Figurative Überraschungen – die Skulptur-Biennale ARTZUID in Amsterdam

„Kunst kann freudig sein, sie kann uns Trost spenden; es geht um Vergnügen und ums Lernen.“ – die 6. Ausgabe der Skulptur-Biennale ARTZUID hat ihren Schwerpunkt in figurativer dreidimensionaler Kunst. Wir sprachen mit Jhim Lamoree, einem der beiden Kuratoren dieser außergewöhnlichen Veranstaltung über Überraschungen und Badewannen bei Freiluftausstellungen. Die Ausstellung findet bis 15. September statt.

Erst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen und mit uns über die ARTUZID sprechen! Als ich mir die Liste der in Amsterdam ausstellenden KünstlerInnen ansah, stolperte ich über große Namen wie Anish Kapoor, Jean Dubuffet und Erwin Wurm. Auch sind einige KünstlerInnen unseres Netzwerks vertreten: Eja Siepman van den Berg, Jerzy Kedziora, Johan Tahon  und dann gibt es noch einige, da muss ich zugeben, von denen habe ich noch nie gehört. Daher frage ich mich: wie wählten Sie die Künstler für die Biennale aus? Welcher Prozess lag hinter den Entscheidungen?

Also, natürlich kennen Sie nicht alle Namen auf der Liste und das ist gut so, denn Sie sollen ja neue KünstlerInnen kennen lernen! Für mich geht es viel um Verbindungen. Wir folgten zwei verschiedenen grundsätzlichen Konzepten. Alle Skulpturen werden unter freiem Himmel ausgestellt. Wir möchten eine Verbindung zwischen den Kunstwerken und der sie umgebenden Architektur und den Gärten schaffen. So schaffen wir eine Verbindung zwischen den Dingen, die bereits da sind, wie die Pflanzen und die Gebäude und den Skulpturen, die an bestimmte Stellen in der Gegend aufgestellt werden.

Henk Visch, Teach me to sit still, 2016 ARTZUID19
Henk Visch, Teach me to sit still (2016)

Und dann gibt es natürlich noch die Verbindung zwischen den verschiedenen Kunstwerken. So werden wir beispielsweise drei Figuren des österreichischen Künstlers Erwin Wurm in der Nähe der Werke des in Berlin arbeitenden niederländischen Künstlers Henk Visch aufstellen. Diese Konstellation wird eine spezielle Verbindung zwischen den Skulpturen herstellen.
Das zweite grundlegende Konzept ist eine Art Geschichte figurative Skulpturen in der modernen und zeitgenössischen Kunst – verschiedene Zugänge zu figurativer Sprache. Da der Schwerpunkt nicht auf abstrakten Werken liegt, hoffen wir, dass es einem größeren Publikum leichter fallen wird, einen Zugang zu den Skulpturen zu finden und die Ausstellung zu genießen.
Dennoch sind einige der Ausstellungsstücke, wie beispielsweise die von Anish Kapoor, nicht im traditionellen Sinne figurativ. Wir werden zum Beispiel Kapoors Spiegel-Arbeiten zeigen. Grundsätzlich sind sie abstrakt – aber was sieht man im Spiegel? Ja, man sieht sich selbst, eine Figur und deren Umgebung. Wir werden versuchen, verschiedene Wege zu zeigen, wie man sich dem Bildhaften widmen kann.

Während momentan viele KünstlerInnen und Kunstveranstaltungen auf schwierige politische und soziale Situationen reagieren, ist Ihr Ziel, dass ein Besuch der ARTZUID wie ein Spaziergang durch extravagante Gärten ist, die Genuss und Überraschungen bieten. Es handelt sich also um einen sehr positiven und optimistischen Zugang. Was führte dazu, dass Sie die unterhaltende und positive Kraft, die dreidimensionale Kunst haben kann, betonen und somit Kunst und Spektakel zu verbinden?
 Kunst kann freudig sein, sie kann uns Trost spenden; es geht um Vergnügen und ums Lernen. Nachdem man in Kunst oder in eine Erfahrung mit Kunst eingetaucht war, wird man zurück in seine Lebensrealität geworfen, betrachtet sein Leben aber anders. Mein persönlicher Zugang zu Kunst hat von beidem ein wenig: ich versuche nicht die Verbindung zu den manchmal sehr harten Realitäten zu verlieren, aber auch das Gute zu sehen. Kunst kann eine erhellende und verbindende Kraft besitzen, vor allem durch Überraschung und Spaß. Dies ermöglicht es uns, einen anderen Blick auf unsere Welt zu entwickeln. Wenn ich mir Gemälde und Scherenschnitte von Matisse ansehe, gibt mir das Vergnügen und Trost. Gärten und Kunst lösen beide diese Gefühle aus und man lernt immer dazu, wenn man Zeit mit bzw. in einem oder dem anderen verbringt.

Marc Quinn, Myth (Sphinx), 2007. Courtesy of Vanhaerents Art Collection, Brussels, Belgium. ARTZUID2019
Marc Quinn, Myth (Sphinx) (2007), Courtesy of Vanhaerents Art Collection, Brüssel, Belgien.

Welche anderen Höhepunkte können wir von der Ausstellung erwarten?
Der belgische Künstler Jan Fabre wird in einer der Gärten sieben goldene Badewannen zeigen.

Die Ausstellung wird 24/7 geöffnet sein. Sollte es regnen, könnte ich also mitten in der Nacht ein Bad nehmen?
[lacht] Ich hoffe, dass die Leute das nicht tun werden, aber theoretisch wäre das möglich, ja.

ARTZUID wird von einem Duo kuratiert: von Ihnen und von Michiel Romeyn. Auf den ersten Blick scheinen sie zwei sehr verschiedene Persönlichkeiten zu sein: ein Schriftsteller und ein Schauspieler, die eine Leidenschaft für Kunst teilen. Wie würden Sie Ihre Rollen in der Zusammenarbeit als Kuratoren beschreiben?
Nun, Michiel ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Künstler, auch wenn die Leute ihn meist nur aus dem Fernsehen und von seinen etwas absurden Programmen kennen, in denen er Dinge auf seine eigene Art ein bisschen auf den Arm nimmt. Wir haben gemeinsam im nationalen Fernsehen ein Kunstprogramm gemacht, daher kennen wir einander schon eine ganze Weile, vielleicht zehn oder zwölf Jahre. Wir wissen, wie der jeweils andere arbeitet, wie er tickt und wir haben einen ähnlichen Geschmack. Nicht den Gleichen, aber wir harmonieren sehr gut. Es gibt kaum Streit. Es hat gewissermaßen ‘klick’ gemacht, denn es fühlt sich für uns natürlich an, gemeinsam zu arbeiten, wie im Fluss. Auch gefiel uns beiden das Konzept, das die Stiftung von ARTZUID vorsah, mit dem figurativem Schwerpunkt bei der Auswhal der Arbeiten für die Gärten.

Michiel Romeyn (above) and Jhim Lamoree (below) curators of ARTZUID 2019
Michiel Romeyn (oben) und Jhim Lamoree (unten): die zwei Kuratoren der ARTZUID 2019

Was hoffen Sie, dass die BesucherInnen, wenn sie durch diese besonderen Kunstgärten wandern, erfahren werden?
Dass die Menschen das Leben aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Dass man zum Beispiel, wenn man einen wunderschönen Garten betritt, denkt: Mein Gott, das ist eine Erfahrung, die mir hilft, meiner Lebensrealität gewachsen zu sein!

Barry Flanagan, Large Nijinski on Anvil Point, 2001 ARTZUID19
Barry Flanagan, Large Nijinski on Anvil Point (2001), Bronze, 700 × 338 × 200 cm

Die Biennale wird am 17. Mai öffnen. Was muss noch erledigt werden?
Wir haben einen sehr engen Zeitplan, aber bisher läuft alles gut. Momentan warten wir darauf, dass alle Skulpturen in Amsterdam eintreffen und wir dann die Feinabstimmungen mit der Aufstellung der Werke vornehmen können. Zu diesem Zeitpunkt werden wir recht nah am Eröffnungsdatum sein und die Fotos für den Katalog müssen geschossen werden um kurz vor knapp noch in Druck zu gehen – dadurch wird der Katalog so aktuell wie möglich sein. Ich kann nur hoffen, dass es da nicht regnen wird!


 

Autorin: Elisabeth Pilhofer
Elisabeth Pilhofer ist freischaffende Redakteurin und Kuratorin. Sie sprach für uns mit Jhim und hofft nun, dass sie im Sommer einen Ausflug nach Amsterdam machen kann, um sich bei Tag und bei Nacht von den Skulpturen überraschen zu lassen.

 

Coverbild: Elsa Tomkowiak, Passages Insolites, 2016. Courtesy The Merchant House.



 
 
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