Museum of Contemporary Art in Moskau ist, teilt seine Meinung über den aktuellen Stand des Marktes und gibt einige wertvolle Einblicke in das Geschäftsmodell eine der progressivsten und erfolgreichsten zeitgenössischen privaten Kunsteinrichtungen Russlands.

Das Interview führte Laure Debouttiere am 14.Februar 2019 im Garage Café in Moskau und es wurde am 12. März 2019 von Alexandra Serbina gegengelesen. 

Anton Belov lässt an seiner Wahrnehmung des Kunstmarktes teilhaben, er spricht über das örtliche Engagement des Garage und erläutert, warum private Einrichtungen die Führung übernehmen und was Garage zu einem einzigartigen Modell macht. 

Vielen Dank, dass Sie diesem Interview zugestimmt haben. Mich würde Ihre Meinung zur aktuellen Situation des Kunstmarktes in Russland und Moskau interessieren, ebenso wie Ihre Einschätzung der gegenwärtigen Herausforderungen und Möglichkeiten, die die nahe Zukunft bringen wird.

Zuerst einmal denke ich, dass die meisten Probleme, die wir heute in Russland haben an einer mangelnden Infrastruktur liegen. Auf der Ebene des Staates/der Regierung gibt es keine Darlehensprogramme oder Studios, die Künstler kostenlos nutzen könnten. Wir haben nur wenige Kunstgalerien und diese sind nicht bei den großen Kunstausstellungen vertreten. Die meisten unserer erfolgreichen Galerien (diejenigen, die in den 1990er Jahren eröffneten) sind eher Familienunternehmen, die von zwei bis drei Leuten organisiert werden und daher keine großen Projekte der wichtigen Unternehmen erhalten.
Interessanterweise liegt gleichzeitig ein Großteil des Marktes in einer Grauzone. Es gibt viele Händler, die Geschäfte machen, aber sie sind nicht direkt sichtbar. Auch ich, zum Beispiel, bin ein Sammler (ich sammle Graphic Art) und ich sehe, wie viel man bei kleinen Auktionshäusern und kleinen Händlern erwerben kann. Als Sammler sollte man diese unbedingt kennen, da sie eine Bandbreite an Gegenständen und Werken verkaufen, sowohl preisgünstige Bilder, als auch Gemälde, die hunderte oder Millionen von Dollar kosten. Dieses Phänomen wurde also ein essenzieller Bestandteil unseres Marktes, aber niemand weiß davon. Was den Markt zeitgenössischer Kunst betrifft, wäre mehr Transparenz und mehr Erläuterungen bezüglich des Wertes und der Kosten der Werke nötig. Und natürlich benötigen wir einflussreichere Galerien und Auktionshäuser. Dennoch würde ich nicht sagen, dass alles schlecht ist. Denn wenn man sieht, wie viele Galerien momentan eröffnet werden und wie viele Initiativen gestartet werden, dann kann man, denke ich, sagen, dass die Entwicklung positiv ist. Heute Abend, beispielsweise, findet die Eröffnung des Cube statt – haben Sie davon gehört?

Hm…Ich bin mir nicht sicher. Was ist das?

Es ist ein Projekt, das im Untergeschoss des Ritz Carlton auf Ebene -2 stattfinden wird. Sie eröffnen einen Raum, der 1500 qm groß ist. 12 Galerien, oder eher 12 Stände, wie bei einer Kunstmesse, präsentieren ihre Werke in weißen würfelförmigen Räumen. Sie haben nur einen geringen Stauraum und im Zentrum dieser Fläche ist ein Café. Über die Details dieses Projekts bin ich mir nicht im Klaren, aber es ist ein Beispiel. 
Auch mit Art Fair erkennt man, dass es Bewegung gibt. Neben Cosmoscow werden wir nun noch eine weitere Kunstmesse jedes Jahr erhalten: Da!Moscow. Sie soll beispielsweise im Mai beginnen.

Was wird an dieser Kunstmesse besonders sein?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, es ist eine Konkurrenzveranstaltung zu Cosmoscow und das ist nicht gut für den Markt.

Glauben Sie, dass die Öffentlichkeit, oder die teilnehmenden Galerien anders, internationaler, sein könnten? 

Das Problem liegt, denke ich, woanders. Der Markt wird durch verschiedene Hindernisse eingedämmt. Wenn man Kunst zeitweise aus dem Ausland nach Russland bringt und sie hier in Russland verkauft, dann muss man Steuern zahlen, was ein großes Problem darstellt. Es hält ausländische Galerien davon ab, nach Moskau zu kommen.
Ein weiteres Problem sind die Sammler, die von den Steuern betroffen sind. Russische Sammler halten ihre Sammlungen außerhalb des Landes in London, Miami, in Europa oder einem freien Hafen bei Genf, um Steuern zu vermeiden. Jedoch hat nun ein Prozess begonnen, um das Gesetz zu ändern, so dass Sammler künftig keine Steuern auf ihre Sammlungen werden zahlen müssen. 

Es wird also einige juristische Veränderungen geben? 

Ja, die Veränderungen werden private Sammlungen und private Museen betreffen. Nun können private Sammler ihre Sammlungen hierher bringen, ohne Steuern zu zahlen. Leonid Mikhelson, Besitzer der V-A-C Foundation, war da sehr einflussreich. 

Gibt es Kooperationen zwischen Garage und der V-A-C Foundation? 

Manche Stücke ihrer Sammlung leihen wir für einzelne Projekte, aber nein, wir haben keine bestimmte Kooperation. Wir stehen eher ein klein wenig in künstlerischer Konkurrenz zueinander.

Okay, was genau ist die Mission des neuen Contemporary Culture Center Projekts der V-A-C Foundation?

Diese Frage sollte an den Vertreter der V-A-C Foundation gerichtet sein. Das Konzept ist unheimlich für Russland, es scheint ein Haus der Kultur zu sein. Im Inneren wird es eine Bäckerei geben, sie werden einige Ausstellungen haben, ein Produktionszentrum und sie möchten, dass die Leute genießen und sich beteiligen. Es klingt ein bisschen wie das Konzept des Soviet Houses of Culture. Ein wunderschöner Ort, an dem sich Leute einbringen.

Blick auf die Anlage des Center for Contemporary Culture der V-A-C Foundation, im ehemaligen Kernkraftwerk HPP-2. Zur Verfügung gestellt von Renzo Piano Building Workshop (RPBW)
Blick auf die Anlage des Center for Contemporary Culture der V-A-C Foundation, im ehemaligen Kernkraftwerk HPP-2. Zur Verfügung gestellt von Renzo Piano Building Workshop (RPBW)

 

Was ist das Modell des ehemaligen Soviet Houses of Culture?

Die Soviet Houses of Culture waren beliebte Einrichtungen der Sowjetunion. Sie wurden als öffentlicher Raum geschaffen, um Arbeiter in verschiedene Programme zu integrieren, um Leben aufzubauen. Ihr Ursprung geht auf das Italien des 19. Jahrhunderts zurück, als ähnliche Räume geschaffen worden waren, die dem Wunsch nach Lesekompetenz der Arbeiter entsprangen. Es war ein sehr interessantes und beliebtes Phänomen, um sich in der Sowjetunion zu sozialisieren. Es gab sie auf dem Land, in kleinen und großen Städten, auch jede große Firma hatte ihr eigenes Kulturzentrum. Es ist interessant, dass Russland immer noch ein sehr sozialistischer Ort ist. Man kann dies in vielen verschiedenen Formen fühlen. Selbst wenn Leute Geschäfte abwickeln, geht es nie zu einhundert Prozent ums Geschäft. Die Leute hier sorgen sich immer noch sehr umeinander und sind auf eine gewisse Art sehr verantwortungsbewusst…es ist ziemlich merkwürdig. Das ist es, worum es in einem Culture Center geht. 

Danke, dass Sie das erläutert haben. Um das, was Sie gerade gesagt haben, zusammenzufassen: Sie erwähnten, dass sich das Rechtssystem entwickelt und dass sich die Situation für Sammler und private Museen verbessert. Aber wie verhält es sich mit privaten Leuten, die nach Russland oder aus Russland reisen möchten? Die Notwendigkeit eines Visums, um Russland zu bereisen oder es zu verlassen, stimuliert die Menschen nicht gerade dazu, Besuche zu machen. Ist das zutreffend? 

Ja, das stimmt. Aber auch hier gibt es einige Veränderungen. Auf Regierungsebene ist eine neue Abteilung geschaffen worden, die die Visa Regularien ändern und vereinfachen möchte. Alles wird elektronisch ablaufen und es wird möglich sein, innerhalb von drei Tagen ein Visum zu erhalten. Russland versucht so gut wie alles zu digitalisieren. 

Ja, ja… Es stimmt, es scheint, dass Russland, im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern im Digitalisierungsprozess weit voraus ist. Auch haben Sie hier bei Garage Ihren Papierkonsum um über 70 Prozent reduziert, wie ich gelesen habe.

Ja, wir sind in diesen Bereichen ein wenig verrückt. Wir hier von Garage haben dieses Programm begonnen: Freundlicher gegenüber der Umwelt. Auch begannen wir andere Pionier-Programme: beispielsweise ein Programm, dass Menschen mit Behinderung inkludiert. Nun folgt die Regierung unserem Beispiel und möchte dies in allen anderen russischen Einrichtungen umsetzen. 

Sie sprechen von Ihrem Inklusionsprojekt?

Ja, und es braucht nicht nur ein Projekt, es ist ein tagtägliches Tun der Mitarbeiter. Wir müssen sie schulen und ihre Gewohnheiten ändern. Es ist ein dauerhafter Prozess. 
Ein weiterer interessanter Aspekt des Marktes ist, dass die privaten non-profit Einrichtungen momentan mächtiger werden als der Markt.

Stellen Sie kommerzielle Galerien anderen Institutionen gegenüber?

Ja! Institutionen werden immer mächtiger und sie versuchen den Markt zu unterstützen. Es ist interessant zu beobachten, dass in Russland seit den 1990er Jahren eigentlich die Kunstgalerien all die Arbeit übernahmen, aber seit 2006/2007 hat sich die Situation verkehrt. Die Institutionen sind diejenigen, die die Künstler und den Kunstmarkt unterstützen. Sie übernehmen die Arbeit, die die kommerziellen Galerien sonst ausführten. Die Institutionen sind diejenigen, die Künstler fördern und Ausstellungen organisieren. 

Interessant…und was passierte 2006/2007? Was veränderte sich? 

Zu diesem Zeitpunkt entstanden neue Einrichtungen wie Stella Foundation, the Winzavod Center (auch wenn es als profitorientierte Galerie entstand veränderte es sich später), V-A-C Foundation, Garage…es verhält sich so wie mit dem Jüdischen Museum, the Center for Tolerance, das auch begann, sich aktiv für zeitgenössische Kunst einzusetzen. Viele Museen begannen Ausstellungen zu zeitgenössischer Kunst zu zeigen, das wurde davor von kommerziellen Galerien übernommen. 

Ein weiterer interessanter Punkt für mich ist die Struktur all dieser Einrichtungen. Es scheint, als gäbe es immer eine Person hinter den Einrichtungen. Dies führt zur Frage nach der Elternschaft. Was wird passieren, wenn die Person hinter der Einrichtung plötzlich verschwindet.

Ja, das ist wahr. Jede Einrichtung fußt auf der Initiative einer Person und das ist normal. Wenn man sich alle privaten Musen der Welt ansieht, sieht man, dass sie alle mit der Initiative eines wichtigen Menschen zusammenhängen. Es braucht ca. 30 bis 40 Jahre, um ein unterstützendes Netzwerk aufzubauen, um Mitgliedschaften zu schaffen, dauerhafte Sponsoren zu finden. Wir bei Garage, zum Beispiel, bauen auch an diesem unterstützenden Netzwerk. Wir sind 10 Jahre alt und wir generieren nun 30 Prozent des Geldes, das wir benötigen, selbst. Unsere Vorstellung ist, eine Stiftung aufzubauen und mit dem Board of Trustees ein Model aufzubauen, das auf selbstgenerierten Geldern beruht. 
Aufmerksamkeit suchen ist auch ein Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Einrichtungen. Die öffentlichen Einrichtungen sind von den örtlichen Autoritäten abhängiger. Wenn man sich Ungarn oder Kuba oder auch hier umsieht, weiß man, dass die Regierung Ausstellungen schließen kann. Daher wachsen private Einrichtungen und private Museen, sie werden mächtiger und gehen mehr an die Öffentlichkeit als die eigentlich öffentlichen Einrichtungen, da sie nicht von öffentlichen Entscheidungen abhängig sind. 

Okay, ich verstehe…und würden Sie sagen, dass dies ein weltweites Phänomen ist oder eher ein spezifisch russisches?

Vielleicht ist es eher ein russisches Phänomen, denn wir haben 70 Jahre aufzuholen!

Was ist Ihr Plan?

Mein Ziel ist es, mindestens 50 Prozent der Kosten selbst zu tragen.

Haben Sie einen Zeitplan für diesen Plan?

Nein, den habe ich nicht, denn ich halte nichts von dieser Art zu planen, vor allem in unserem wirtschaftlichen und politischen Kontext. Aber mein Plan ist es, die prozentualen Anteile Jahr für Jahr zu erhöhen. Als ich begann, hatten wir fünf Prozent eigen generierte Mittel, nun liegen wir bei 30-35 Prozent und möchten in den nächsten fünf Jahren auf über 50 Prozent kommen. 

Ich möchte auf den Raum und die Rolle kommerzieller Galerien zurückkommen. Was denken Sie, wird passieren? 

Es ist interessant, denn Künstler scheinen eher nach Orten mit Institutionen zu suchen, als nach Möglichkeiten der Vertretung durch Galerien. Galerien scheinen den Großteil ihres Geschäfts auf den weltweiten Kunstmessen zu absolvieren und Galerien in Chelsea scheinen so auszusehen und so zu funktionieren wie Museumsräume mit Ausstellungen der Größe von 2000 bis 3000 qm, aber mit freiem Eintritt…

Ja, Sie haben Recht. Aber wo sind die bodenständigen, essenziellen Galerien, diejenigen, die die Kunstmessen besuchen?

Die Sache ist die, dass viele Menschen noch nicht verstanden haben, dass die Zukunft des Verkaufens online stattfindet. Künftige Generationen werden online kaufen und nicht in Galerien gehen müssen. Man muss dennoch raumgebundene Ausstellungen in Museen anbieten, aber Galerien werden nicht weiter benötigt sein. Kennen Sie Sample?

Nein, was ist das? Ist es eine App?

Nein, Sample ist eine Plattform auf Instagram, die von drei jungen Damen geschaffen wurde. Sie nutzen die Instagram-Plattform, um Kunst auszustellen und zu verkaufen, ganz ohne eine Galerie zu besitzen. Sie zeigen online Kunstwerke, die an anderen Orten verkauft werden. Man kann online den Preis einsehen und kaufen. Sie nehmen eine kleine Kommission und diese Art des Betreibens einer Galerie ist die Zukunft. 
Des Weiteren gibt es auch online Apps für Auktionen. Auch ich nutze sie, um Kunst zu kaufen. Viele Leute fragen mich, ob ich das Werk nicht im echten Leben sehen muss, bevor ich mich entscheide, aber ich denke, für mich treffe ich in 80 Prozent der Fälle die richtige Wahl. Ich kaufe Zeichnungen für 100 Rubel oder vielleicht für bis zu 5000 Rubel und ich kann das online erledigen. Ich spare Zeit. Ich muss nirgendwo hingehen. Ich brauche nur 30 Minuten bevor ich mich schlafen lege. 

Ja, online ist definitiv der größte Trend! Denken Sie, dass Ihr Verhalten repräsentativ für das Verhalten russischer Bürger ist? Gibt es vielleicht Unterschiede zwischen westlichen und russischen Käufern? 

Ich denke nicht, dass es viele Unterschiede zwischen westlichen und russischen Menschen gibt. Es ist überall das gleiche: der gleiche Unterschied zwischen Großstadt und Peripherie, zwischen echten Kunstliebhabern und Menschen, die nicht an Kunst interessiert sind.

Was wollen Sie sagen?

Wenn man nach Kazan geht, wo es nur wenige Zentren gibt, findet man dennoch hunderte junger Menschen, die zu Ausstellungen kommen. In jeder Stadt der Welt findet man denselben Prozentsatz an Sammlern und Kunstliebhabern. Viele Kunstliebhaber hier sind verschwiegener, sie denken immer noch auf eine sowjetische Art und Weise, sie fürchten, dass jemand ihre Kunstwerke stehlen könnte. Daher ist es sehr schwer, Zugang zu privaten Sammlungen zu erhalten. Sie sind Schätze, die man nur wenigen Freunden zeigt. 

Wie sieht Ihre Unterscheidung von Sammlern und Kunstliebhabern aus? 

Für mich sind Kunstliebhaber eher intellektuelle Menschen, es gibt viele von ihnen in Russland, sie verstehen Kunst und lieben sie, aber sie haben nicht genug Geld, um Kunst zu kaufen. Sie sammeln nur Kunst, die aus Geschenken von Freunden besteht. Oft sind sie Professoren, Schriftsteller…
Die Sammler sind natürlich ein anderer Typ. Sie jagen um die Welt, um Kunst zu sammeln und ihre Sammlung zu vergrößern. Diese „Sucht“ ist der treibende Motor ihres Lebens und sie folgen ihrer Leidenschaft. Es ist immer noch „romantisch“, da es keine zwei Jahre her ist, dass ich diese Ausstellungen besuchte. Sie fingen an mich einzuladen, weil das System ein recht geschlossenes ist, auch im Bereich des Sammelns. Das System beruht auf Gegenseitigkeit, man lädt sich gegenseitig ein, man unterstützt die Museen des jeweils anderen, man zeigt seine Sammlung. Man lädt Menschen ein, die dieselbe Leidenschaft teilen: Designer, andere Sammler, Mäzene…

Um das Interview abzuschließen würde ich gerne zwei letzte Punkte besprechen.

Natürlich!

Gibt es, Ihrer Meinung nach, einen oder mehrere Aspekte oder Besonderheiten des zeitgenössischen russischen Kunstmarktes, die genauer betrachtet werden sollten bzw. die für nicht-russische Kunstliebhaber von besonderem Interesse sein könnten oder besonders nützlich zu verstehen wären? 
Und, last but not least, der Name Garage wurde in wenige als zehn Jahren auf die Liste der führenden Einrichtungen für zeitgenössische Kunst gesetzt. Als Manager dieser progressiven und erfolgreichen Kunsteinrichtung: was möchten Sie mit anderen Interessierten teilen, die in Ihre Fußstapfen treten möchten, was ist Ihr „Rezept“, wo kommt Ihre Inspiration her? 

Nun, ich überlege mir alle Fachbereiche selbst. Ich habe ein Konzept im Kopf, ich baue ein gesamte Ökosystem. 

Oh! … Wären Sie bereit, dieses mit mir zu teilen? 

Natürlich nicht! … lacht… Ich plane dieses Konzept 20-30 Jahre im Voraus. Ich halte nichts davon vorbildhaften Institutionen wie MOMA oder Tate zu folgen, sie wachsen wie Einkaufszentren.

Hatten Sie diesen Plan von Anfang an? 

Zu Beginn hatte ich zwar nicht die endgültige Idee, aber ich wusste, dass ich die Art, wie man mit Menschen zusammenarbeitet und die dazugehörigen Strukturen, verändern wollte. Ich wollte damit experimentieren, wie es funktioniert und nicht die Vorgehensweise anderer Museen übernehmen. 
Garage hatte zwei Büros, eines in London, das zweite in Moskau. Und ich bewies, dass es effizienter ist, nur das in Moskau zu betreiben, da das Zentrum des Geschehnisses und deren Geist in Moskau stattfinden. 

Wie fing das also alles an?

Freunde stellten mich Dasha (Eine der beiden Gründer von Garage: Darya Zhukova) vor und später überreichte ich ihr eine handgeschriebene Liste auf A 4 Papier mit Ideen, was getan werden sollte. Und dann fragte sie mich, was ich davon hielte, der Leiter zu werden. Ich antwortete ihr, dass es eine wunderbare Idee wäre, aber dass ich Handlungsfreiheit bräuchte, um Veränderungen durchzuführen. 

Und wann war das? 

Das war schon nachdem die Aktivitäten von Garage begonnen hatten. Dasha war für diese verantwortlich. Sie war sehr erfreut über meine Vorschläge. Ich kam im Jahr 2010 dazu. 
Um auf Ihre Frage zurückzukommen, welche Aspekte für nicht russische Kunstliebhaber an Garage interessant sein könnten, denke ich, dass es wichtig ist zu erkennen, dass das Modell Garage komplex ist, denn wir unterscheiden uns stark von anderen Einrichtungen.

Was sind dann die Einflüsse, die sich auf Ihre Vision ausgewirkt haben? 

In allen Museen und Einrichtungen, die ich besuche, schaue ich mich immer um und versuche die Vor- und Nachteile zu sehen. Meiner Meinung nach ist es am wichtigsten, eine klare Vorstellung davon zu haben, was man erreichen möchte. Mir war von Anfang an klar, dass die erste Abteilung, die wir erschaffen sollten, die für Bildung war. Wir fingen mit Bildung an und dann nahmen wir, Abteilung für Abteilung, Veränderungen vor. Es ist also unerlässlich, dass man eine Vision hat, dass man an diese glaubt und dass man an ihr arbeitet. 

Wie sieht die heutige Struktur von Garage aus? 

Das kann ich Ihnen nicht sagen… lacht… Das ist unmöglich zu definieren. Ich versuche sehr stark von der traditionell hierarchischen Art zu arbeiten wegzugehen. Ich habe beispielsweise kein festes Büro. Ich wandere von Ort zu Ort, zu verschiedenen Treffpunkten, mit meinem Laptop. Wir haben horizontale Strukturen. Ich bin ein kleiner Frederic Laloux der mit seinem Computer herumwandert. Kennen Sie das Buch? 

Nein. 

Es handelt sich um ein Buch namens Reinventing Organizations. Dies bedeutet, dass sich Firmen von den hierarchischen Strukturen hin zu leichten horizontalen Strukturen entwickeln. In diesem Modell hat jeder Einfluss, jeder kann Vorschläge unterbreiten, jeder kann Entscheidungen treffen. Es handelt sich um eine sich selbst in frage stellende Einrichtung, die sich selbst neu ausrichtet und korrigiert. Es gibt keine Beschwerden von Angestellten. Diese Art zu arbeiten ist weitaus fordernder, weil jeder Angestellte und Manager darüber nachdenken muss, wie er mit anderen in Interaktion tritt und wie man Teams motiviert. Auf der anderen Seite taucht dafür wieder die Freude am kreativen Arbeiten auf. Die Form der Kontrolle liegt in der Struktur selbst und es gibt keine Notwendigkeit der hierarchischen Kontrolle mehr. Es sind Systeme, die in sich kritisch sind. Die Vorstellung, man müsse strategisch planen, wird obsolet. Die Erfahrung zeigt, dass alle Strukturen, die diese Entscheidung trafen, florieren. Die Firmen, die zu diesem Modell gewechselt sind, kamen eigenständig zu diesem Schluss und sind von innen heraus überzeugt. Das hierarchische System hat keine Berechtigung mehr.
Deswegen versuchen wir beispielsweise nicht weitere Bereiche bei Garage zu eröffnen. Stattdessen versuchen wir verschiedene Projekte umzusetzen und haben dafür ein Projektbüro. Wir arbeiten wie auf einem Campus. Wir haben verschiedene Gebäude, in denen verschiedene Dinge stattfinden. Es ist wie eine Wissenschaftsstadt. Dies bedeutet, dass man bei uns ein Bildungs- und Wissenschaftszentrum, ein Kunstzentrum und oft auch ein technisches Zentrum findet. Technik ist ein großer Bestandteil unserer meisten Projekte. Sie sollten auf jeden Fall in unser zentrales Büro kommen und sich das ansehen.

Na klar, das würde ich gerne machen. 
Kennen Sie andere Einrichtungen, die ihrem Modell folgen? 

Nein, ich halte es für unmöglich, so zu sein wie wir. Wir haben eine ganz besondere Position, denn in Moskau gibt es keine andere örtliche Infrastruktur. Wir haben einen besonderen Platz, wir können im Jahr zwischen 50 und 56 Bücher übersetzen und veröffentlichen, wir können Studios zum Wohnen eröffnen. Und ich kenne keine andere Einrichtung, die etwas ähnliches kann, denn sie haben schon die Infrastruktur um sich herum, sie haben Verleger. Hier, im Erdgeschoss von Garage, heißen wir jeden kostenlos in unserem Café, oder unserem Geschäft, oder unserer Bibliothek willkommen. Wir erheben nur eine Gebühr, wenn man unsere Ausstellung sehen möchte. Dies wird in anderen Einrichtungen nicht so gehandhabt. 
Im Gegensatz zu anderen Museen oder Einrichtungen, die vor allem mit Touristen arbeiten, arbeiten wir auch mit Ortsansässigen. Wir arbeiten mit ihnen und möchten ihr „dritter Ort“ sein, neben ihrem Zuhause und ihrem Arbeitsplatz. Ein Ort des Lernens, des Austausches und der Unterhaltung. 
Kunst ist nur ein Instrument, aber es ist nicht zentral für uns. Unsere Mission beschäftigt sich eher mit sozialen Veränderungen und Erfahrungen, um den Geist der Menschen zu weiten. 

Wie interessant! Dies ist in der Tat eine einzigartige Position. 
Um dieses Interview abzuschließen, möchte ich fragen, ob Sie Bedrohungen fürchten. Gibt es politische oder juristische Herausforderungen, die ihre Aktivitäten ausbremsen? 

Nein, ich fürchte keine Bedrohungen. Wir sind eine eigenständige private Einrichtung. Außerdem profitieren wir von einer großen Unterstützung aus der Gemeinschaft: Gründer, Mäzene, Unternehmenssponsoren, Moskaus Bürgermeister und Regierungsstrukturen (nicht in Form von Geldern, aber als Weichensteller in speziellen Situationen) und von Besuchern. Ich glaube wirklich, dass uns die gesamte Gesellschaft unterstützt. Vielleicht befinden wir uns in einer ganz besonderen Situation: in einer Art Blase und diese Blase wächst rapide, sie baut Brücken zu anderen Einrichtungen und ermutigt sie, sich auch zu verändern.

Das klingt als wären Sie sehr optimistisch, was die Zukunft betrifft?

Ja, ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft betrifft. Andernfalls wäre es unmöglich eine Einrichtung aufzubauen.

Vielen Dank für Ihre Zeit und all die wertvollen Einblicke und Informationen. Es war eine Freude Sie kennenzulernen. 

Gern geschehen. 

 

FAZIT
Anton Belovs optimistische Perspektive auf den Stand der Dinge des zeitgenössischen Kunstmarktes wirkt wie eine frische Brise. Wirtschaftliche und politische Unebenheiten scheinen durch einen lauen Wind aus der Kunstwelt ausgeglichen zu werden…Utopie oder Wirklichkeit… die Zeit wird es zeigen!

Eine Tatsache ist, dass Garage zu einem der bedeutendsten kulturellen Orte in Moskau wurde: es ist nicht nur eine Plattform für zeitgenössische Kunst und wissenschaftliche Ausstellungsprojekte, sondern auch ein Ort für moderne Formen der Bildung, einen Verlag und ein schönes Café. Jonathan Bastable bestätigte die führende Rolle von Garage in einem Artikel über den Aufstieg privater Museen (Condé Nast Traveller 07/08 2017). Neben anderen fantastischen Einrichtungen wie MOCCA in Kapstadt, The Broad in Los Angeles, Leeum in Süd Korea, erscheint Garage ganz oben auf der Liste der aufsteigenden einflussreichen privaten Einrichtungen, die die zeitgenössische Kunstszene weltweit beeinflussen.
Garage feierte vergangenes Jahr 10-jähriges Bestehen und hat schon jetzt weltweite und lokale Anerkennung unter Kunsteinrichtungen, Experten und der allgemeinen Öffentlichkeit erlangt.

Trotz der politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die Russland betreffen, wächst Garage und zeigt eine beeindruckende Entwicklung was weltweite Anerkennung, örtlichen Einfluss und Selbstunterstützung betrifft. Die Vertreter von Garage sind nicht nur auf den einflussreichsten Kunstveranstaltungen wie der Biennale Venedig oder der Documenta Kassel vertreten, sondern sie begannen auch langfristig angelegte Kooperationen mit US-amerikanischen und deutschen Universitäten und Einrichtungen, um Archive zu teilen. 

Auf örtlicher Ebene hat der erfolgreiche und progressive Zugang der Einrichtung gegenüber inklusiven Programmen, Bildungsprogrammen und dem Kontakt zur Gemeinde bereits Erfolg gezeigt und andere Einrichtungen „erfolgreich angesteckt“, die nun dem Beispiel von Garage folgen möchten. 
Trotz der schwierigen Konjunktur scheinen die von Belov angedeuteten Vereinfachungen in Bezug auf Visa, Steuersysteme für Sammler, Museen und für im Bereich Kunst Tätige die Hoffnung auf eine positive Entwicklung des russischen Kunstmarktes zu verstärken.

Hoffen wir also, dass solche Bemühungen und Initiativen von Profis der russischen Kunstszene weiterhin stattfinden werden und einen weltweiten Dialog unterstützen.

Über Anton Belov
Leiter von Garage, des Museums für zeitgenössische Kunst. Geboren 1983 in Moskau, studierte Belov am Moscow Institute of Steel and Alloys, um Physiker und Chemiker zu werden. Als Student begann er sich für Kunst, kreative Menschen, Galeriebesitzer und die Aktivitäten der Art Chronicle Foundation zu interessieren.
Im Jahr 2010 entwickelte er eine Internetseite und eine Anwendung für Smartphones namens Artguide: ein Führer für Galerien und Ausstellungen in Moskau und er gründete das nicht-kommerzielle Projekt Gallery White, das auf die Zusammenarbeit mit jungen Künstlern abzielt. 
Ungefähr zur gleichen Zeit traf Anton Belov die Gründerin des Garage Museums, Dary Zhukova. Kurze Zeit später bekam er die Stelle als Managing Director des Museums angeboten. Seitdem ist er dort tätig. 
Dank seines Charismas und seiner Hartnäckigkeit kamen auch Größen wie Hans-Ulrich Obrist und Kate Fowl nach Moskau, um für Garage zu arbeiten. Moskau ist die Stadt, an der er ganz offensichtlich hängt und an die er glaubt. 

Über Laure Debouttiere
Laure Debouttiere wurde 1973 in Frankreich geboren und lebt seit August 2017 in Moskau. Momentan arbeitet sie an einer Dissertation an der National Research University Higher School of Econonmics in Moskau. Sie ist Studentin des Bildungsmasterprogramms History of Artistic Culture and the Art Market. Debouttiere ist auch ein Profi im Bereich Kunst, denn sie war als unabhängige Kunstberaterin tätig und arbeitete mit Künstlern, Kuratoren, Museen und Sammlern. Sie studierte, lebte und arbeitete in Frankreich, Deutschland, der Schweiz, dem Vereinten Königreich, Spanien und den USA, bevor sie nach Moskau zog. Ihr Ziel ist es, den aktuellen Stand des Kunstmarktes durch Interviews mit örtlichen Experten zu erkunden. 

 

Zusätzliches Lesematerial über Garage

 Garage 2nd International Conference. The Reflexive Museum: Responsive Spaces for Publics, Ideas and Art
 

 The Rise of the Private Museum
 

Offizielle Webseite von Garage 
 

 

Titelbild: L. Debouttiere 11/03/2019



 
 
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